Alle räumen gerade mit Marie Kondo auf – aber ich nicht mehr.

Gleichmäßig gefaltete Socken, perfekt geordneter Papierkram, nach Farbe sortierte Unterhosen: Die Sendung "Aufräumen mit Marie Kondo" auf Netflix zieht selbst Menschen ohne Zwangsneurose und "Schöner Wohnen"-Abo in ihren Bann. Seit ihrem Erscheinen am 1. Januar sind die sozialen Medien voller Vorher-Nachher-Bilder diverser Kleiderschränke, Garagen und Küchenschubladen. Es scheint: Alle misten jetzt ihre Wohnungen aus, schmeißen weg, was in ihnen – wie die japanische Ordnungsexpertin sagt – keine "Glücksgefühle auslöst", und zeigen Bilder ihres wunderbar sortierten Lebens.

Auch mich hat das Prinzip geködert. Tatsächlich hat Marie Kondos Methode bei mir dazu geführt, dass ich mich von deutlich mehr Ballast gelöst habe als bei vorigen Aufräumaktionen. Bringst du mir eigentlich Glücksgefühle, Kleid? Nein? Dann hau gefälligst ab!

Doch als ich danach meine sortierten Regale betrachtete, wurde das wohlige Zen-Gefühl in meinem Bauch nach und nach von einem anderen verdrängt – Ärger. Und vom Gedanken:

Unsere Generation hat schon genug Optimierungsdruck. Kann der nicht wenigstens vor den Sockenschubladen Halt machen?

Um das klarzustellen: Ich bin total für Aufräumen und verstehe den positiven Effekt, den eine geordnete Umgebung auf die Psyche und das Wohlbefinden haben kann. Regelmäßig auszumisten und den eigenen Besitz zu schätzen wissen, anstatt wahllos anzusammeln, ist wichtig und richtig – besonders in einer Welt, die von unserem übermäßigen Konsum schon völlig gebeutelt ist. 

Aber brauchen wir wirklich noch einen weiteren Menschen, der uns vermittelt, wir hätten das eigene Leben nicht im Griff? 

Die Influencerin zeigt, wie die besten Sit-ups gehen, der Foodblogger präsentiert die perfekte Frühstücksbowl und nun macht Marie Kondo vor, wie der perfekte Haushalt aussieht. Dagegen kann das eigene Leben nur verlieren. 

Bringt dir dein Besitz etwa nicht genug "Glücksgefühle", wundert sich die kleine Marie Kondo auf deiner Schulter. Du schaffst es nicht, gleichzeitig deine Kinder zu versorgen, deiner Arbeit nachzugehen und deine Wäsche farblich zu sortieren? Tja, da hast du wohl was falsch gemacht – bei Marie klappt's schließlich auch! Wie, zwischen zwei Jobs und deinem Studium bleibt dir dazu einfach keine Zeit? 

Wenn deine Klamotten nicht korrekt gefaltet sind, bist du trotzdem ein Loser!

Und so reiht sich eine weitere Stimme in den Chor vieler anderer, die uns sagen, wie wir immer noch fitter, schöner, besser werden können.

Wer zwischen den frühen Achtziger- und Nullerjahren in Westeuropa geboren wurde, kennt eine Welt, die so sicher ist wie nie zuvor und so viele Möglichkeiten bietet wie nie zuvor – die aber auch geprägt ist von Schnelllebigkeit, von ständiger Erreichbarkeit, vom beruflichen Wettbewerb mit sehr vielen gut ausgebildeten Menschen und von dem ständigen Vergleich mit Gleichaltrigen (danke, Social Media...). 

Kurz: Uns stehen mehr Optionen offen als früheren Generationen – aber für viele Menschen bringen diese Optionen ein Gefühl von "Ich bin nicht gut genug" mit sich.

Ein Mittel dagegen heißt Selbstoptimierung: Noch ein Auslandsaufenthalt, nächster Sprachkurs, fünftes Praktikum. Und in der Freizeit dann Fitnessstudio und Kochkurs. 

Doch Studien zeigen, dass uns das kaputt macht. 

Ein Forschungsteam der britischen Unis Bath und York St. John hat untersucht, wie sich das Streben nach Perfektion bei britischen, kanadischen und US-amerikanischen Studierenden zwischen den Jahren 1989 und 2016 entwickelt hat. Das Ergebnis der Langzeitstudie: Der Perfektionismus ist stark gestiegen und soll einer der Gründe für die steigende Zahl psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen sein. 

