Bild: bento
Wir haben mit Luciana Blümlein die Sendung gesehen.

Wann sie sich zum ersten Mal als Plus Size bezeichnet hat, weiß Luciana Blümlein nicht mehr. Ihren Fashion-Blog "Lu zieht an" startete die 26-Jährige im Januar 2009. Irgendwann kamen Beauty-Produkte dazu, Blogger-Events, Advertorials – und das Label Plus Size. "Ich bin dick, das ist halt so", sagt Luciana. "Warum sollte ich mich nicht so nennen?"

Inzwischen gehört sie zu den bekanntesten Plus-Size-Bloggern in Deutschland, sie ist Markenbotschafterin des britischen Labels Scarlett & Jo. Bevor die erste Folge von "Curvy Supermodel" bei RTL2 auf Sendung ging, wurde sie gebeten, für das Format zu werben – und lehnte ab.

An diesem Mittwochabend wird die dritte Folge der Show ausgestrahlt. Luciana sitzt auf der Couch in ihrer kleinen Wohnung im Hamburger Norden und knabbert an einer Rosmarinstange.

Kurze dunkelblonde Haare, pinkfarbener Lippenstift, Lidstrich. Im Regal über dem Flachbild-Fernseher stehen Stoffbeutel mit Dior-Aufdruck. Darin verstecken sich Handtaschen; Luciana will nicht, dass sie einstauben.

Nach einer knappen Viertelstunde bricht in der Sendung die erste Kandidatin in Tränen aus. Es ist Stella, die erzählt, wie sie in der Schule gemobbt wurde – "weil ich dick und hässlich bin". Luciana ist genervt: "Das ist wieder der Klassiker." Sie hat bisher alle Folgen von "Curvy Supermodel" gesehen – und ist unzufrieden.

Lucianas Fotos bei Instagram

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Kritikpunkt 1: Das Konzept

Glaubt man dem Titel, sucht die Sendung nach einem "Curvy Supermodel" – eigentlich ein guter Ansatz, weil er das Scheinwerferlicht weg von Size Zero und hin zu anderen Körperformen schwenkt. Dass sich Kandidatin Chethrin am Anfang der dritten Folge ganz ungezwungen im bauchfreien Top zeigt, findet Luciana gut.

Es sollte keine Selbsthilfe-Show sein, das ist 'Germany's Next Topmodel' ja auch nicht.

Ein Großteil der Sendung dreht sich aber um das (fehlende) Selbstwertgefühl der Kandidatinnen – und um die Tatsache, dass sie sich selbst nicht schön finden. Wenn Jurorin Motsi Mabuse zu Samira sagt, sie müsse endlich anfangen, sich selbst zu lieben, wird der Zuschauer zurückgeworfen auf das altbekannte Klischee: Dicke Menschen sind per se unglücklich.

"Ich finde, wir brauchen mal eine Sendung, wo das nicht so ist", sagt Luciana. "Es sollte keine Selbsthilfe-Show sein, das ist 'Germany's Next Topmodel' ja auch nicht – und das zeigt nur wieder, dass es eine Sonderbehandlung braucht, wenn Dicke dabei sind."

Sie nimmt ihr Smartphone und zeigt einen Kommentar bei Instagram: Eine Frau schreibt da, sie könne die Gefühle der Kandidatinnen nachvollziehen. "Klar, es ist gut, dass sich Leute mit den Mädchen identifizieren können", sagt Luciana. "Aber ich finde, die Sendung zeigt das Falsche. Sie sollte starke Frauen zeigen."

Kritikpunkt 2: Die Kandidatinnen

Im Laufe der Sendung brechen noch mehrere der "Mädchen" (ja, der Begriff wird auch in dieser Show verwendet) in Tränen aus. Luciana kommentiert: "Wenn ich mich total scheiße finde, werde ich doch nicht Model." Damit sei man in der Sendung falsch.

Nicht alle Kandidatinnen hadern mit sich und ihrem Körper. Es gibt auch solche wie Chethrin oder Polina, die ziemlich von sich überzeugt sind. Trotzdem: Auf die Frage, ob eine von ihnen das Zeug zum Model hat, weiß Luciana keine rechte Antwort. Es fehle ihnen an Ausstrahlung, an Präsenz.

Wieder scrollt sie durch Instagram, stoppt bei Fotos aus dem vergangenen Herbst: Damals lief sie bei den "Plus Size Fashion Days" in Hamburg mit – ihr erstes Mal auf einem Laufsteg. Sie zeigt ein Video von einem ihrer Walks: In pinkfarbenen Dessous und High Heels marschiert sie den Catwalk entlang. Man sieht eine Frau, die sich wohlfühlt in ihrem Körper und das auch nach außen transportiert.

Luciana lacht, wenn sie die Fotos und Videos anschaut. "Das war richtig cool", sagt sie. Und: "Ich finde das lustig, wie der Hintern mitschwabbelt beim Laufen." Kommentare, auf die man bei "Curvy Supermodel" vergeblich wartet.

Kritikpunkt 3: Das Körperbild

Zu Beginn der Show wurde diskutiert, ob Kandidatin Polina überhaupt unter das Label "curvy" falle; schließlich trägt sie Kleidergröße 38/40 (SPIEGEL ONLINE). "Ab Größe 38 ist man in der Modelbranche curvy", sagt Luciana. "Das ist ganz anders als im normalen Leben. Alles, was nicht Size Zero ist, ist Plus Size." Für ein "normales" Model wäre Polina zu dick.

Und dass die Top-10-Kandidatinnen mehr oder weniger gleich aussehen (ohne eine wirklich dicke Frau), sei "im Sinne des Jobs", sagt Luciana. "Auch als Plus-Size-Model musst du einem bestimmten Körperbild entsprechen", Sanduhr inklusive. "Generell kannst du der Sendung nicht vorwerfen, dass sie etwas Falsches zeigt. Sie suchen ja ein Model."

"Curvy Supermodel" zeigt also nicht die Vielfalt an Körperformen, die der Titel zunächst erwarten lässt. Luciana findet das schade; sie selbst hat bei ihrer Arbeit einen anderen Anspruch: "Ich will die Botschaft vermitteln, dass jeder das Recht hat, sich schön zu finden."

Das Fazit:

Nach dem Ende von Folge 3 beschließt Luciana, die Sendung nicht weiter zu gucken. "Schade, aus dem Format hätte was werden können", sagt sie. "Aber wenn man sich mit den Themen Plus Size und Body Positivity beschäftigt, ist das wirklich ein Schuss in den Ofen."


Grün

"Echt, ich esse ganz selten Wurst": Warum mir die Ausreden von Fleischessern auf die Nerven gehen
"Es ist mir total wichtig, dass ich weiß, woher mein Fleisch kommt." – sagt der Fleischesser, wenn er einen Vegetarier trifft.

Wenn ich den Fleischteller unbeachtet lasse oder mir im Restaurant den griechischen Salat bestelle, werde ich über kurz oder lang gefragt: "Bist du Vegetarier..?!" Nach meiner kurzen Antwort ("Ich esse kein Fleisch, ja.") geht dann das peinliche Schauspiel los, das jeder Nicht-Fleisch-Esser inzwischen kennen dürfte.

Es ist ja ein weit verbreitetes (und nicht unwitziges) Vorurteil, dass Vegetarier und Veganer allen Menschen ihre Ernährungsweise auf die Nase binden wollen, um sie dann zu missionieren. Tatsächlich läuft eine solche Begegnung meist genau anders herum ab. Zumindest geht das mir immer so.