Bild: TVNOW

Sich über die "Bachelorette" aufzuregen, ist leicht. Sie gehört zur deutschen Trash-TV Landschaft wie das "Dschungelcamp", das "Sommerhaus der Stars" und ihr männliches Gegenstück "Bachelor". Wer trotz der großen Erfolge dieser Formate aber offen zugibt, dass er die Show liebt, erntet schnell schiefe Blicke oder hämische Kommentare. 

Aber warum eigentlich? 

"Bei 'Trash-TV' handelt es sich weniger um eine Sparte und mehr um eine Bewertung", erklärt Joan Kristin Bleicher vom Institut für Medien und Kommunikation in Hamburg. "Diese Bewertung taucht immer auf, wenn man von besonders billigen Produktionen spricht, die niedrige Qualitätsstandards aufweisen, stark mit Stereotypen arbeiten und einfache dramaturgische Prinzipien enthalten."

„In dieser Bezeichnung steckt immer schon eine Form von Kritik.“
Joan Kristin Bleicher

Was aber sagt das über die Zuschauerinnen und Zuschauer der Formate aus? "Harald Schmidt hat mal von 'Unterschichtenfernsehen' gesprochen", sagt Bleicher. Heute wisse man allerdings durch die Betrachtung der täglichen Einschaltquoten, dass Trash-Formate wie beispielsweise das "Dschungelcamp" auch von Zuschauern in sozial guter Stellung und mit Hochschulabschluss gesehen würden. Das Publikum sei in Wahrheit also breiter gestreut. 

"Die Kritik an der 'Bachelorette' wie auch am 'Bachelor' richtet sich an Stereotypen aber auch an die Genderkonstruktion und Rollenbilder, die dort verkauft werden", so Bleicher. Viele Zuschauer gingen zudem davon aus, sie hätten es mit einer Art Dokumentation zu tun. Dass es sich meist allerdings um eine Inszenierung handele, bliebe häufig unklar. 

Dennoch üben die Formate eine messbare Faszination auf Millionen Menschen aus: Zum Staffelstart fieberten 1,22 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren mit, wem Bachelorette Gerda Lewis am Ende des Abends eine Rose geben würde. Sogar noch mehr als im Jahr zuvor. (DWDL)

Aber warum sehen sich Leute trotz all der Kritik Trash-TV wie "Bachelorette" überhaupt an? 

Natalie, 27, studiert Soziologie. Sie ist ein großer Fan der "Bachelorette", würde sich aber mehr Diversität wünschen.

(Bild: privat)

"Ich schaue zwar auch den 'Bachelor', aber finde die 'Bachelorette' unterhaltsamer, weil ich glaube, dass die Geschlechterklischees ein wenig aufgebrochen werden. Die Frau hat die Entscheidungsmacht und die Männer befinden sich dadurch in der schwächeren Position – das ist anders als man es sonst aus den gängigen Formaten kennt. Ich finde das spannend. 

Außerdem wird Frauen oft unterstellt, emotional, zickig und zu gefühlsgeleitet zu sein. Bei der 'Bachelorette' sieht man, dass Männer ganz genau so sein können. Das liegt wahrscheinlich an den Gruppendynamiken. Auch Männer, die sonst im Fernsehen eher als rational dargestellt werden, können sich den Emotionen auf dem engen Raum nicht entziehen und reagieren einfach menschlich. Trotzdem finde ich die Teilnehmer bei der 'Bachelorette' eher albern als attraktiv. Was ich bisher von ihnen gehört habe, hat mich nicht überzeugt. Ihre Aussagen wirken auf mich meistens einstudiert und auswendig gelernt, was sie zum Großteil wahrscheinlich auch sind. 

Wie dieser Text entstanden ist:

Über unseren Instagram- und Facebook-Kanal haben wir nach Fans der Show gesucht. Es haben sich nur Frauen auf den Aufruf gemeldet. Daher haben wir nur mit weiblichen Fans gesprochen. 

Auch die Flirtversuche sprechen mich gar nicht an. Sie sind manchmal peinlich, manchmal einfach nur daneben. Ich finde aber, dass Gerda eine sehr offene und sympathische Art hat, die auch im direkten Gespräch mit den Männern ehrlich wirkt. Sie scheint zu wissen was sie will, setzt Grenzen und ist selbstbewusst. Das würde ich mir auf jeden Fall von ihr abschauen.