In der Zusammenfassung der Studie heißt es: "Junge Menschen stehen wettbewerbsorientierteren Umgebungen und unrealistischeren Erwartungen gegenüber und sind unruhiger als vorige Generationen." Heißt: Von uns wird zu viel erwartet und das tut auf Dauer nicht gut.

Was hat das alles mit Wäsche-Sortieren zu tun?

Wenn wir nun auch noch denken, unsere Wohnung müsste ständig wie geleckt aussehen, ist das ein weiterer Punkt auf der langen Liste von Dingen, die wir angeblich perfekt machen sollen. 

Offenbar reicht es nicht, dass uns soziale Medien täglich darauf hinweisen, was für tolle Urlaube, großartige Jobs und wunderbare Partner alle anderen Menschen so haben – jetzt falten sie auch noch ihre Socken zu adretten kleinen Päckchen, während die eigenen völlig minderwertig als zusammengeknäuelte Bündel in der Schublade liegen.

Wenn ich also das nächste Mal mit Schuldgefühlen vor dem rummeligen Schrank stehe, ignoriere ich die kleine Marie Kondo auf meiner Schulter und knüll die Schlüpper einfach in irgendeine Ecke. Und beschäftige mich stattdessen mit etwas, das wirklich Glücksgefühle in mir auslöst


Gerechtigkeit

Trump will Pflichten für Ölfirmen lockern, die Obama nach einer Öl-Katastrophe extra eingeführt hatte
Aber es gibt Widerstand.

Eine Ölplattform explodiert, elf Menschen kommen ums Leben. In den Tagen und Wochen danach sprudeln um die 800 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko, Tausende Tiere verenden, eine Ölpest verseucht das Gewässer. (FAZ)

Die Tragödie der "Deepwater Horizon" vor neun Jahren gilt als die bisher schwerste Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA. In der Folge hat Präsident Barack Obama die Sicherheitsregeln auf US-Ölplattformen deutlich verschärft.

Nun will sein Nachfolger Donald Trump die Sicherheitsregeln für Ölfirmen wieder abschaffen.

Das berichten die "New York Times" und der "Guardian". Ziel sei es, "unnötige Restriktionen" für die Industrie zu beseitigen und damit die heimische Energieförderung zu stärken, heißt es im US-Innenministerium. Ende Januar sollen die Pläne öffentlich gemacht werden.

1 Um was geht es?

Bei der "Deepwater Horizon" hatte ein Ventil versagt, dass einen unkontrollierten Ölaustritt verhindern soll. Seither gibt es strenge Regeln für solche Ventile – und staatliche Kontrollen.

Nun sollen Ölfirmen wieder externe Partner beauftragen können, die Sicherheit auf ihren Plattformen zu überprüfen. Eine staatliche Kontrolle würde wegfallen. 

2 Was plant die Trump-Regierung außerdem?

Sie will fast allen Küstenteilen Lizenzen zu Offshore-Bohrungen nach Öl und Gas geben. Bisher waren viele Küstenstreifen Naturschutzgebiete. Das ändert sich nun. (bento)

  1. Erstmals nach drei Jahrzehnten soll vor Kalifornien wieder gebohrt werden.
  2. Vor Alaska sollen wieder Bohrungen stattfinden dürfen.
  3. Auch bisher gesperrte Gebiete entlang der Atlantik-Küste vor Virginia sollen Bohrlizenzen bekommen.
  4. Und im Golf von Mexiko – wo die "Deepwarter Horizon"-Katastrophe stattfand – sollen die Gebiete vor der Florida-Küste ausgeweitet werden.

3 Was ist das Problem?

Die Gebiete stehen zum Teil unter Naturschutz, bedrohte Wal-Arten, Schildkröten und Seekühe leben dort. Kommen die Öllizenzen, drohen neue Verschmutzungen. Die drohen auch, wenn es keine Katastrophe wie bei der "Deepwater Horizon" gibt.

2004 ließen zum Beispiel Wellen eine Ölplattform der Firma Taylor Energy im Golf von Mexiko kentern. Seither tritt dort Öl aus. Seit 15 Jahren. Insgesamt könnten so bereits über 100 Millionen Liter Rohöl aus der gekenterten Plattform gelaufen sein. (Washington Post)

In allen betroffenen Bundesstaaten sind die Gouverneure daher gegen neue Offshore-Ölbohrungen – auch unabhängig davon, ob sie Parteifreunde von Donald Trump sind oder nicht.