Bild: American Broadcasting Companies/ dpa

Als mutmaßliche Mörderin saß sie jahrelang im Gefängnis, nun steht Amanda Knox für eine Netflix-Doku im Zeugenstand. Ein ebenso diffuses wie dichtes Filmpuzzle - das grundlegende Fragen aufwirft.

Irgendwann ist plötzlich Donald Trump im Bild. Eine Moderatorin will wissen, was die Mordanklage gegen die Studentin Amanda Knox in Italien für andere US-Bürger bedeutet. Der Republikaner sagt: "Sie sollten nicht nach Italien reisen."

Trumps Auftritt ist im neuesten Film über den Mordfall Meredith Kercher zu sehen, der wegen des Prozesses gegen die damalige Hauptverdächtige vor allem mit dem Namen Amanda Knox verbunden ist. Der Wortbeitrag des Milliardärs war für das Verfahren belanglos, illustriert aber den Umgang der Öffentlichkeit damit. Schließlich steht Trump derzeit wie kein anderer für jene Untugend, die den Fall zum Justizskandal machte: In seiner Welt zählen Emotionen mehr als Fakten.

Genau wie in der Amanda-Knox-Groteske.

Umso akribischer haben sich die Regisseure Rod Blackhurst and Brian McGinn bemüht, in ihrer Dokumentation so nah wie möglich an den tatsächlichen Ereignissen zu bleiben. Für den Film, der von diesem Freitag an auf Netflix zu sehen ist, sammelten sie fünf Jahre lang Videoschnipsel, studierten Ermittlungsakten – und interviewten ab 2014 nahezu alle Protagonisten des Verfahrens. Die Doku spielt Tonaufnahmen vom Treffen Knox' mit ihrer Mutter im Gefängnis Capanne ein, zitiert aus dem Hafttagebuch der Studentin, lässt Anwälte, Forensiker und Polizisten zu Wort kommen.

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Netflix dürfte damit nach der Dokuserie "Making a Murderer" erneut mit der Verfilmung eines realen Kriminalfalls für Gesprächsstoff sorgen: Es ist der bislang wohl ambitionierteste Versuch, den Fall Knox objektiv nachzuerzählen.

Er scheitert trotzdem – und das ist gut so.

Der 90-Minüter beginnt am Nachmittag jenes 2. November 2007, der das italienische Universitätsstädtchen Perugia weltweit bekannt machte. Wackelige Videoaufnahmen zeigen, wie Polizisten durch das unscheinbare Häuschen in der Via della Pergola 7 gehen, wie sie "Scheiße, Scheiße" sagen, wie sie unter einer Bettdecke die halbnackte Leiche einer 21-jährigen Erasmus-Studentin finden: die Britin Meredith Kercher, vergewaltigt und mit Messerstichen übersät.

Es folgt ein detailliert nachgezeichnetes kriminologisches Possenspiel, das in den folgenden Jahren den Ruf der italienischen Justiz nachhaltig ramponieren und zwei junge Menschen unfreiwillig zu Berühmtheiten machen wird: Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito, die zweimal zu hohen Haftstrafen verurteilt werden, bevor das höchste italienische Gericht sie freispricht.

In der Hauptrolle: Amanda Knox.

So blicken schon nach wenigen Minuten die ernsten Augen der sichtlich gealterten Amerikanerin in die Kamera, direkt in die Kamera. "Es gibt kein Dazwischen", sagt die heute 29-Jährige. Wenn sie keine Mörderin sei (wovon Knox natürlich ausgeht), dann sei sie der Beweis dafür, dass jedermann verwundbar sei: "Entweder bin ich ein Psychopath im Schafspelz – oder ich bin du."

Funktioniert Wahrheit so simpel?

Die Regisseure machen es sich glücklicherweise nicht so leicht. Sie haben die verschiedenen Versionen zu einem uneindeutigen Mosaik verbaut und zeigen die Schwächen simpler Antworten auf. So nähren die Aussagen des selbstverliebt inszenierten Chefermittlers Giuliano Mignini zunächst den Eindruck, Knox müsse an dem Mord beteiligt gewesen sein - bevor andere Experten genau diese Einschätzung in Zweifel ziehen.

Dabei gehe es ihnen durchaus um Fakten, beteuern die Regisseure im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - aber sie wollten nicht als Richter auftreten: "Die Doku handelt von der Wahrheit der menschlichen Erfahrung", sagt McGinn, "jeder dieser Menschen hat eine eigene Version davon." Und Kollege Blackhurst ergänzt: "Dieser Film handelt davon, wie wir uns unsere Wahrheiten erschaffen."

Dabei ist dem Duo das Kunststück gelungen, keinen der Protagonisten allzu sympathisch oder glaubwürdig zu inszenieren. Knox etwa kann nicht wirklich plausibel erklären, warum sie anfangs ihren Arbeitskollegen Patrick Lumumba fälschlicherweise beschuldigte.

Ermittler Mignini doziert, nur weibliche Mörder bedeckten ihre Opfer nach der Tat. Und der britische Journalist Nick Pisa orakelt, Sollecito habe vor seiner Beziehung mit Knox womöglich nur mit einer einzigen Frau geschlafen – verrät aber nicht, wie er darauf kommt und was genau das mit der Schuldfrage zu tun haben soll.

"Wir berichten, was uns gesagt wird"

Ohnehin hat Pisa offenbar vor allem eine Funktion: Er steht für das Versagen des kritischen Journalismus. Der Boulevard-Reporter prahlt, wie er als Erster die Theorie vom aus dem Ruder gelaufenen Sexspiel publik machte; wie er für die tatverdächtige Studentin den Spitznamen "Foxy Knoxy" etablierte; wie er reißerische Artikel verfasste mit Überschriften wie "Orgy of Death". Todesorgie.

Das Problem an Pisa, der damals für das britische Boulevardblatt "Daily Mail" schrieb: Er mag die Klatschpresse repräsentieren, nicht aber den kritischen Investigativjournalismus. Schließlich zerlegte das Oberste Kassationsgericht im März 2015 genau jene Mordtheorie, die Pisa zuvor seinen Lesern als unverrückbare Tatsache präsentiert hatte.

Der Kampf um die Deutungshoheit steht im Mittelpunkt

"Wir berichten, was uns gesagt wird", sagt er dazu. "Wir sagen nicht: 'Moment, warte noch eine Minute, ich will das noch kurz auf andere Weise nachprüfen."

So steht nicht die Suche nach dem Mörder von Meredith Kercher im Mittelpunkt der Dokumentation - sondern der Kampf um die Deutungshoheit: Boulevardreporter, die ungesicherte Erkenntnisse als Sensationsenthüllung verkaufen. US-Politiker, die ihre angeklagte Landsfrau voreilig zum Justizopfer erklären. Italienische Juristen, die aus gekränktem Stolz darauf verweisen, dass es in Perugia schon 1308 die erste Jura-Fakultät Europas gegeben habe - und hinzufügen: "In Amerika zerrten sie 1308 vielleicht ein paar Büffel in ihre Höhlen."

Die Wahrheit ist, dass es in diesem Fall gar nicht mehr um Wahrheit geht.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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