Am 27. Mai gibt es neue Folgen!

Breitschultrig wandert der Mann durch den Dschungel. Federnder Schritt, eisgrauer Vollbart, stechender Blick. Ganzkörpertätowiert, wie man kurz darauf bewundern kann, als er einen kleinkindgroßen Fisch zuerst fängt und dann über einem Lagerfeuer am Strand grillt. Alex Atala war mal Punkrocker, heute ist er der bekannteste Koch Brasiliens. Und einer der Protagonisten der zweiten Staffel der Kochserie "Chef's Table" auf Netflix. Naja - was man so Kochserie nennt.

Die Besetzung besteht aus internationalen Spitzenköchen:

  • Grant Achatz (USA)
  • Dominique Crenn (USA)
  • Ana Ros (Slowenien)
  • Gaggan Anand (Indien/Thailand)
  • Enrique Olvera (Mexiko)
  • Alex Atala (Brasilien)

Der Streamingdienst ist ja bekannt dafür, anders sein zu wollen als das traditionelle Fernsehen. Nirgendwo wird dieser Anspruch deutlicher als bei der Doku-Reihe über internationale Spitzenköche. "Chef's Table" spiegelt das breitbeinige Selbstverständnis eines Konzerns, der für seine Produktionen Event-Charakter reklamiert und damit dem Kino den Rang ablaufen will.

Ausgerechnet mit einer Serie über Köche? Der Medienhype um diesen Berufszweig war doch von vornherein mehr als fragwürdig und ist jetzt vollends ausgelutscht. Aber "Chef's Table" hat tatsächlich nichts zu tun mit dem Kochshow-Quatsch im Primetime-TV.

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Nachkochen kann man die hier gezeigten Gerichte sowieso nicht. Oft werden die Kreationen in den sechs Episoden von Staffel zwei sogar zu Nebendarstellern. Im Mittelpunkt der Serie von Filmemacher David Gelb stehen sechs Persönlichkeiten und ihre Geschichte. Erst über diesen Umweg erzählt Gelb von der Kultur des Kochens.

"Black Carrot Ice Cream Cone" von Gaggan Anand

Natürlich sautieren, filetieren, braten und backen die Meister in "Chef's Table" auch. Vor allem wird fleißig vakuumiert, schockgefroren und püriert, geliert, destilliert und rotationsverdampft – ganz im Sinn der Molekularküche. Mindestens inspiriert sind sie alle von Ferran Adrià, einige eifern dem spanischen Großkoch explizit nach. So erinnern die servierten Gerichte oft an moderne Kunst; keine Folge ohne das Bild eines Kochs, der mit einer Pinzette ein fragiles Türmchen zurechtzupft, das auch als Installation in einer Galerie stehen könnte. Würde es nur nicht so rasch verderben.

Zuvörderst aber funktionieren die sechs Filme als kleine, in sich geschlossene Dramen. Jede porträtierte Figur stand in ihrer Karriere vor scheinbar unüberwindbaren Schwierigkeiten. Die klassische Spielfilmdramaturgie mit einem grundlegenden Konflikt und dem Kampf um die Lösung bildet also das Rückgrat jeder Episode. Diese Erzählweise setzte Gelb schon bei der ersten Staffel ein, jetzt treibt er das Konzept auf die Spitze.

So wird der Film über Grant Achatz zum Drama über einen Koch, der durch eine Krebserkrankung seine Geschmacksnerven verliert. Der in Bangkok kochende Inder Gaggan Anand muss sich wie Alex Atala aus ärmlichsten Verhältnissen befreien. Die Französin Dominique Crenn, die in San Francisco arbeitet, begleitet Gelb auf einer Reise nach Hause, bei der die Chefköchin mit dem Verlust ihres Vaters konfrontiert wird. Und der Film über Ana Ros zeigt eine Frau, die sich ohne Ausbildung zur Spitzenköchin hocharbeitet und die kulinarischen Traditionen ihrer Heimat Slowenien international bekannt macht.

Alle Geschichten beschreiben letztlich den Weg eines Künstlers zu sich selbst. Das macht "Chef's Table" auch für Zuschauer spannend, die sich gemeinhin weniger für Spitzenküche interessieren.

"Walk in the Forest" von Dominique Crenn

Was seine eigenen künstlerischen Ambitionen angeht – aus ihnen macht David Gelb kein Geheimnis. In einem Interview hat er gesagt, die Grundidee für "Chef's Table" sei gewesen, eine Kochserie mit kinotauglichen Bildern zu machen. Das ist ihm gelungen. Die hochpreisigen Menüs präsentiert er in edelster Optik, seine Detailaufnahmen entsprechen Food-Fotografie auf höchstem Niveau.

Zeitraffer verdichten die Arbeit am Herd, in Zeitlupe bauschen sich schwere Tischdecken, geschliffene Weingläser funkeln in geschickt gesetztem Licht. Bei Außenaufnahmen zeigen gewaltige Landschaftspanoramen die Köche bei Recherchen in der Natur. Und keine Folge ohne assoziativ geschnittene Montagesequenz, die die Kreationen noch zusätzlich mit Bedeutung auflädt.

Das ist stellenweise schon ein bisschen viel der stilistischen Überwältigung, und die Botschaft, dass diese Köche es trotz jeder Menge Unbill geschafft haben, wirkt in der Zusammenschau durchaus auch penetrant.

Gerade wegen der übergroßen Ambition aber passen "Chef's Table" und Netflix so gut zusammen. Der Streamingdienst scheint jedenfalls volles Vertrauen in das Genre zu haben. Mit der Verfilmung von Michael Pollans Buch "Cooked" (auf Deutsch "Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation") hat er eine weitere Serie über Kochen und Ernährung im Programm. Und "Chef's Table" geht in die Verlängerung: Noch dieses Jahr soll eine vierteilige Staffel über französische Köche laufen, und schon 2017 kommt Staffel vier. Dann darf mit dem Berliner Tim Raue erstmals auch ein Deutscher für Netflix kochen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

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