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Warum "American Pie" Gift für meine sexuelle Entwicklung war

Sportler, Loser und Cheerleader. Rote Becher, Sperma-Witze und blink-182. Rund um das Jahr 2000 rührte Hollywood mit diesen Zutaten einige sehr erfolgreiche Filme zusammen. Es war die Hochzeit der Teenie-Komödien. 

Als 13-jähriger Junge habe ich diese Filme geliebt. Denn ich hatte endlich ein Filmgenre, das mir meine eigene pubertäre sexuelle Verwirrtheit humoristisch verklärte.

Denn verwirrt war ich definitiv. Meine Eltern waren um einen obszönen Witz zwar nie verlegen, im Kern aber genauso verklemmt und in Er- beziehungsweise Aufklärungsnot wie die Generationen vor ihnen. Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen. Die Bravo haben Jungs ohnehin nicht gekauft. Und die Schaubilder von Schwellkörpern und Samenleitern im Bio-Unterricht halfen mir auch nur begrenzt weiter. 

Doch wie jeder jungfräuliche Teenager hatte ich jede Menge Fragen – und fand die Antworten an einem völlig unpassenden Ort: im Kino.  

"American Pie", die Mutter aller Teenie-Komödien

In diesem Jahr feiert American Pie, die Mutter aller Teenie-Komödien, in Deutschland ihren 20-jährigen Kino-Geburtstag. Die Filmreihe war damals so erfolgreich, dass sie auch Menschen, die statt einer typischen High School eine integrierte Gesamtschule in Niedersachsen besucht haben, ihr Grundwissen über das sexuelle Miteinander vermittelt hat.

Doch wenn ich mir die Geschichten um Jim, Oz, Kevin und Finch heute anschaue, merke ich, dass das Angebot dieser Teenie-Komödien zur Ausstaffierung meiner sexuellen Identität vor allem eines war: beschämend.

Das Alpha-Männchen

Das größte Problem an American Pie: das Leitbild des sexuell erfolgreichen Mannes, verkörpert vom Charakter Steve Stifler. Ein wirklich unangenehmer Typ – aber irgendwie auch ein Typ, der keinerlei Probleme hat. Er ist im Mittelpunkt des Geschehens, obwohl niemand ihn mag, er ist der sexuell Erfahrenste, obwohl (oder – suggeriert uns der Film – gerade weil) er nie um Erlaubnis fragt.

Wenn ich irgendwann nicht selbst herausgefunden hätte, wie banal es ist, seine männlichen besten Freunde (ja, auch mit Zunge) zu küssen, ich würde dank Stifler immer noch glauben, es wäre das Ekligste, was einem als Cis-Mann passieren kann. 

Doch für Steve läuft es trotzdem: Er bleibt vom ersten bis zum letzten Teil des Franchise der Gleiche und hangelt sich Film um Film von einer Grenzüberschreitung zur nächsten. Lerneffekt gleich null, auch beim Zuschauer.

Die Sprache 

Obszöne Sprache gehört zu einer Komödie mit pubertierenden Jugendlichen dazu. Ich kenne bis heute keine Zeile aus dem Zauberlehrling, aber komplette Passagen aus "Road Trip", "Nicht noch ein Teenie Film" und dem Best of von "Voll-Assi Toni". Fäkalhumor zieht, vor allem bei pubertierenden Jungs. American Pie ist da keine Ausnahme. Natürlich allen voran wieder in der Gestalt von Steve Stiflers Aussprüchen: "Los Baby, blas mir einen", "Scheiße, Alter, ich hab 'nen Dildo entdeckt" oder "Mach ihr den Daddy".

Doch die Rollenbilder und die Weltanschauung, die ich mit dem täglichen Zitieren auf dem Schulhof eingeübt habe, sind fatal. Stellvertretend dafür der Begriff MILF, der durch American Pie bekannt wurde: Als wären Mütter generell nicht attraktiv und man müsste die wenigen, die es sind, durch die Einführung des Wortes gesondert kennzeichnen.

