Bild: Majestic/Ricardo Vaz
Emma Watson und Daniel Brühl nehmen uns mit in eine deutsche Sekte in Chile.
Worum geht's?

Lena und Daniel, ein deutsches Liebespaar – sie Stewardess bei der Lufthansa, er Fotograf. Die beiden treffen sich in Santiago de Chile, wo Lena (Emma Watson) gerade einen Zwischenstopp einlegt und Daniel (Daniel Brühl) seit einigen Monaten lebt und arbeitet. Es ist 1973, in Chile toben Proteste gegen General Pinochet, der sich gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende an die Macht putschen will.

Daniel engagiert sich in der linken Szene Santiagos, entwirft Plakate zur Unterstützung Allendes. Als Pinochet am 11. September seinen Putsch vollendet, wird Daniel verhaftet und vom chilenischen Geheimdienst verschleppt. Lena macht sich auf die Suche nach ihrem Freund: Sie erfährt, dass im Süden Chiles eine abgeschottete deutsche Sekte lebt. Die trägt den Namen "Colonia Dignidad", Kolonie der Würde, angeblich werden dort Gefangene des Geheimdienstes gefoltert.

In der Hoffnung, Daniel dort zu finden, tritt Lena der Colonia bei. Sie muss sich den Regeln der Sekte unterwerfen: Männer, Frauen und Kinder leben strikt getrennt voneinander, die Mitglieder der Sekte müssen viel arbeiten, haben kein Privatleben. Und über allem steht Paul Schäfer, genannt Pius, der Kopf der Sekte, der sich als Stellvertreter Gottes auf Erden inszeniert.

Daniel wurde tatsächlich in die Colonia gebracht und wird dort gefoltert: Mit Elektroschocks versucht der Geheimdienst, Informationen über seine Komplizen aus ihm herauszubekommen. Die Folter hinterlässt geistige Schäden bei Daniel – zumindest glauben das die Bewohner der Colonia.

Als General Pinochet die Colonia besucht, wird zu seinen Ehren eine "bunte Reihe" veranstaltet – eine Art Fest, die einzige Gelegenheit, bei der die männlichen und weiblichen Bewohner zusammenkommen. Dort sehen sich Lena und Daniel zum ersten Mal wieder. Danach treffen sie sich heimlich, sammeln gemeinsam Beweise für das, was in der Colonia passiert – und planen ihre Flucht.


Worum geht's wirklich?

Ein Kapitel aus der Vergangenheit Chiles, das im Geschichtsunterricht kaum auftaucht – obwohl es in direktem Zusammenhang mit Deutschland steht: Die "Colonia Dignidad" gab es wirklich, ihr Leiter Paul Schäfer war Deutscher. Außerdem geht es um Vertrauen, um Schuld und um Freundschaft.

Lena wird bei der Herrenversammlung von Paul Schäfer gedemütigt.(Bild: Majestic/Ricardo Vaz Palma)
Pluspunkte
  • Der Plot: Was wie ein etwas zu schnulzig geratener Liebesfilm beginnt, entwickelt sich zu einem Historiendrama, das beim Zuschauer ähnliche Betroffenheit hinterlässt wie Filme über das Dritte Reich. Nicht nur die Stimmung erinnert an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, auch Szenen von Verhaftungen, Erschießungen und Folter wirken seltsam bekannt. Der Zuschauer wird mit einem Kapitel der jüngeren Geschichte konfrontiert, mit dem er sich wahrscheinlich noch nicht näher beschäftigt hat – es sei denn, er interessiert sich für die Vergangenheit Lateinamerikas.
  • Die Besetzung: Der Cast von "Colonia Dignidad" enthält einige Highlights, Michael Nyqvist zum Beispiel: Er spielt Paul Schäfer und inszeniert sich als guter Vater; gleichzeitig setzt er die Sektenmitglieder unter Druck und missbraucht kleine Jungen. Immer wieder tauchen auch deutsche Gesichter auf: Martin Wuttke zum Beispiel spielt den Chef von Amnesty International, der Lena den entscheidenden Hinweis auf die Colonia gibt. Besonders überzeugend spielt Daniel Brühl: Mit halblangen Haaren und weit aufgeknöpftem Hemd wirkt er am Anfang noch wie der uncoole Abklatsch eines Latin Lover. Als er später auf dem Folterbett liegt und Elektroschocks an seinem Körper rütteln, leidet der Zuschauer mit. Und wenn er schließlich den geistig Behinderten spielt, täuscht er nicht nur die Bewohner der Colonia, sondern anfangs auch die Menschen vor der Leinwand. Fast ist es ein bisschen traurig, dass Emma Watson so viel Raum im Film einnimmt.
  • Die Fotos: Daniel ist Fotograf, seine Bilder ziehen sich als Stilmittel durch den gesamten Film. Die Fotos von den Verhaftungen durch das Militär bringen Lena und ihn am Anfang in Gefahr. Das Bild eines Kusses begleitet die beiden durch ihre Zeit in der "Colonia Dignidad". Am Ende helfen Fotos Lena und Daniel dabei, die Machenschaften der Colonia aufzudecken.
Lena sieht sich die Fotos an, die Daniel von den Protesten in Chile gemacht hat.(Bild: Majestic/Ricardo Vaz Palma)
Minuspunkte
  • Zu wenig historische Einordnung: "Colonia Dignidad" beginnt mit historischen Aufnahmen von den Protesten in Santiago de Chile. Am Ende gibt es eine kurze Einordnung der Geschehnisse – weiße Schrift auf schwarzem Grund, dazu ein paar Fotos. Trotzdem stellt sich der Zuschauer viele Fragen, auch schon während des Films: Was genau ist in der "Colonia Dignidad" wirklich passiert? Wer war Paul Schäfer? Und was hat die deutsche Botschaft damit zu tun? Würde der Film diese Fragen beantworten, wäre dem Zuschauer die historische Tragweite seines Inhalts noch mehr bewusst.
  • Das Ende. Warum verraten wir hier natürlich nicht.
Wer sollte den Film gucken?

Menschen, die Historienfilme mögen; Menschen, die sich für Chile interessieren – und solche, die einfach einen spannenden Film sehen wollen und ein paar schnulzige Szenen am Anfang aushalten.

"Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück" läuft ab 18. Februar im Kino. Regie führte Florian Gallenberger.

Weitere Empfehlungen: