Bild: Ken Woroner / Netflix
Fun Fact: Anne war ein wichtiger Einfluss auf Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf"

Wer nicht weiß, dass Netflix seine Inhalte mit knallharten Beliebtheits-Algorithmen berechnet, muss die Produktion der ersten Staffel von "Anne with an E" für eine mutige Entscheidung gehalten haben. In beliebte Genres wie Comedy, Action oder Science-Fiction kann man die Serie nämlich wirklich nicht einordnen. Statt galaktischer Schurken oder wortkarger Actionhelden ist einfach ein vorlautes, rothaariges Mädchen mit Sommersprossen die Hauptfigur: Anne (hervorragend gespielt von Amybeth McNulty). 

Die Vorlage dafür ist ein kanadisches Kinderbuch, das schon 1908 erschien: "Anne auf Green Gables" von Lucy Maud Montgomery. Klingt langweilig? Ist aber ein Meisterwerk!

Die Serie mischt den Historien-Flair von "Unsere kleine Farm" mit einer liebenswürdigen Coming-of-Age-Geschichte. Und auch wenn "Anne with an E" seit dem Start keinen riesigen Hype erzeugte, konnte sie über ihre bisher drei Staffeln eine treue, internationale Fangemeinde aufbauen.

Darum geht’s in "Anne with an E"

Anne Shirley, ein 11-jähriges Waisenmädchen, wird durch einen Zufall von den unverheirateten Geschwistern Marilla und Matthew Cuthbert adoptiert – die wollten eigentlich einen Jungen als Arbeitskraft für ihren Hof haben. Fortan lebt sie bei ihnen auf "Green Gables", einem fiktiven Ort auf der real existierenden, kanadischen Prince-Edward-Insel. Mit ihrer selbstbewussten, verträumten und vorlauten Art bringt sie frischen Wind in das harte Leben der Cuthberts und stellt den Alltag der kleinen Dorfgemeinschaft auf den Kopf – auch, indem sie Rollen und Autoritäten in Frage stellt. 

Wir finden: Es wird höchste Zeit, diese Serie noch viel bekannter zu machen – daher haben wir ohne Schwierigkeiten sechs lohnende Gründe gefunden, warum du der Show eine Chance geben könntest. Und einen, warum du es (bitte) dringend tun solltest! 

Taka Tuka in Kanada

Die kluge Mischung aus ernster Gesellschaftsstudie und Teenager-Story kommt mit einer großen Portion "Pippi Langstrumpf"-Flair daher. Nicht ohne Grund: Einige behaupten nämlich, Astrid Lindgren habe sich für ihre Pippi die eine oder andere Scheibe von Anne abgeschaut – immerhin sei "Anne auf Green Gables" Lindgrens Lieblingsbuch als Kind gewesen. (Welt)

2 Frauen der Literatur- und Filmgeschichte

In zu vielen Branchen sind Frauen unterrepräsentiert – selbst, wenn sie dort Großartiges geleistet haben. Umso wichtiger ist es, ihre hervorragenden Werke auch zu würdigen. "Anne with an E" ist ein solches Meisterwerk – nicht nur die Serie, auch der Roman. Trotzdem fand er über die Grenzen Kanadas hinaus (zu) wenig Beachtung. 

Die Verfilmung wirft neues Licht auf das bereits 1908 veröffentlichte Buch. Den Löwinnenanteil daran verdanken wir Moira Walley-Beckett, der mehrfachen Emmy-Gewinnerin und Drehbuch-Autorin der Erfolgsserie Breaking Bad. Erst die Geschichte eines todkranken Drogenbarons, dann die eines forschen Waisenmädchens: Wenn es gut ist, warum nicht?

3 "Mädchen können alles, was ein Junge kann. Und mehr!"

Die Geschichte von Anne spielt in einem verschlafenen und von der Landwirtschaft geprägten Örtchen am Ende des 19. Jahrhunderts. Wenn sie hier Geschlechterungleichheiten empört in Frage stellt, dann ist das nicht selbstverständlich. Doch genau darum geht es: Autorin Montgomery hat schon damals starke und selbstbewusste Frauenfiguren entworfen, die mit den Konventionen brechen und für ihre Rechte kämpfen. 

Der Drehbuchautorin Walley-Beckett ist es gelungen, sich an die Vorlage zu halten und gleichzeitig aktuelle Themen aufzugreifen: MeToo, Female Empowerment, Gleichberechtigung, aber auch Rassismus und Ausgrenzung werden hier geschickt thematisiert, ohne aufgezwungen zu wirken oder gar das Original zu verfälschen. 