„Aufs Äußerliche bezogen, wird zum Beispiel nur ein Frauenbild propagiert, genauso wenig unterschiedlich sind die zwanzig Männer.“
Natalie

Schade, zum Beispiel, dass kein Mann mit Dreads oder einem normalen Körperbau dabei ist! Hier würde ich mir mehr Diversität wünschen. Ich glaube, dass sich genau deshalb andere Menschen über die 'Bachelorette' und die Zuschauerinnen und Zuschauer aufregen: Obwohl Gerda aus den Männern auswählt, werden zu viele Geschlechterklischees bedient. 

Außerdem kann man anderen Menschen beim Scheitern und in sehr intimen Situationen zusehen. Ich glaube, viele kritisieren diesen voyeuristischen Aspekt daran und werfen den Menschen vor dem Fernseher vor, nicht genug Action im eigenen Leben zu haben. Ich selbst habe aber noch keine solche Erfahrungen gemacht. Darüber diskutieren, warum ich mir die die Show ansehe, musste ich jedenfalls noch nie."

Isabel, 18, arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einem Lokalradio. Sie findet, man sollte das alles nicht so ernst sehen. 

(Bild: privat)

"Früher habe ich auch den 'Bachelor' gesehen, aber mittlerweile sehe ich nur noch die 'Bachelorette'. Mit einer Frau, die aus Männern auswählt, wer am besten zu ihr passt, kann ich mich einfach besser identifizieren und mitfiebern als mit einer Kandidatin, die vom Bachelor ausgewählt wird.
Die Flirtversuche und Anmachsprüche der Männer sprechen mich persönlich aber gar nicht an. Gerda und die Bachelorettes der letzten Staffeln beeindrucken mich hingegen viel mehr. Sie haben ein großes Selbstbewusstsein und scheinen genau zu wissen, wie sie sich eben nicht von Männern behandeln lassen wollen.
Wenn ich die 'Bachelorette' schaue, fühle ich mich ein bisschen wie eine 'Klischeefrau' und genieße das. Das bedeutet für mich, dass man sich solche Unterhaltungssendungen – wie auch 'Germany’s next Topmodel' – einfach gerne ansieht und Spaß daran hat, darüber zu klatschen und zu tratschen. Ich finde es ganz spannend, mich in die Bachelorette hineinzuversetzen, über die Männer zu urteilen, mich zu fragen, wen ich nett finde und wer so gar nicht geht. Ich tratsche sonst zwar auch gerne mit Freundinnen über solche Themen, kann das bei der 'Bachelorette' aber so richtig rauslassen. Ich glaube, das ist mehr so ein Frauending.
Gerda hat zwar die Überhand und kann aktiv entscheiden, auf der anderen Seite werden sehr einseitige Bilder vermittelt. Zum Beispiel, wenn Gerda besonders lange in einem kurzen Kleid gezeigt wird.
Klar, die Serie muss einen Unterhaltungswert haben, um im Fernsehen erfolgreich zu sein, deshalb glaube ich, kommen die Geschlechterrollen und die Bilder, die von Männern und Frauen vermittelt werden oft verkrampft und fast schon ein wenig künstlich rüber. Ich vermute aber, dass sich das ändert, sobald die Kameras weg sind und die Bachelorette und der Gewinner dann tatsächlich die Chance haben, auf Grund von dieser Basis eine ernsthafte Beziehung aufzubauen. 

„Jede Woche Rosen zu verteilen ist natürlich nicht der klassische Dating-Weg, aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch funktionieren kann.“
Isabel

Deshalb glaube ich, sollte man die Geschlechterstereotype nicht ganz so ernst nehmen. Es ist und bleibt eine Show. Als feministisch würde ich die Show nicht bezeichnen und sie eher einfach in die Sparte Unterhaltung stecken. Das muss man nicht immer alles zu ernst nehmen! Ich finde, man spricht im Allgemeinen zu schlecht über solche Formate. Man muss es ja nicht gut finden, aber ich denke oft: Entspannt euch doch einfach."

Die Wissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher sieht das kritisch.

„Unterhaltung birgt immer das Potenzial, Träger für implizierte Ideologien zu sein.“
Joan Kristin Bleicher

"Mit dem Unterhaltungsversprechen bekommt man Botschaften vermittelt, wie Geschlechter sich verhalten sollen oder wie Frauen und Männer auszusehen hätten." So könnten wahnsinnig viele Stereotypen transportiert werden. Bleicher sieht den Einfluss der Formate insbesondere bei Jugendlichen kritisch. "Gerade, wenn junge Erwachsene sich orientieren wollen, kann es sein, dass sie in den Flirt-Strategien der Sendung Vorbilder sehen – ob man die aber auf das reale Leben übertragen kann, ist fraglich." Wer die Formate trotzdem sehe, solle sie daher möglichst reflektiert betrachten. 



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