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Der "Queen & Slim"-Hauptdarsteller im Interview über Rassismus, Hollywood und seine Pläne

Aus einem harmlosen Tinder-Date wird nach einer rassistischen Polizeikontrolle eine Verfolgungsjagd durch die USA – und eine große Liebesgeschichte: "Queen & Slim", das Kino-Regiedebüt der Grammy-prämierten Musikvideo-Legende Melina Matsoukas (bekannt unter anderem für Beyoncés "Formation"), erzählt die Geschichte eines zwiegespaltenen Amerikas. Eines Landes, das mit Filmen wie diesem dringend benötigte Erzählungen und lange übersehene Heldenfiguren präsentiert bekommt. (SPIEGEL)

Dabei ist der Hauptdarsteller Daniel Kaluuya (Oscar-nominiert für "Get Out") gar kein US-Bürger, sondern Brite. Im Interview erzählt der 30-Jährige, wie das beim amerikanischen Publikum ankommt – und welche Pläne er in Hollywood noch hat.

bento: "Queen & Slim" handelt von Polizeiwillkür und Rassismus, ist Liebesdrama und Roadmovie, erzählt in coolen, stylischen Bildern. Ist das der perfekte Film über die Vereinigten Staaten von heute?

Daniel Kaluuya: Puh, das kann ich nicht beantworten. Aber ich weiß, dass unsere Regisseurin Melina Matsoukas die perfekte Filmemacherin ist, um diese Geschichte zu erzählen. Das Kino fängt gerade an, die ganze Welt zu zeigen, und nicht nur das, was weiße Entscheider wahrnehmen. Melina ist – nicht nur im übertragenen Sinne – ein Kind des Hip-Hops, aufgewachsen in der Bronx. Für eine zeitgemäße, junge und coole Geschichte über ein solches afroamerikanisches Paar gab es keine bessere als sie. 

bento: Als du vor ein paar Jahren in "Get Out" die Hauptrolle spieltest, wo es auch um Rassismus in den USA ging, gab es ein paar kritische Stimmen – darunter Samuel L. Jackson – die sich beschwerten, dass du eben kein Amerikaner, sondern Brite bist...

Daniel: Stimmt, das hat mich damals ein wenig irritiert und traf mich unerwartet. Aber ich habe das dann so hingenommen und mich einfach darauf konzentriert, nach vorne zu blicken. 

Es ist ja nicht so, dass ich mir bei einer solchen Rolle vornehme, einen musterhaften Afroamerikaner zu spielen. Sondern eine spezifische Figur, also in "Queen & Slim" eben diesen Kerl aus Cleveland, der im Supermarkt arbeitet und auf Tinder-Dates geht. Da geht es mir dann darum, aus was für einem Elternhaus er kommt oder auf welche Schule er gegangen ist, nicht darum, dass er Amerikaner ist.

bento: Aber wo wir gerade beim Vergleichen sind – ist rassistische Polizeigewalt in Großbritannien ein ähnlich großes Problem wie in den USA?

Daniel: Oh ja, meine Heimat hat eine lange Geschichte schlimmer Fälle von Polizeigewalt, in deren Folge Schwarze ihr Leben verloren. Mark Duggan, Smiley Culture... mir fallen viele Namen ein, selbst wenn diese Vorfälle vielleicht nicht immer für ganz so viel Aufsehen sorgten wie einige in den USA.

bento: Wird man in England auch grundlos von der Polizei im Auto angehalten, weil man schwarz ist?

Daniel: Klar, das passiert immer wieder. Der große Unterschied ist aber natürlich, dass britische Streifenpolizisten keine Pistolen dabei haben. Es kann also passieren, dass man in einer Zelle landet, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man erschossen wird, ist zum Glück sehr viel kleiner als in den USA. 