4 Sei du selbst! Immer!

Mit ihren roten Haaren, dem Gesicht voller Sommersprossen und einem dünnen Körper entspricht Anne nicht gerade den Schönheitsidealen ihrer Zeit. Zudem wird sie fortwährend ausgelacht, weil sie eine mittellose Waise ist, viel liest und eine überbordende Fantasie hat. Überall eckt sie an, vor allem bei Kleingeistern und Traditionalisten. Trotzdem verbiegt sie sich nicht. 

In einer Zeit, in der wir von Werbung und Insta-Posts zur Selbstoptimierung gezwungen werden, können wir von Anne lernen: Lass dir von niemandem sagen, wie du zu sein hast. Bleib du selbst, du bist toll!

(Bild: Ken Woroner / Netflix)

5 Liebe hat viele Gesichter

Anne und ihre Freundinnen sind hoffnungslos romantisch und träumen von der großen Liebe. Die Serie erinnert uns dennoch daran, dass es nicht nur diese heteronormative Form der Liebe zwischen Mann und Frau gibt, die zusammen eine Familie gründen und Kinder bekommen. Es gibt sie auch als Liebe zwischen Freundinnen, als Geschwisterliebe, gleichgeschlechtliche Liebe, als Liebe zwischen Menschen unterschiedlichen Alters oder als verlorene Liebe. 

Selbst mit dem klassischen Familienbild von Mutter-Vater-Kind wird hier nonchalant gebrochen: Die Geschwister Matthew und Marilla sind unverheiratet und haben keine eigenen Kinder. Bis eines Tages die Waise Anne vor der Tür steht. Trotz der ungewöhnlichen Konstellation bilden sie so etwas wie eine glückliche Familie – meistens.

6 Digital Detox

Ja, es gab ein Leben vor der Digitalisierung. Und Anne kommt ganz hervorragend ohne Smartphone und Social Media zurecht. Mit ihrer Kreativität und Leidenschaft steckt Anne nicht nur ihre Mitmenschen an, sondern wahrscheinlich auch die Zuschauenden. Zudem lebt die Serie von Bildern einer beeindruckenden Landschaft des ländlichen Kanadas, der auch Anne schnell verfällt. Sie erfindet zauberhafte Namen für Orte, Bäume, Seen und Tiere und begegnet ihnen voller Respekt und Liebe. Für erschöpfte Großstadtaugen ist das Zuschauen dabei eine Wohltat.

7 Rettung ist nah

Trotz einer eingeschworenen Gruppe begeisterter Fans wurde Ende 2019 unerwartet verkündet, dass nach der dritten Staffel vorerst Schluss mit der Serie sei. Die Fans – darunter auch Deadpool-Star und Gin-Mogul Ryan Reynolds – kritisierten Netflix für das jähe Ende. Der große Aufschrei sorgte nun allerdings dafür, dass die Serie vielleicht doch noch eine weitere Chance bekommt. 

Der Hinweis auf die "finale Staffel" verschwand von den Seiten des Streamingdienstes, die Diskussionen und Verhandlungen laufen aktuell aber hinter verschlossenen Türen. Mit Nachdruck aber, denn schon über 200.000 Menschen haben die Petition für eine Fortsetzung unterschrieben. 

Wer jetzt mit einsteigt und die Serie schaut, sendet damit vielleicht das entscheidende Signal an die Verantwortlichen. Sogar der neue Streamingdienst Disney+ hat inzwischen zaghaftes Interesse an einer Weiterführung der Serie gezeigt.

Und wenn "Anne with an E"-Fans eines im Überfluss haben, dann ist es die Hoffnung, dass am Ende alles gut wird.


Gerechtigkeit

"Rassismus kann man er- und verlernen" – ein Gespräch über Ablehnung und Identität
Interview mit dem Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç

Deutschland hat ein Rassismusproblem. Es zu lösen, wird immer dringlicher, jeder Anschlag, jeder Übergriff ist ein weiteres Zeichen für das gesamtgesellschaftliche Versagen. 

In einer Welt, in der sich Menschen theoretisch an alle möglichen Identitäten und Ideologien binden könnten, stellt sich daher die Frage: Warum werden manche eigentlich Rassisten? Was macht die Ideologie für manche attraktiv? Und wie ließe sich das ändern? 