Die Frauen

Weibliche selbstbestimmte Sexualität kommt in American Pie ohnehin nur in den Rollen von Stiflers Mom oder der überdrehten, experimentierfreudigen Michelle daher. Frauen, die sexuell selbstbewusst auftreten, haben entweder etwas Mystisches, Geheimnisvolles – oder etwas Unheimliches und Abschreckendes. Um diese rätselhaften Wesen zu verstehen, braucht es Insiderwissen – so wie "die Bibel" über Oralsex, die Kevins älterer Bruder ihm vermacht. 

Als wir in der sechsten Klasse Sexualkunde-Unterricht hatten, fragte ich meine Lehrerin, wie genau man es sich selbst macht. Sie konnte diese Frage nicht beantworten, es war ihr zu peinlich. Wie hätte sie mir da erst erklären sollen, wie man eine Frau befriedigt? Mit einem Apfelkuchen habe ich es zwar nie getrieben, aber im Prinzip war das die einzige explizite Empfehlung, die zu dieser Zeit für mich greifbar war.

Die Einstellung

Das Nicht-Einholen von Konsens ist ein Phänomen, das sich durch die Romcoms der letzten Jahrzehnte zieht. Selbst "How I Met Your Mother" basiert zehn Staffeln lang darauf, dass Protagonist Ted Mosby ein "Nein" einfach nicht akzeptieren kann.

Wenig überraschend sucht man auch in American Pie vergeblich nach der Darstellung von sexuellem Einvernehmen. Die Handlung des ersten Teils baut auf einen Pakt zwischen den vier Hauptfiguren, der sich liest wie das Manifest einer Incel-Gruppe. Die Freunde beschließen, sich bis zum Abschlussball entjungfern zu lassen und ihr – worin auch immer begründetes – "Recht auf Sex" in Anspruch zu nehmen.

„No longer will our penises remain flaccid and unused! From now on, we fight for every man out there who isn't getting laid when he should be!“

In den Randbedingungen des Deals fallen zwar auch die Bedingungen "valid, consensual sex". Wie ernst sie das nehmen, zeigt dann aber allen voran die berühmte Webcam-Strip-Szene, bei der Jim seinen kurzen sexuellen Kontakt mit der Austauschschülerin im Internet überträgt. Die Frau ist dabei weder im Bilde, dass sie gefilmt wird, noch macht sich das Drehbuch die Mühe, ihre Gefühle in irgendeiner Form aufzuarbeiten.

Die Botschaft: Es ist unüblich, bei Frauen Einverständnis einzuholen, Frauen müssen eher überredet werden, Frauen fragt man auch nicht, was ihre sexuellen Vorlieben sind. Was nicht vermittelt wurde: Dass aus fehlendem Konsens traumatische Erlebnisse entstehen können, und dass solche fiktiven Darstellungen sexuelle Übergriffe kleinreden. 

Ganz im Gegenteil. Das Cool-Machen von fehlendem Konsens gipfelt in American Pie in der Schlusspointe, als Jim nach seiner Entjungferung aufwacht und seine Sexpartnerin verschwunden ist. Sein Kommentar: "Ich wurde benutzt…cool."

Die Folgen

Fast jeder meiner Schulkameraden hat American Pie damals gesehen. Und auf dem Schulhof habe ich an mir und den anderen gesehen, wie wir diese uns vorgeführte Form von Männlichkeit adaptiert haben. Eine Männlichkeit, nicht viel aufgeklärter als das konservative Weltbild unserer Eltern und Großeltern, nur um ein paar unnötige Peniswitze reicher. 

Niemand von uns hat damals nach der Erlaubnis für einen Kuss gefragt, es war um einiges cooler, mit der Ohrfeige zu leben. Niemand von uns hat offen über seine Sexualität gesprochen, denn es war peinlich und es hat uns angreifbar gemacht. Statt einen komplexen, sensiblen Charakter zu entwickeln, haben wir uns hinter dem Stifler in unseren Köpfen versteckt. 

