Bild: Sat.1

In einer Zeit, da Totalüberwachung längst zum Alltag gehört, startete diese Woche die 13. Staffel des Voyeurismus-Spektakels "Big Brother" auf Sat.1. Das Interesse an der Sendung: verhalten. (Quotenmeter

Fünf Jahre nach Staffel 12 kommt jetzt eine Fortsetzung. Warum?

Sat.1 provozierte – in weiser Voraussicht – mit Slogans wie "Du bestimmst, was ein Mensch wert ist" zumindest ein kleines bisschen Shitstorm-Aufmerksamkeit für das ausgelutschte Format. (RND)

20 Jahre ist es bereits her, dass mit "Big Brother" so etwas wie die Mutter aller Reality-Shows das erste Mal im deutschen Fernsehen gezeigt wurde. Das Internet kam bei den meisten höchstens in ISDN- statt Glasfaser-Geschwindigkeit an, das iPhone und Facebook waren noch nicht erfunden und der Angstmacherei vor internationalem Terror hatte in westlichen Demokratien noch kein gesteigertes Interesse geweckt, die Bürger zur Wahrung des "Supergrundrechts Sicherheit" flächendeckend zu bespitzeln. 

100 Tage ganz normalen Leuten beim Leben zugucken – reicht das heute noch als Unterhaltung? 

Der Einblick in das Leben anderer, die sich Ruhm, Geld oder Aufmerksamkeit erhoffen, ist spätestens seit dem Web 2.0 Standard. Das scheinen auch die Produzenten gemerkt zu haben und implementierten in der neuen Staffel eine Bewertungs-App in das Geschehen mit ein. 

Und die birgt tatsächlich einige interessante Aspekte: Zuschauer dürfen nun (nach Eingabe ihrer persönlichen Daten) jeden Tag alle Kandidatinnen und Kandidaten auf einer Skala von eins bis fünf bewerten. Anders als beim früheren Telefon-Voting werden der Durchschnitts-Score sowie positive und negative Kommentare den Bewohnern regelmäßig auf Bildschirmen in ihrem Glashaus angezeigt. 

Der Reiz: Die Bewohner durch das konstante Be- und Abwerten zur Verhaltensänderung zwingen – und sie dabei beobachten.

Ganz wie in "Black Mirror" oder "Qualityland" wird der Beliebtheits-Score einer Person also zu ihrer Motivation und Disziplinierung verwendet.

„Ich find sie jetzt schon super nervig und anstrengend.“
Nachricht an die Bewohnerin Michelle

Man kann das als konsequente nächste Stufe eines sozialen Experiments sehen. Oder als Spiegelbild einer vernetzten Welt voller Hasskommentare. Man muss aber auch anerkennen: Die neuen Regeln im "Big Brother"-Haus sind schon fast beneidenswert transparent. Denn immerhin wissen die Bewohner, wie hoch ihr Score ist und können etwas tun, wenn er ihnen zu niedrig erscheint.

Ein Luxus, den die meisten Menschen vor dem Bildschirm nicht haben. 

Denn die Dystopie der Science-Fiction-Serien ist nicht so weit entfernt. Expertenschätzungen zufolge erfassen schon heute über 600 Scoring-Systeme alles, was ein durchschnittlicher Europäer tut – ohne, dass der Überwachte weiß, wer und was da eigentlich sammelt und gesammelt wird. Nicht nur freiwillig eingegebene Daten, auch Bewegungsprofile, politische Posts, Einkäufe und das Suchverhalten im Internet werden erfasst – mit realen Konsequenzen. Es wäre hochspannend, zu sehen, wie genau man selbst hier eingeordnet wird. 

Zimmerschleuder Airbnb etwa erfasst mit Hilfe von solchen Algorithmen das Riskopotenzial möglicher Mieter und verwehrt ihnen gegebenfalls den Zugang (Zeit). Tinder stufte lange Zeit die Attraktivität seiner Nutzenden ein und bot ihnen vorrangig andere Personen auf ihrem Level an (Süddeutsche). Was noch die weniger existenziellen Diskriminierungen wären, die ein negativer Score mit sich bringen kann. 

Krankenversicherungen, Kredite, Mietverträge – geheim agierende Scores von Schufa und Co. bestimmen, ob (und wie teuer) man Zugang zu Waren, Dienstleistungen und Lebensnotwendigem bekommt (heise). Wer aus einer schlechten Nachbarschaft kommt, seine Rechnungen nicht bezahlen kann, Zigaretten mit EC-Karte bezahlt oder die falschen Sachen googelt, rutscht mit den Punkten nach unten. 

