Bild: Universal Pictures

Bridget Jones ist zurück – und mit ihr die gesellschaftlichen Fesseln, die das Leben einer Frau zur Hölle machen.

Worum geht es in "Bridget Jones' Baby"?

Der Inhalt ist schnell erzählt: Bridget Jones’ Freundeskreis besteht zwölf Jahre nach dem Release des letzten Films nur noch aus Müttern, die aus Zeitmangel Geburtstagsfeiern absagen und sich gegenseitig versichern, dass ihre besten Jahre vorbei seien. So vergeht kein Tag, an dem Bridget nicht an ihren bemitleidenswerten Beziehungsstatus erinnert wird: Single.

Immer noch! Dabei weiß jeder, der in den vergangenen zwanzig Jahren einen Blick in Frauenzeitschriften geworfen hat, dass genau das dringendst zu vermeiden wäre. Hat sie denn nichts gelernt, diese Bridget? Schlimmer noch.

(Bild: Universal Pictures)

Statt ihr Leben als TV-Produzentin zu feiern, bezeichnet sie sich selbst am liebsten als "alte Jungfer" und misst ihr Gewicht mit einer Präzision, als ob seit "Schokolade zum Frühstück" alle feministischen Bestrebungen zur Selbstakzeptanz an den Drehbuchautoren vorbei gegangen wären.

Zwölf Jahre später – so sieht Bridget Jones Teil III aus:

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Auch liegt die Lösung aller Probleme ("alt, kinderlos, Single"), man ahnt es schon, in einer Beziehung. Einem Mr. Perfect, der bedingungslos liebt und Kinder will und das ansonsten triste Dasein einer Vierzigjährigen endlich in etwas Sinnvolles verwandelt. Muss also nur noch der Mann her – und wie treibt man den schneller auf als mit Alkohol?

Als Bridget schwanger wird, weiß sie nicht nur nicht, von wem das Baby ist (Achtung, Klischee) – sondern muss sich dafür auch noch vor Eltern, Kollegen und den beiden in Frage kommenden Vätern rechtfertigen. Hintereinander.

Unsere Meinung: "Bridget Jones' Baby" gehört nicht ins Jahr 2016. 

Es ist diese Mischung aus Zweitausender-Jahre-Slapstick und überholten Geschlechterrollen, die 2016 nicht mal mehr aufgeht, wenn man zwischendurch beide Augen schließt.

Body-Shaming ("Ich dachte du wärst bloß fett geworden")? Check. Slutshaming ("Er wird denken, ich wäre eine Schlampe")? Check. Check. Auch haben die Macher nicht auf eine gehörige Portion Rassismus verzichtet. So ist der Taxifahrer, der Bridget ins Krankenhaus fährt, natürlich Italiener ohne Orthografiekenntnisse, der Mann mit dem arabisch-angedeuteten Namen (den, wie lustig, keiner aussprechen kann) beim Networking nicht mehr als nette Kulisse, die man getrost an der Bar stehen lassen kann.

So ist "Bridget Jones’ Baby“ ein idealer Film für alle, die sich in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht weiterentwickeln wollten. Die nach wie vor glauben, Frauen über 40 wären per se schadhafte Ware. Die auch nach etlichen gescheiterten Versöhnungsversuchen immer noch diesem einen Ex-Partner (in Bridgets Fall: Mark Darcy) hinterhertrauern, der nicht den Mut hatte, zu seinen Gefühlen zu stehen.

Die denken, dass Mütter ab dem Moment der Entbindung vom öffentlichen Leben ausgeschlossen wären und nur noch daran partizipieren dürfen, wenn gerade wieder eine Taufe in der Kirche ansteht. Trotz so mancher komischer Sequenz bleibt einem das Popcorn in regelmäßigen Abständen im Hals stecken.

Statt aus den Fehlern der beiden ersten Filme zu lernen, wiederholt Bridget einen nach dem anderen – ohne die leiseste Spur von Selbstreflektion. Immer wieder schafft sie es, sich selbst zu diskreditieren. Das mag in den ersten beiden Filmen ja durchaus charmant gewesen sein. Gelacht haben wir damals, über die tollpatschige Frau, die in ihren Chef verliebt ist und darüber sarkastische Tagebucheinträge schreibt. Heute wirkt dasselbe Verhalten aufgesetzt und verzweifelt. Vielleicht, weil wir gelernt haben, uns nicht mehr selbst fertig zu machen und Dinge wie "Jetzt nichts Blödes machen" vorzusagen.

Der Höhepunkt des Fremdschämens ist erreicht, sobald Bridget Jones anfängt, zu Gangnam-Style zu tanzen. Zur Erinnerung: Das Video von Psy war einmal der meistgesehenste YouTube-Clip der Welt. Im Jahr 2012.

(Bild: Universal Pictures)

Aber trotz der seichten Dialoge und auffällig vielen Zufallsbegegnungen (Wo genau treibt man eigentlich Männer auf, wenn man in den Schlamm fällt?) bleibt etwas Positives. Die Gewissheit, dass zwischen „Schokolade zum Frühstück“ und "Bridget Jones’ Baby" genug Zeit vergangen ist, in denen sich die Gesellschaft entwickelt und mit problematischen Mechanismen auseinandergesetzt hat. Zeit, in denen Autoren, Aktivisten, Journalisten, Lehrende und Schüler gleichermaßen dazu beigetragen haben, dass sich Frauen nicht mehr dafür schämen müssen, Sex zu haben. Single zu sein. Oder keine Kinder zu wollen.

Dass viele sich nicht mehr mit Jones identifizieren (können), sondern durch ihr Verhalten vor den Kopf gestoßen werden, ist ein Zeichen dafür, wie viel in den vergangenen Jahren erreicht wurde. Und wie viel, immer noch, getan werden muss. Um Frauen wie Männern mehr Freiheiten zu gewähren – in einer der persönlichsten Angelegenheiten der Welt: Liebe.


Gerechtigkeit

In der Schweiz starten Frauen einen Aufschrei gegen sexuelle Übergriffe

Die Schweiz hat jetzt ihren eigenen Aufschrei: Unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei teilen Schweizerinnen auf Twitter seit einigen Tagen ihre Erfahrungen mit Sexismus im Alltag. Auslöser für diese Debatte war ein Interview der SVP-Politikerin Andrea Geissbühler mit dem privaten Fernsehsender Telebärn. ("Neue Zürcher Zeitung")

In dem Interview sagte sie, es sei möglich, dass bei Vergewaltigungen Opfer auch eine Mitschuld hätten:

"Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und dann ein bisschen mitmachen, aber plötzlich dennoch nicht wollen, tragen ja auch ein wenig eine Mitschuld. Da sind die bedingten Strafen vielleicht gerechtfertigt."