Bild: Stefan Erhard / Netflix
"Dark" war eine wilde Philosophievorlesung, verkleidet als Sci-Fi-Serie.

Spoiler-Warnstufe orange

Wir verraten hier etwas über die Serie oder den Film. Nicht das komplette Ende. Nicht die Mörder-Überraschung. Falls du dich aber ärgerst, wenn wir hier gleich Ereignisse vorwegnehmen: Lieber erst anschauen und dann hierher zurückkommen.

Glaubt man Filmen über Zeitreisen, sind solche Trips eine gefährliche und komplizierte Angelegenheit. Jeder unbedachte Schritt, jeder Atemzug in der Vergangenheit könnte die Zukunft verändern, aus der man kommt. Oder nicht? 

In der ersten deutschen Netflix-Serie "Dark", die kürzlich mit ihrer dritten Staffel zum geplanten Ende kam, sieht die Prämisse etwas anders aus: Denn alle Handlungen, auch die, die wir noch nicht vollführt haben, müssen bedingt durch die Möglichkeit der Zeitreisen bereits passiert sein. 

Denn (aufgepasst): Wenn ich morgen ins Gestern reise, muss das, was ich gestern tue, heute schon passiert sein. Meine Zukunft beeinflusst meine Vergangenheit, diese die Gegenwart und diese die Zukunft. Man dreht sich im Kreis und kommt nicht mehr raus. Freier Wille? Bloß eine Illusion.

Wie gesagt: kompliziert.

Dass "Dark" in Staffel drei zur Grundidee der verschiedenen Zeitstränge noch mit Parallelwelten aufwartet, macht es nicht einfacher, das gedankliche Konstrukt zu entknoten. Jantje Friese und Baran bo Odar, die sich die Handlung ausgedacht haben, sehen die Komplexität als Spiel und Herausforderung, die man meistern müsse. Es gehe ihnen darum, "das Instrument des Überkomplizierten zu nutzen, um dem Zuschauer zu sagen: 'Hey, entweder du commitest dich hier total und bist die ganze Zeit da, sonst kriegst du eh nichts mit – oder du schaltest ab'", sagte Friese im Interview mit der ZEIT

Den Zuschauer bewusst fordern, ja sogar überfordern, über viele Stunden hinweg? Ein mutiger Schritt. Während "Dark" anfangs noch im Gewand eines Sci-Fi-Familiendramas daherkam, offenbarte sich die Serie immer mehr als Vorlesung über Determinismus und die wissenschaftsphilosophischen Grundgedanken der Quantenverschränkung. Uff. 

Oder, um es überspitzt mit Deutschlands Twitter-Papst "El Hotzo" zu sagen: 

Kann sein, dass "Dark" Gymnasiasten anspricht. Sprüche à la "Wer Dark versteht, kann durch Null teilen" sind auch daher zum Running Gag auf Twitter geworden. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Fans der Serie einfach Menschen sind, die zur Abwechslung mal von einer hierzulande produzierten Serie ernstgenommen werden wollen. 

International wird die Serie gerade wegen ihrer Komplexität gefeiert. Bereits vor dem Start der dritten Staffel wählten Nutzer der Metakritik-Seite "Rotten Tomatoes" sie zur besten Netflix-Produktion aller Zeiten. Vor "Black Mirror" und "House of Cards". Dass auf einmal die ganze Welt auf eine deutsche Produktion schaut, überrascht, wenn man als Deutscher mit der Erzählqualität unserer selbstgemachten TV-Welt zwischen GZSZ, Gebirgsschmonzetten und Sonntagskrimis sozialisiert wurde. Inhalte, die selbst nach Ausflügen aufs Klo oder jahrelangen Unterbrechungen keine Anschlussprobleme erzeugen.

"Dark" wollte aber niemals zugänglich sein, sondern Anreiz für Diskussionen, Mutmaßungen und Theorien bieten. Und nebenbei hat die Serie auch stilistisch, beim Bild- und Sounddesign, ja sogar beim Casting neue Maßstäbe gesetzt. 

Vom Intro, das niemand überspringen mag, über den handverlesenen Soundtrack, der mit jeder Episode die Handlung verstärkende Ohrwürmer und Montagen präsentierte. Von der faszinierenden Ähnlichkeit der verschiedenen Schauspielerinnen und Schauspieler, die denselben Charakter zu verschiedenen Zeiten spielen, und der Wohltat, nicht die ewig gleichen Fernsehgesichter zu sehen. Geniale Kamerakniffe wie das spiegelverkehrte Aufnehmen der Parallelwelt bemerkt dann nur noch, wer auf so etwas achtet – allen anderen bleibt es als unterbewusste Gefühl hängen, dass hier alles bekannt und trotzdem anders ist.