Nur gibt es keine zentrale Stelle, an der man seinen Score bei jedem geheimen Datensammler erfragen könnte. Keine Möglichkeit, herauszufinden, wer überhaupt sammelt. Oder die Info, welche Daten zur Berechnung herangezogen wurden. 

Transparenz von Seiten der Unternehmen dürfen die übertransparenten Bürger nicht erwarten, wenn sie keinen jahrelangen Rechtsstreit eingehen wollen. Die meisten Algorithmen: Geschäftsgeheimnis. 

Experten beobachten als Ergebnis der wahrgenommenen Überwachung seit längerem eine steigende Selbstzensur und Konformisierung (CCC). Jugendliche etwa sind heute im öffentlichen Raum braver und gesundheitsbewusster. Denn der Ruf ist alles. Wer ihn durch negativ wirkende Posts und Fotos gefährdet, bekommt vielleicht nicht das Stipendium, den Job oder die Wohnung (Süddeutsche). Anpassung an soziale Normen aus Angst vor Ausschluss – das chinesische Scoring-System klingt fast genau so. Hierzulande wird es nur größtenteils privatwitschaftlich organisiert. 

Ebenso angepasst und kontrolliert werden nun auch die Bewohnerinnen und Bewohnern des "Big Brother"-Hauses sein. Doch die haben sich wenigstens freiwillig auf diese Situation eingelassen. 

Wie sich die Teilnahme an einer Reality-Show auf den Score bei der Schufa auswirkt? Unbekannt. Aber die 100.000 Euro Preisgeld könnten von Vorteil sein. Wer die gewinnen will, muss beim Publikum ankommen und ihnen eine Show bieten. Das Gemeine daran: Durch die Auswahl der im Haus angezeigten Zuschauerkommentare können die Produzenten bei den Bewohnern bewusst ein falsches oder verzerrtes Bild ihrer Außenwahrnehmung erzeugen. 

Das wiederum ist eine Gemeinsamkeit, die reale und TV-Überwachung haben.

Denn schlimmer als ein richtiger Datensatz ist für die eigene Lebensplanung bloß noch ein falscher. Durch die fehlende Transparenz der realen Scores passiert es häufig, dass falsche oder veraltete Daten darüber bestimmen, wie wir unser Leben zu leben haben. (SPIEGEL-Recherche)

In Marc-Uwe Klings Dystopie "Qualityland" wird dieses Phänomen auf den Namen "Peters Problem" getauft: Ein kaputter Datensatz verhindert, dass der soziale Verlierer "Peter Arbeitsloser" einen ihm ungefragt zugeschickten, rosafarbenen Delfinvibrator umtauschen darf. Denn, so sagt man ihm: "Maschinen machen keine Fehler." Das sei schon das, was er wolle.

Ähnlich wie Peter geht es wohl vielen Deutschen heute. Kaum jemand hatte nach einer neuen Staffel "Big Brother" gefragt. Bekommen haben wir sie trotzdem. Offenbar ist unser gesamtgesellschaftlicher Datensatz kaputt. Und nun müssen wir damit leben. 


Musik

Der Wächter der Spotify-Playlists
Maik entscheidet, wer und was in die deutschen Playlists kommt. Im Interview erklärt er, wie "Modus Mio" entstanden ist

Sie heißen "Techno Bunker", "Deutsch Pop", "Dusch Playlist": Wer im Internet Musik streamt, hat meistens schon mal eine Playlist auf Spotify gehört. Oder sogar selbst eine angelegt. Es gibt mittlerweile unzählige Song-Listen auf der Plattform.

Früher war es wichtig, als Musikerin oder Musiker in die Rotation auf MTV zu kommen. Heute zählt ein Platz auf einer Spotify-Playlist. Schafft man es drauf, ist der Erfolg eines Songs fast vorprogrammiert. Ein Großteil der erfolgreichsten Listen wird dabei von Spotify selbst verwaltet.

So wie zum Beispiel "Modus Mio", eine der wichtigsten Deutschrap-Playlist, die wöchentlich neue Hits hervorbringt.

Wer wählt aus, was auf die Spotify-Playlists kommt? Und wie entsteht eine Liste? 

Darüber haben wir mit Maik Pallasch, dem Chef der deutschen Playlist-Kuratorinnen und -Kuratoren gesprochen. Er verrät außerdem, wie man selbst privat eine richtig gute Party-Playlist erstellen kann.