Dort eskalieren solche Situationen immer wieder schnell, weil die Cops schon den Finger am Abzug haben und jedem Schwarzen unterstellen, dass er ebenfalls bewaffnet ist. Manche Polizisten rechnen automatisch mit Problemen, wenn sie einem Schwarzen gegenüberstehen und haben deswegen Angst. Und aus Angst heraus zu handeln, ist selten eine gute Idee. Die Leidtragenden sind aber leider fast ausschließlich schwarz.

bento: Wie sieht es in deiner Branche mit Rassismus aus? Schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler haben es in Großbritannien auch nicht unbedingt einfacher als in Hollywood, oder?

Daniel: Hier wie dort sind wir noch weit von ausreichend Diversität entfernt. Idris Elba hat vor ein paar Jahren sogar im britischen Parlament eine Rede darüber gehalten. In den letzten paar Jahren hat sich zum Glück einiges getan – vor allem im Fernsehen gibt es in England inzwischen sichtbar mehr Rollen für nicht-weiße Schauspielerinnen und Schauspieler. 

Aber als ich dort meine Karriere begann, war es teilweise schon echt hart. Weswegen ich irgendwann meine Koffer gepackt und mein Glück in den USA versucht habe.

bento: Kamen deine Schauspiel-Vorbilder deshalb auch aus den USA?

Daniel: Ganz genau. Will Smith als "Prinz von Bel-Air", "What's Up, Dad", "Sister, Sister", "Kenan & Kel" – von solchen schwarzen Sitcoms war ich früher wie besessen. Alles ziemlich harmlose, nette und positive Serien, deswegen ist auch meine Mutter nicht eingeschritten. (lacht)

(Bild: Universal)

bento: Davon, dass du selbst dann Schauspieler werden wolltest, war deine Mutter nicht so begeistert, oder?

Daniel: Na ja, sie machte sich einfach Sorgen. Da ging es ihr weniger um den Job an sich, sondern ums Geld. Sie weiß, wie schwierig es sein kann, wenn man kein gesichertes Einkommen hat. 

Ihr wäre es lieber, wenn ich etwas machen würde, wo jeden Monat verlässlich Geld aufs Konto kommt. Freiwillig einen Beruf auszuüben, bei dem es passieren kann, dass man monatelang nicht arbeitet und entsprechend nichts verdient, ist ihr bis heute eher unverständlich.

bento: Aber als Oscar-nominierter Schauspieler, der auch in "Black Panther" mit dabei war, hast du doch wohl keine Existenzängste mehr?

Daniel: Nicht mehr so wie früher. Aber das war ein langer Weg. Und es ist definitiv nicht so, dass ich Kohle ohne Ende mache. Die Entscheidungen, die ich in meiner Karriere treffe, bedeuten meistens auch, dass ich weniger verdiene als ich könnte. 

„Ich hatte durchaus Gelegenheiten, mein Konto mehr als ordentlich zu füllen.“

Doch mir war wichtiger, dass ich Filme drehe, die mir wirklich etwas bedeuten. Weil ich davon überzeugt bin, dass der Gewinn für mich langfristig größer sein wird. Geld motiviert mich nicht. Dadurch dass wir früher wirklich arm waren, weiß ich, dass ich mich darüber nicht definieren muss.

bento: Inzwischen hast du deine eigene Produktionsfirma mit dem Namen 59 % gegründet. Warum?

Daniel: Ich möchte einfach die Plattform nutzen, die mir mein Erfolg beschert hat, um neue Perspektiven zu eröffnen und Filmschaffenden eine Öffentlichkeit geben, die sie anderswo vielleicht nicht bekommen. Mir geht es um Filme, die ich auch selbst gerne im Kino sehen möchte.

bento: Willst du gezielt mit schwarzen Regisseurinnen und Regisseuren arbeiten?

Daniel: Nicht ausschließlich. Es geht eher ganz allgemein ums Neue: neue Stile, neue Geschichten, neue Stimmen. Die schwarze Perspektive gehört da für mich automatisch dazu, die bringe ich durch meine eigene Person ins Spiel.

"Queen & Slim" läuft seit dem 9.1.2020 in deutschen Kinos.


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