Bild: Netflix

MeToo halte ich für eine großartige Sache. Viele Frauen und Männer haben durch den Hashtag und die daraus resultierenden Diskussionen den Mut gefunden, Übergriffe bekannt zu machen und Täter zu entlarven. Vor allem aus der Film- und Musikbranche wurden viele Fälle öffentlich bekannt, bei einigen führte das zum Karriereende. 

Kevin Spacey etwa wurde wegen der (gerade fallengelassenenMissbrauchsvorwürfe radikal als Hauptfigur aus der preisgekrönten Serie "House of Cards" gestrichen. Das Problem: Auch, wenn Spacey nun nicht mehr für Netflix vor der Kamera steht, sind Filme wie "American Beauty" oder "Se7en" mit ihm dort immer noch zu finden. 

Aber kann ich sie weiter mit gutem Gewissen gucken? 

Rangierte "House of Cards" mit Spacey immer bei respektablen acht bis neuneinhalb von zehn Punkten auf der Filmdatenbank IMDB, stürzte sie ohne ihn erst auf fünf, dann auf knapp über drei Punkte. Auf Twitter kursierte ein böser Witz: "Hätten die Opfer Spaceys nicht warten können, bis die Staffel abgedreht war?" Einige dachten offenbar: Gute Kunst, gute Songs, gute Unterhaltung – das sei wichtiger als das wahre Gesicht ihrer Idole zu kennen. 

Auch einer meiner Lieblingskünstler hatte im vergangenen Jahr einen Belästigungsskandal: Aziz Ansari. 

Eine Frau mit dem Pseudonym "Grace" beschrieb Anfang 2018, wie der Schauspieler, Autor und Comedian ("Master of None", "Parks and Recreation") sie nach einem eigentlich netten Date immer wieder habe zum Sex überreden wollen. Erst hätten sie sich gut verstanden, dann habe er ihre Hand immer wieder auf seinen Penis gedrückt und sie später zum Oralsex gedrängt. Nonverbale Signale und den Wunsch, es "langsamer angehen zu lassen", habe er ignoriert. Die Begegnung habe sie verstört zurückgelassen, weinend in einem Taxi. 

Die schlimmste Nacht meines Lebens.
Grace

Ich versuchte, den Bericht einzuordnen. Ich bin zwar Fan, aber auch Feminist, ich bin ein Mann, der Opfer sexueller Übergriffe in seinem Bekanntenkreis hat. Für mich war klar: Ein "Nein" ist ein "Nein" und hat verdammt nochmal beim ersten Mal akzeptiert zu werden. 

Andererseits ... ja, was eigentlich? 

Wer keinen Konsens für sexuelle Handlungen hat, sollte nachfragen. Und wer nicht nachfragt, aus Angst, die andere Person könnte "Nein" sagen, sollte sich darüber klar sein, dass genau das übergriffiges Verhalten ist. Dass man gerade etwas tut, was die andere Person nicht will.

Warum suchte ich trotzdem nach Gründen, Ansari in Schutz zu nehmen? 

Nach den Vorwürfen legte er die Produktion seiner Serie "Master of None" vorerst auf Eis und verschwand fast ein Jahr aus der Öffentlichkeit. Seine Ende 2018 gestartete Stand-Up-Tour "Working on new Material" fand noch unter Ausschluss von Handys statt, das zugehörige Netflix-Special "Right Now" wurde nun Mitte Juli veröffentlicht. 

Darin geht er offensiv mit der Geschichte um. Nachdem er von Männern, Frauen und sogar Kindern mit Standing Ovations begrüßt wurde, sagt er direkt zu Beginn: 

Ich hatte Angst, ich fühlte mich manchmal erniedrigt, manchmal bloßgestellt und schlussendlich einfach nur schrecklich, weil sich eine Person so gefühlt hat."
Aziz Ansari, "Right Now"

Er und viele andere hätten aus der Geschichte gelernt, erklärt Ansari weiter, und würden sich nun auf Dates anders verhalten – das sei doch eine gute Sache. 

Die Erklärung ist mehr, als viele andere Beschuldigte im Rahmen von MeToo von sich gegeben haben. 

Aber reicht sie als "Entschuldigung"? Reicht sie, um danach weiter zu machen? Wieviel muss ein Künstler verbrochen haben, damit seine Fans nicht mehr zu ihm halten? 

Später in seinem Programm thematisiert Ansari dieses Dilemma selbst und bezieht sich auf zwei aktuelle Beispiele. Zunächst geht es um die Doku "Surviving R. Kelly": Die Karriere des RnB-Sängers steht nun vor dem Ende, nachdem eigentlich bereits länger in der Öffentlichkeit stehende Vorwürfe über den Missbrauch Minderjähriger erneut diskutiert wurden. Ansari lässt sein Publikum abstimmen: Wer mit R. Kelly endgültig durch sei, solle klatschen. Knapp die Hälfte der Anwesenden tut das.

Dann geht es um Michael Jackson. Auch zum "King of Pop" gibt es mit "Leaving Neverland" eine neue Doku, in der ehemalige Wegbegleiter ihm jahrelangen und organisierten Missbrauch vorwerfen. Wieder soll das Publikum klatschen, doch es bleibt fast still. Die überwältigende Mehrheit der Menschen will nicht mit Michael Jackson abschließen – Vorwürfe hin oder her. Immerhin hat er "Thriller" gemacht.

Wieso behandeln wir Stars anders als Normalsterbliche? Würden wir noch beim Kaufmann um die Ecke einkaufen, wenn über ihn bekannt würde, dass er auf Minderjährige uriniert haben soll? Würden wir zum Friseur gehen, der seine Frau schlägt und beschimpft?

Ich frage mich immer noch, wie ich mit Aziz Ansari umgehen soll. Würde ich klatschen oder still bleiben?

Ein T-Shirt mit seinem Gesicht zumindest würde ich eher nicht in der Öffentlichkeit tragen. Seine neue Show gucken aber schon. Sie war klug, bissig, aktuell und sehr "meta". Und sie macht klar, dass Männer – ob Täter oder nicht – sich mit MeToo auseinandersetzen und daraus lernen können.

Doch eine essenzielle Sache fehlte der Show: Eine wirkliche Entschuldigung. Alles, was Ansari zu den Vorwürfen von Grace sagt, dreht sich letztendlich darum, wie es ihn beeinflusst hat, dass sie sich seinetwegen "so gefühlt" habe. Ob Graces Erzählung aber zutrifft, ob er sich tatsächlich falsch verhalten hat – das lässt Ansari offen. Er gibt sich dankbar und demütig, dass er wieder auf der Bühne stehen darf und erntet für die emotionale Rede Applaus.

Grace hingegen bleibt weiterhin nur eine gesichtslose Stimme von vielen, bei der sich Fans fragen, ob sie nicht doch ein wenig übertrieben haben könnte. Und das ist der eigentliche Skandal: Dass wir, das Publikum, uns so sehr nach "unseren" Stars sehnen, dass Täter eine tolle Heldengeschichte bekommen und die Opfer stumm, anonym und ungesühnt bleiben. Alles für die Kunst.


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