Dass Mann-Sein auch anders aussehen kann, habe ich erst viel später begriffen, mit den ersten Büchern, die nicht zum Schulkanon gehörten, mit Genderseminaren an der Uni. Und mit Punk, der mehr Haltung hatte als blink-182.


Gerechtigkeit

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Wie viele Leben kann Max retten?
Wie der Assistenzarzt versucht, Corona mit Effizienz zu bekämpfen

Max Schons, 26, ist Assistenzarzt in der Infektiologie der Kölner Uniklinik – weil er mit einer Pandemie gerechnet hat. Gemeinsam mit seiner Forschungsgruppe hat Max eines der größten Covid-19-Register mit dem Namen "LEOSS" initiiert. (Deutsche Gesellschaft für Epidemologie) Hier werden Patientendaten  gesammelten, die helfen, das Coronavirus besser zu verstehen und schneller zu bekämpfen.

Es ist allerdings nicht so, als hätte Max die außergewöhnliche Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Max ist einfach nur Effektiver Altruist.  

"Effektiver Altruismus" ist eine Philosophie und zugleich eine soziale Bewegung. Seine Anhänger richten ihr Leben gezielt nach einer Frage aus: Wie kann ich mit meinen Entscheidungen möglichst viel Gutes bewirken? 

Effektivität bestimmt das Handeln

Nachdem Max sich mit der Theorie beschäftigt hatte, war ihm klar, dass er seine Karriere sehr rational würde planen müssen, um in seiner Lebenszeit die Möglichkeit zu haben, viele Leben zu retten. Er hat Karriereguides von Effektiven Altruisten gelesen, und sich mit der Frage beschäftigt, welche Probleme auf der Welt besonders dringend angegangen werden müssen. "Ich habe viel Zeit damit verbracht und viele Gespräche geführt. Das war zum Teil ziemlich nerdy," sagt Max, "Ich habe ein großes Spreadsheet gemacht, wo ich dann unterschiedliche Karrieremöglichkeiten gegeneinander abgewogen habe.“

Sehr geholfen habe ihm unter anderem der 80.000 Hours Karriereguide – ein Blog und Podcast, der sich der Frage widmet, was man mit den durchschnittlich 80.000 Stunden eines Berufslebens am besten anstellt. (SPIEGEL)

Effektiver Altruismus ist als Philosphische Schule relativ jung, sie hat sich vor allem in den vergangenen zehn Jahren entwickelt. Die Anhänger richten sich nach Statistiken, Big Data oder experimenteller Feldforschung, um zu beurteilen, was "fühlenden Lebewesen" möglichst viel Gutes tut. Keinen besonders guten Ruf haben dagegen: Gefühle. Emotionen hinderten uns oft daran, rational gut zu handeln, sagen Effektive Altruisten.

Um "Gutes Tun" von den Gefühlen zu lösen, haben sie ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe sich herausfinden lassen soll, bei welchen globalen Problemen unserer Zeit geballte Brainpower am meisten bewirken kann. Dabei bewerten sie drei Kategorien: Neglectedness, Scale, Solvability — also Vernachlässigung, Ausmaß und Lösbarkeit. 

Der Klimawandel hat beispielsweise riesige Ausmaße, ließe sich vom Menschen lösen und ihm ist erst in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden. Deshalb ist der Klimawandel eines der Felder, in denen sich Effektive Altruisten betätigen.

In der Medizin chronisch vernachlässigt, mit potentiell riesigem Ausmaß und vom Menschen lösbar sind hingegen: Pandemien. Das ist der Grund, weshalb Max sich für die Infektiologie entschieden hat – obwohl ihn Neurologie eigentlich mehr interessierte.

Gutes besser tun

"Extrem viele Menschen werden von Pandemien beeinflusst", sagt Max. Nicht nur wir, die jetzt auf der Welt leben, sondern auch zukünftige Generationen seien betroffen. "Unabhängig davon, ob man an dem Virus stirbt, sind die Schäden für die gesamte Gesellschaft gigantisch."