Diese Szene könnte das Phänomen um die Trödel-Sendung erklären.

Was passiert

Walter Lehnertz: "50, 100, 150, 200, 250 Euro." 

Antiquitätenhändler "Waldi" blättert im Verkaufsraum der Trödelsendung "Bares für Rares" die orangen Scheine vor sich auf den Tisch. Neben ihm steht Erzieher-Azubi Philipp, 26, und grinst. Er verkauft gerade die alte Messingwaage aus der Apotheke seines Vaters, die vor den beiden zu sehen ist. 

Philipp: "Ich freue mich sehr über das Geld. Ich hätte ja echt nicht damit gerechnet, aber es hat funktioniert. Das Geld setze ich für einen Festivalbesuch ein."

Momentaufnahme

Warum lassen wir uns von Trash-TV berieseln und was fasziniert uns so sehr an der neuen Netflix-Serie? Diese Reihe erklärt an einer Szene, warum wir jungen Leute gucken, was wir gucken – und was das über uns aussagt.

Was wirklich passiert

Eine mehr als 130 Jahre alte Antiquität bleibt zurück, 250 Euro kommen mit. Und Philipp? Der strahlt. Er hat soeben Familienerbe gegen Festivalerlebnis getauscht.

(Bild: ZDF)

Eine gute Entscheidung? Für ihn schon. Und sein Beispiel bringt auf den Punkt, warum die ZDF-Nachmittagssendung "Bares für Rares" nicht nur Rentner vor den Fernseher lockt, sondern auch regelmäßig solide Quoten bei jungen Menschen erzielt, wie das ZDF bento auf Anfrage mitteilte. Insgesamt gilt die Sendung als "erfolgreichste ZDF-Daytime-Show". (ZDF)

Denn wer hofft insgeheim nicht auf Momente wie diesen? Darauf, dass der Opa einen alten Schatz auf dem Dachboden findet und einem schenkt; der unscheinbar aussieht – und dann im Verkaufsraum der Show womöglich Tausende Euros einbringt. Ein Traum vom schnellen Geld für eine Generation, die es mit Geld nicht immer leicht hat. Die sich – anders als die Elterngeneration – im Schnitt von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangelt (Statista) und sich weder Hauskauf noch eine solide Rentenvorsorge leisten kann.

Was gäbe es da Schöneres als ein unverhofftes Erbe, das sich verscherbeln lässt? Warum auch behalten – die junge Generation macht sich nicht so viel aus Materiellem, dann lieber von dem Geld aufs Festival. Erlebnisse statt Dinge. (OC&C Strategy)

Was das mit uns macht

Vielleicht ist "Bares für Rares" auch der perfekte Gegenpol zu der Hochglanz-Serienwelt, die unserer Generation ständig neue Produktionen präsentiert, die sich gegenseitig an Perfektion überbieten; deren Storylines vollgepackt sind mit Drama, Liebe und politisch knallharten Themen; und die den Kopf noch lange nach dem Abschalten des Fernsehers beschäftigen. Wer bei "Bares für Rares" einschaltet, muss all dies nicht befürchten. 

Es erwartet einen ein gleichmäßiger Trott durch Antiquitäteninfos und seichtes People-Watching. Überraschungen gibt es hier nicht, ebenso wenig wie Enttäuschungen: Da die langen Warteschlangen der Menschen, die in Köln-Pulheim versuchen, ihre Schätze zu Geld zu machen, hinter den Kulissen bereits nach Verkaufspotenzial ausgesiebt werden, sieht man nur diejenigen, deren mitgebrachte Objekte tatsächlich auch etwas taugen. 

Balsam für Generation-Z-Seelen, die sich einer hochkomplexen Welt voller scheinbar unlösbarer Probleme gegenüber sehen – und die hier für eine knappe Stunde alles in bester Ordnung vorfinden. Keine Konflikte, viele Informationen, die man sich zum Glück nicht merken muss und große Freude bei den glücklichen Verkäuferinnen und Verkäufern. 

Und vielleicht sind es auch kleine Szenen wie die von Ü50-Kandidatin Petra, die die Sendung dann doch auf eine wärmende Art überraschend machen: Als Petra ein rosa Porzellanbänkchen auf den Tisch des Experten stellt, sagt Moderator Horst Lichter, er habe zwar keine Ahnung, was dieses "knuffige Teil" genau sei, doch es sei auf jeden Fall etwas für Mädchen. Petra erwidert: "Oder es war zu der Zeit so, dass Männer auch rosa gehabt haben." Da hüpft das sich nach Gleichberechtigung sehnende Gen-Z-Herz. 


Gerechtigkeit

Blind einkaufen, mit dem Rolli verreisen, Jobsuche mit Tics: Wie geht das eigentlich?

Ganz alltägliche Dinge können für Menschen mit Behinderung zu großen Herausforderungen werden. Denn an vielen Stellen sind die Städte, die Infrastruktur oder auch die Freizeit-Angebote noch nicht barrierefrei. Menschen ohne Behinderung haben oft gar keine Vorstellung davon, wo es im Alltag bei der Inklusion hakt. 

Blind shoppen gehen

Wenn man an einen sehbehinderten Menschen denkt, der shoppen geht, kommen vermutlich bei vielen Fragen auf. Zum Beispiel: Wie findet man die passende Klamotte, ohne sie zu sehen? Aber soweit muss man erstmal kommen. Denn am Anfang steht eine ganz andere Herausforderung. Man muss sich in der Fußgängerzone zurechtfinden. Die blinde YouTuberin Ypsilon hat das für ihre Follower in der Kölner Innenstadt mit einem Beitrag begleitet. Und wie das eben immer so ist, ist die Fußgängerzone natürlich ordentlich voll. Das heißt, zum einen muss sie höllisch aufpassen, nirgendwo anzustoßen, zum anderen will sie niemanden über ihren Blindenstock fallen lassen. Alles in allem eine Konzentrations-Meisterleistung. Ganz nebenbei muss sie natürlich das Geschäft finden, das sie sucht. Dabei kommen blinde Menschen meist nicht drum herum, andere Menschen nach dem Weg zu fragen. Aber wie beschreibt man einem blinden Menschen am besten den Weg?? „Da vorne bei dem roten Schild“ oder „Da entlang!“ in Kombination mit einer Geste, bringt jemanden, der nichts sehen kann, natürlich nicht weiter. Ypsilon nimmt es mit Humor. „Können sie mir vielleicht sagen, das wievielte Geschäft es ist?“.

Im Laden orientiert sich Ypsilon mithilfe der Verkäufer und fragt sich nach dem Gesuchten durch (graue Sneaker). Sie lässt sich Farben beschreiben, Material und Form kann sie selbst durch Fühlen beurteilen. In diesem Fall wusste sie schon ziemlich genau, was sie wollte, das reine Schlendern und durch die Auslage wühlen ist da schon etwas schwieriger, denn die Läden sind sehr unterschiedlich und die Waren sind nicht immer logisch sortiert.

Das ganze Erlebnis könnt ihr im Video verfolgen: