Bild: Constantin Timm
Wieso Serien völlig überbewertet werden.

Ich habe es so oft versucht. Mit "Breaking Bad" zum Beispiel. Da fand ich alle Charaktere furchtbar unsympathisch. Oder mit "Orange Is The New Black", da mochte ich die nicht-stereotypen Frauenrollen – aber ich vergaß trotzdem nach einer Weile, die Serie überhaupt angefangen zu haben.

Mir gelingt der Sprung ins Netflix-Zeitalter nicht. Ich kann mich nicht stundenlang über Musical-Folgen unterhalten oder über die mit der krassen Wendung. Ich kann weder über Cliffhanger fachsimpeln, noch fällt mir in jeder Situation das passende Serien-Zitat ein.

Und diesen Binge-Watching-Zustand, in dem man immer weiterschauen will, kenne ich genauso wenig wie das Runner’s High beim Joggen.

(Bild: HBO)
Diese Serie wird dein Leben verändern!

So schaue ich regelmäßig in fassungslose Gesichter, wenn ich mich im gemeinen Partygespräch nicht einbringen kann oder gar erwähne, dass ich bisher keine einzige Folge "Game of Thrones" gesehen habe.

Der Schock weicht dann aber schnell einem inflationären Gebrauch von Superlativen: Diese eine Serie ist nämlich auf jeden Fall DIE ALLERBESTE, die je gedreht wurde. Und erst diese andere! Eine Offenbarung!! Um Himmels Willen, schau! Dir! Das! An! DU MUSST!!1

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Meist sind es mehrere Personen, die zeitgleich auf mich einreden und sich gegenseitig darin übertreffen, wie sehr eine Serie ihr Leben verändert hat. Ich warte oft bloß noch darauf, dass mir die Existenzberechtigung entzogen wird, weil ich mich nicht ausreichend begeistere.

In meinen Ohren klingt das weniger nach einer netter Empfehlung als vielmehr nach einer überlebenswichtigen Verpflichtung: Schlafe genug, sorge für regelmäßige Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit und sei gefälligst auf dem neuesten Stand bei "House of Cards".

Under Pressure

Und das setzt doch schon etwas unter Druck. Hinzu kommt der permanente Nachschub neuer Serien, als würde ich nicht ohnehin schon hinterher hängen.

Ich müsste mich mehrere Jahre lang einschließen, um aufzuholen: Von "HIMYM" und "Big Bang Theory" über "Homeland" und "True Blood" bis hin zu "Two Broke Girls", "Girls" und "New Girl". Das ist bloß eine kleine Auswahl des aktuellen Angebots. Gebt mir ein paar weitere Jahre für "Twin Peaks", "Seinfeld", "Friends" und "Sex and the City".

Wie schaffen es bloß alle anderen, diese Serienvielfalt in ihren Alltag zu integrieren?

Es fühlt sich an wie zu verschlafen: Ganz egal, wie sehr man sich beeilt, man hat keine Chance, die verlorene Zeit wieder reinzuholen. Der Ozean der Serien ist inzwischen einfach unmöglich zu durchschwimmen. Selbst, wenn ich mich jetzt sofort hinsetzen und "Buffy" in einem Rutsch durchschauen würde – es gäbe mindestens vier neue Superlativ-Serienlegenden, wenn ich damit fertig wäre.

Wie schaffen es bloß alle anderen, diese Serienvielfalt in ihren Alltag zu integrieren? Feste Termine? Jeden Dienstag, 20 Uhr, vier Folgen "Dr. House"? Oder schaut man täglich? Und, sehr wichtig: Guckt man mehrere Serien parallel oder übt man sich in Serien-Monogamie?

Die posttraumatische Serienstörung

Früher konnte ich auch noch alles mitnehmen: "Nils Holgersson", "Pinocchio", "Als die Tiere den Wald verließen", "Heidi". Ein Hoch auf Achtziger-Jahre-Zeichentrick! Vielleicht liegt hier das Problem: Was soll nach sprechenden Tieren und Holzpuppen bitteschön noch kommen?

Ganz ehrlich, so unfassbar viel Variation bieten die heutigen Serien nicht. Für meinen Geschmack beinhalten sie meist noch zu viele der gängigen Hollywood-Klischees. Drollige Antihelden, tragikomische Liebesgeschichten, mysteriöse Kriminalfälle. Und alles immer schön heteronormativ, stereotypbeladen und viel zu oft vorhersehbar.

Ein paar Jahre nach dem Zeichentrick irritierten mich die hineingeschnittenen Lacher bei "Full House" und "King of Queens" sehr; da ist alles so anstrengend lustig: Es gibt immer diese eine Bar, in der sich alle Freunde treffen, um dort gemeinsam witzig zu sein.

Und erst diese abgefahrenen stylischen Wohnungen! Niemand hat solche Wohnungen. Und es kommt auch nicht ständig irgendwer zur stets offenen Tür hinein und fragt, was abgeht. Allein das macht mich ganz nervös.

Wenn also O.C. so was wie die Ex-Beziehung ist, an der man noch hängt, dann war ich bisher vielleicht nicht bereit, mein Herz für eine neue Serie zu öffnen.

Möglicherweise hat mein Problem auch mit der Serie zu tun, bei der es mir – absurderweise trotz auch darin eifrig propagierter heteronormativer Stereotype – zuletzt gelungen ist, sie komplett anzusehen: "O.C. California". Immerhin hatte ich noch am Tod einer der Hauptfiguren zu knabbern, als alle anderen längst auf "Prison Break" und "Grey's Anatomy" umgestiegen waren. Wenn also O.C. so was wie die Ex-Beziehung ist, an der man noch hängt, dann war ich bisher vielleicht nicht bereit, mein Herz für eine neue Serie zu öffnen.

Diese Theorie würde auch das überschwängliche Schwärmen all der Binge-Watcher erklären: Von einer neuen Liebe redet man ja auch gern mal pausenlos. (Wobei es da seltener die aggressive Aufforderung gibt, sich doch bitte auch! Sofort! Zu! Verlieben!)

Was auch immer meine posttraumatische Serienstörung verursacht hat – ich arbeite dran. Neulich habe ich mich sogar zu "Broad City" überreden lassen. Vom Binge-Watching bin ich zwar nach wie vor weit entfernt – aber ich habe immerhin noch nicht vergessen weiterzuschauen.

Lass uns Freunde werden!

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