Leider erreicht die finale Staffel den Drive und die Faszination der ersten beiden nicht mehr ganz. Dafür verliert sie sich doch zu sehr in Repetition und bedeutungsschweren Blicken und Zitaten ihrer Figuren. Dennoch: Der Abschluss sorgt, nach dem Kampf durch den zähflüssigen Zeitreise-und-Philosophie-Morast, für große Erleichterung und Befriedigung.

Insbesondere die letzte Episode ist ein optisches wie erzählerisches Meisterwerk und entlohnt Zuschauerinnen und Zuschauer mit einem "Interstellar"-Moment fürs Durchhalten. Eine gute Erfahrung nach den Enttäuschungen anderer Serienfinale wie etwa "Game of Thrones" und Lost. 

Kritiken und Social-Media-Posts aus der ganzen Welt loben nun die "würdige Konkurrenz für Christopher Nolan" und erfreuen sich an der "bahnbrechenden TV-Erfahrung" und den "faszinierenden Paradoxa". Die erste Staffel bekam 2018 bereits den Grimme-Preis, das Gesamtwerk dürfte nach Abschluss sicher noch mehr Auszeichnungen einheimsen. 

Die Zukunft des Fernsehens?

Dieser weltweite Applaus ist auch ein Signal an die in Deutschland regional zerklüfteten Filmförderungen und TV-Sender, insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen. Sie entscheiden maßgeblich darüber, welche Film- und Serienprojekte umgesetzt werden. In der Vergangenheit haben sie dabei nur wenige konkurrenzfähige Film- und Serienexporte produziert. Die stattdessen entstandenen Formate werden durch die Innovationskraft der Streamingdienste nun offen deklassiert und im besten Fall zur Erneuerung gezwungen.

Anders als für viele Charaktere in "Dark" ist der Pfad in die Zukunft für die deutsche Unterhaltungsindustrie noch nicht verbaut. Die Serie beweist, was hierzulande möglich ist, welche Expertise und welch filmisches Handwerk man hier zur Verfügung hat.

Das ist etwas, worüber man sich freuen darf. Selbst, wenn man die Serie nicht bis zur letzten Gedankenumdrehung verstanden hat. Das geht ohnehin allen anderen genauso. 


Uni und Arbeit

Erstsemester fürchten Unistart: "Viele haben Angst davor, benachteiligt zu werden"
Wir haben mit Miguel Góngora, dem ehemaligen Landesschülersprecher Berlins, über seine neue Initiative gesprochen.

Studierende, die zu Hause auf Bildschirme starren, statt mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen Im Hörsaal zu sitzen. Niemanden kennenlernen in der Mensa, keine Lerngruppen, die sich treffen müssen – und die dann zu Freunden werden. Studieren bedeutet gerade, viel Zeit mit sich selbst zu verbringen. Das aktuelle Sommersemester an deutschen Universitäten und Hochschulen findet wegen des Coronavirus digital statt. Ob auch das Wintersemester so laufen wird, ist noch unklar – aber es könnte gut sein. 

Schwer ist das für alle. Aber besonders Erstsemester sind betroffen: Sie leben auf einmal in Städten, in denen sie kaum ein soziales Umfeld aufbauen können und sollen an einer Uni lernen, von der sie weder Gepflogenheiten noch Regeln kennen.

Erstsemester fordern Präsenzveranstaltungen

Eine Berliner Initiative, bestehend aus Abiturienten und Studierenden, fordert deshalb, dass Seminare und Tutorien an Berliner Hochschulen im Wintersemester wieder in Präsenzform stattfinden sollen.

Was sich die Initiative davon erhofft, wie sie die Präsenzveranstaltungen durchführen wollen und welchen Herausforderungen sich Studienanfänger und -anfängerinnen nun stellen müssen, haben wir Miguel Góngora gefragt. Der 18-Jährige war bis zum Ende des vergangenen Schuljahres Landesschülersprecher und damit Vertreter für mehr als 350.000 Schülerinnen und Schüler. Miguel hat das Konzept zur Wiederaufnahme der Präsenzlehre gemeinsam mit Student Max Vaid, 19, erarbeitet.