Ozan Zakariya Keskinkılıç ist Politikwissenschaftler und Rassismusforscher an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und hat das Buch "Die Islamdebatte gehört zu Deutschland" geschrieben.

bento: Zakariya, warum werden Menschen zu Rassisten?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Mich interessieren weniger Rassisten, als vielmehr der Rassismus selbst. Rassismus ist ein gesellschaftliches Machtverhältnis, bei dem der Zugang zu Ressourcen reguliert wird und der Ausschluss von Menschen genauso wie Gewalt legitimiert werden. 

Solche Mechanismen wachsen historisch und werden sozial tradiert und erlernt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man absichtlich rassistisch ist oder nicht. Man muss sich nicht als Rassist verstehen, um rassistisch zu denken oder zu handeln. Der Effekt ist ausschlaggebend. 

Und trotzdem ist Rassismus eben auch identitätsstiftend.

bento: Was meinst du mit identitätsstiftend?

Zakariya: Rassismus schafft eine eigene Gruppenidentität durch Abgrenzung zu "den Anderen". Das geschieht entlang von Hautfarbe, Religion, Kultur oder Herkunft. Weiße Deutsche werden aufgewertet, während Schwarze, Roma, Sinti, Muslime und viele andere People of Color als Fremde markiert und herabgesetzt werden. Im Grunde erzählt der Rassismus in Deutschland nichts über "die Anderen", aber sehr viel über "uns" und "unseren" Blick auf die Welt. 

bento: Laut einer Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wählen viele Menschen die AfD an Orten, wo Arbeitsplätze im Handwerk schwinden (DIW). Ist Rassismus eine Art Lückenfüller, wenn andere Teile der Identität in Gefahr sind, zum Beispiel durch den Verlust des Arbeitsplatzes?

Zakariya: Rassismus füllt keine Lücken, er ordnet die Gesellschaft. Arbeitslosigkeit und Armut sind keine Auslöser von Rassismus und Menschen mit niedrigem Einkommen sind auch nicht die Erfinder oder Urheber rassistischer Ideen. 

Wir können beobachten, dass viele AfD-Wähler unabhängig von sozialer Schicht die Sehnsucht nach einem deutschen Patriotismus verbindet. Sie wollen wieder stolz auf das eigene "Deutschtum" sein und die "Last" der historischen Verantwortung ablegen, also nicht mehr an die Verbrechen des Nationalsozialismus und den Holocaust erinnern, stattdessen Geschichte umdeuten und sich selbst als "Opfer" inszenieren. 

An der Beliebtheit der AfD erkennen wir, was in den letzten Jahrzehnten in Sachen antifaschistischer Aufarbeitung und Demokratisierung versäumt wurde. Da bröckelt etwas. Tag für Tag dringt mehr Sehnsucht nach deutscher Homogenität und Dominanz durch. 

Aber woher kommt diese Sehnsucht?

Zakariya: Soziale Themen wie zum Beispiel Armut und Unsicherheit können mit Rassismus verarbeitet werden. Das sieht man sehr gut am europäischen Antisemitismus: Wenn etwas wirtschaftlich nicht stimmt, wird in bestimmten Kreisen "den Juden" dafür die Schuld gegeben. 

Ein ähnliches Muster erkennen wir auch im antimuslimischen Rassismus: Muslimen wird nachgesagt, insgeheim den Rechtsstaat zu unterwandern und das Land an sich reißen zu wollen. Mit antimuslimischen Parolen kann die AfD erfolgreich an die "Sorgen" und "Ängste" der Gesellschaft anknüpfen und sich als Stimme des "deutschen Volkes" präsentieren. Und die darunter liegenden Überzeugungen sind bei vielen Menschen angekommen:

Der Aussage "Bei den vielen Muslimen fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land" stimmten im Westen 54,8 Prozent zu, im Osten 56,1. (Leipziger Mitte-Studie 2018).

bento: Dabei leben doch insgesamt in Deutschland eigentlich wenige Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – und noch weniger Muslime.

Zakariya: Ja, weil Rassismus auch ohne sie funktioniert. Für den antimuslimischen Rassismus reicht zum Beispiel allein die Idee aus, dass Muslime unter "uns" leben könnten, um gegen sie auf die Barrikaden zu gehen. Muslime werden in demographischen Prognosen und Bedrohungsszenarien als wachsende Gefahr konstruiert.