Bild: © Frédéric Batier/X Filme 2017

Während die Fernsehserie in den USA und Großbritannien in den letzten Jahren eine Revolution erlebt hat und sich zur dominanten Erzählform des 21. Jahrhunderts aufgeschwungen hat, läuft hierzulande – so kommt es einem zumindest vor – immer noch dasselbe im Fernsehen. Irgendwo zwischen Tagesschau, Tatort und Rosamunde Pilcher sind ARD und Co. stecken geblieben. 

Babylon Berlin will das ändern. Was haben die Macher sich bei internationalen Erfolgsserien abgeschaut? Wie steht es um Spannung, Witz und Atmosphäre? Und wollen wir weiterschauen?

Die teuerste deutsche Fernsehserie aller Zeiten ist am Freitag angelaufen. Wir checken, ob sie mit internationalen Serien-Hits mithalten kann.

Spoiler-Warnstufe rot

Wir haben dich gewarnt. Hier verraten wir alles. Wenn du die Serie oder den Film noch nicht gesehen hast und das noch vor hast, betrittst du diese Seite auf eigene Gefahr.

Was bisher bei "Babylon Berlin" geschah

Kommissar Gereon Rath ist aus Köln nach Berlin zu kommen, um einen dubiosen Pornofilm aufzuspüren. Ein mysteriöser Zug aus Russland wird erwartet. Lotte hilft Gereon auf dem Herrenklo des Präsidiums durch eine Panikattacke. Außerdem werden rund zwanzig weitere Figuren eingeführt, deren halbes Dutzend Erzählstränge bestimmt irgendwie zusammenhängen.  

Die Atmosphäre: Berlin, Berlin!

Die Serie schreit praktisch mit jeder Totale: Seht her, es ist Berlin! In den 1920ern! Genauso dreckig und lebendig und wunderbar wie heute! 

Es ist wohl kein Zufall, dass die Handlung 1929 startet – in jenem Jahr, in dem Döblins Berlin Alexanderplatz erschien. Der Versuch, ein ebensolches Stadtporträt zu zeichnen, könnte gelingen. Also irgendwo zwischen weiten Totalen von eben jenem Alexanderplatz, die an Downton Abbeys Besuche in London erinnern, von dunklen Szenen in heruntergekommen Hinterhäusern und ausufernden Partyszenen, in denen auch Gatsby und Co. nicht fehl am Platze wären. 

Die Figuren: Großes Abtasten

Vor allem die Hauptfiguren machen was her: Da ist zum einen Kommissar Gereon Rath, traumatisiert vom Krieg, mit erstaunlich wenig Redeanteil für einen Protagonisten, fein gespielt von Volker Bruch. Und zum anderen Charlotte „Lotte“ Ritter, Stenotypistin by day, Fifty Shades of Grey-Prostituierte by night. Derer zwei Begegnung im Herrenklo, wo Gereon gegen eine Panikattacke ankämpft, ist so ziemlich die intimste Szene bisher – für einen Moment spürt man die Serie statt sie nur anzuschauen. 

Ansonsten herrscht großes Abtasten, nicht nur unter den Figuren, sondern auch zwischen Figuren und dem Publikum. Ob hier Fan-, Shipping- oder sonstige Gemeinden entstehen, bleibt abzuwarten.

1/12

Die Erzählstruktur: Langer Atem 

Zu Beginn wird man erstmal mit gefühlt einem halben Dutzend Plots konfrontiert, dadurch hat die Serie doch einiges an Anlaufzeit, bis man sich in die Handlung einfindet. Im Vergleich zum rasanten Trailer fühlt sich die erste Doppelfolge sehr langsam an. 

Zum Ende hin nimmt das Erzähltempo dann aber doch Fahrt auf, in vier miteinander verschränkten Szenen wird zum selben Lied getanzt, gekackt, gevögelt und geschossen; die Körper zucken zum selben Beat, das ist irgendwie elegant, skurril und abstoßend zugleich. 

Der Skandalfaktor: Sex, Drugs, Rock’n’Roll

Nackte Körper: check. Intrigen und Verrat: check. Blutbad: check. Könnte auch "Game of Thrones" sein. Man darf gespannt sein, ob der Skandal unter der Oberfläche, der um den unbedingt zu zerstörenden Film, spannend genug wird, um das Publikum in Atem zu halten. (Übrigens: Um Konrad Adenauers Sado-Maso-Geheimnisse wird es hier wohl nicht gehen.)

Der Humor: Eher düster.

Schenkelklopfer sind bisher nicht im Angebot, unwitzig ist das alles trotzdem nicht. Das liegt vor allem an Lotte und ihrer Schwester, die das Leben in armseligen Verhältnissen mit kranken Familienmitgliedern und zerbrochenen Fenstern mit Galgenhumor nehmen. Als Lotte ihre Schwester fragt, warum sie nicht geschlafen hat, antwortet die: „Muttern hat gehustet, Erich hat gekotzt, Opa hat ins Bett gemacht, Oma hat geheult, Magda hat geschrieben, Karlchen hatte Durchfall.“

Berlinerisch bitte dazu denken.

Die Aussicht auf Folge 3 und 4: Vielversprechend

Die ersten beiden Folgen waren kaum mehr als eine Exposition. Die wichtigsten Figuren dürften nun eingeführt sein, ihre Loyalitäten und Motivationen liegen aber noch sehr im Dunkeln. Gespannt sein darf man nicht nur auf Gereons Jagd nach dem mysteriösen Schmuddel-Film, sondern auch auf die Entwicklung von Swetlana, die mit schwarzem Moustache als Sänger auftritt, als blonde Femme Fatale sowjetische Revoluzzer verführt und dann doch ans Stalin-Regime verrät. 

Insgesamt ist es seltsam, diese Art von Serie auf Deutsch zu schauen – aber ich gewöhne mich gerne daran.


Fühlen

Meine Freundin nörgelt ständig an sich rum, dabei ist sie perfekt. Was kann ich tun?
Julius, 30, fragt: