Wir haben mit Nino Kerl von Ninotaku TV gesprochen

Anime – das sind doch diese japanischen Cartoons mit den Kulleraugenmädchen? Und diese gezeichneten Pornofilme mit übergriffigen Tentakelwesen, oder?

Nino Kerl seufzt bei solchen Fragen leise. Der 32-Jährige betreut Deutschlands beliebtesten Anime-Channel auf YouTube – Ninotaku TV. Einmal die Woche präsentiert er dort Neuigkeiten rund um Manga und Anime aus Japan, rund 1,5 Millionen Klicks bekommt er so jeden Monat.

Auf bento spricht er über das Märchenhafte der japanischen Serien und wie man in Japan am besten eine Drehgenehmigung bekommt.

Ein Gespräch in vier Anime-Empfehlungen

Anime und Manga – wo ist der Unterschied?

Als Manga werden gezeichnete Geschichten bezeichnet, die in Magazinen, Zeitungen und Sammelbänden erscheinen. Sie sind vergleichbar mit Comics, werden allerdings von rechts nach links gelesen. Manga sind in Japan ein Massengeschäft: Wochenmagazine wie "JUMP" oder "Weekly Shonen" erreichen Millionenauflagen.

Anime sind Zeichentrick-Adaptionen für Fernsehen und Kino. Oft begleiten Anime-Serien erfolgreiche Manga, es gibt allerdings auch Zeichentrick, der keine Buchvorlage hat.

1. Captain Tsubasa
Ich wusste lange gar nicht, was Anime eigentlich sind. Klar, "Saber Rider", die "Kickers" und "Robin Hood" waren die Zeichentrickserien meiner Jugend – halt all die Kinderserien der Neunziger. "Captain Tsubasa" habe ich am meisten geliebt. Die Fußball-Action war großartig und die Gleichzeitigkeit von all den Gesprächen und Konflikten auf dem Bolzplatz irgendwie witzig. Und ja, ich gebe es zu: Ich habe auch "Sailor Moon" geschaut.

Aber dass die ganzen Serien aus Japan sind und keine US-Produktionen, war mir irgendwie nicht klar. Irgendwann wurde ich älter und entdeckte "Ghost in the Shell" und "Akira". Dann wollte ich mehr wissen: Wie wird das produziert? Wo bekomme ich mehr? Ich habe mir dann über Importhändler alte Videokassetten geordert und reihenweise Anime geschaut.
News, Convention-Besuche und Rankings – so sieht Ninotaku TV aus:
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2. Digimon
Ich arbeitete als Redakteur für GamePro, war also eigentlich mit Spieletests beschäftigt. Mittlerweile bin ich im Haus Creative Director. Aber meine Leidenschaft blieben über all die Jahre Anime. Vor zwei Jahren habe ich dann Ninotaku TV aufgebaut, um zu sammeln, was ich Neues über Anime erfahre, und es an andere Fans weiterzugeben.

Ninotaku TV ist mein Baby. Ich musste zwar meine Chefs bei GamePro damals erst mal davon überzeugen, so ein Nischenthema wie Anime in einen YouTube-Channel zu verwandeln. Die Recherche, Redaktion und Moderation mache ich neben meinem normalen Job komplett allein. Entsprechend nimmt Ninotaku TV mittlerweile die meiste Zeit in Anspruch, manchmal fahnde ich eine komplette Woche nach neuen Anime-News. Ich sehe mich aber nicht als YouTube-Promi. Das ist ja keine Show, sondern ein Nachrichtenkanal.

Gerade kam zum Beispiel eine neue Digimon-Sammelbox auf den Markt. Vorne drauf: Ein Sticker "Empfohlen von Ninotaku TV". Das ist schon sehr surreal. Hätte mir einer vor 17 Jahren – zum Zeitpunkt der deutschen Erstausstrahlung – gesagt, dass ich mal ein Qualitätsgarant für Anime bin, hätte ich ihn ausgelacht.
3. Mein Nachbar Totoro
Dass Anime nicht mehr nur Zeichentrickserien im TV, sondern eine richtige Leidenschaft für mich wurden, habe ich sicher Studio Ghibli zu verdanken. Jeder Fan kennt diesen Namen! Die Produktionsfirma steht für handgezeichnete, wunderschöne Anime-Geschichten, zum Beispiel der Spielfilm "Mein Nachbar Totoro" von 1988. Darin freunden sich zwei Mädchen mit einem riesigen, knuffigen Waldgeist an.

Auch "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland" stammen von Studio Ghibli – und haben Anime in Deutschland bekannt gemacht. Die Filme leben von Fantasie und Sehnsüchten, verhandeln auf der Metaebene aber wichtige Themen wie Umweltschutz oder Erwachsenwerden. An diesen Filmen sieht man, dass Anime eben kein Pornokram ist. Es sind moderne Märchen, komplexer als jeder Disney-Film.
4. One Piece
Einer meiner Lieblingscharaktere ist Monkey D. Luffy aus "One Piece" – ein junger Kerl, der zur See fährt und Piratenkönig werden will. Er wirkt zunächst sehr simpel, albert nur rum und futtert viel. Aber wer seinen Abenteuern länger folgt, wird merken, wie komplex Luffy ist. Er hat einen sehr guten moralischen Kompass, weiß, wann sein Handeln gut oder schlecht ist. Außerdem verfolgt er bedingungslos seine Träume.

So sehe ich mich auch, dieser Ehrgeiz gefällt mir. Den Manga zu "One Piece" gibt es seit 1997, den Anime seit 1999. Du kannst also die Charaktere über eine sehr lange Zeit reifen sehen – es ist ein ähnliches Fieber wie bei einer guten Fernsehserie.
Kürzlich war ich in Japan, um ein paar Spezialfolgen für Ninotaku TV zu "One Piece" zu drehen. Der Manga ist dort seit Jahren der populärste von allen, es gibt Kinofilme, Fanshops und Vergnügungsparks. Ich wollte im Tokyo Tower drehen, wo es eine neue "One Piece"-Welt und richtig gutes Cosplay mit den Hauptcharakteren gibt.

Allerdings geht ohne Genehmigung natürlich gar nichts, meine Kamera musste ich sofort ausmachen. Japaner sind immer höflich, aber auch sehr an ihrem Markenschutz interessiert. Ich kann ein bisschen japanisch, es reicht aber zu wenig mehr als "Bitte" und "Danke".

Mit den PR-Leuten vom Tokyo Tower beugten wir uns schwitzend über die Übersetzungs-Apps unserer Tablets. Dann sagten sie plötzlich, sie würden bei Toei anrufen. Toei, das sind die Rockstars der Branche – die Firma produziert den "One Piece"-Anime. Und die sagten plötzlich zu. Das war einfach irre. Und ich glaube, meine Aufregung sieht man mir im Video auch an.
Wataaa!


Gerechtigkeit

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