Bild: MG RTL D / Arya Shirazi
Und warum wir ihnen dabei zugucken.

Was passiert

Tränenüberströmt vergräbt Fabian sein Gesicht an der Brust seines Ehemannes Christian, während dieser ihn umarmt und seinen Nacken streichelt.

"Das war für mich der bis jetzt schönste Moment in meinem Leben", sagt Fabian, 24.

Schnitt. Nun bekommen wir zu hören, was die anderen Gäste über Fabian und Christians großen Tag zu sagen haben. "Beide Anzüge waren etwas zerknittert", bemängelt Michelle. "Die Dekoration war sehr spartanisch", sagt Nicole. Oder mit den Worten von Froonck, dem Wedding-Planner: "Eine Deko, die nicht stattfindet."

Momentaufnahme

Warum lassen wir uns von Trash-TV berieseln und was fasziniert uns so sehr an der neuen Netflix-Serie? Diese Reihe erklärt an einer Szene, warum wir jungen Leute gucken, was wir gucken – und was das über uns aussagt.

Was wirklich passiert

Neun Jahre lang haben sich Fabian und Christian darauf gefreut, zu heiraten. Schon wenige Tage, nachdem sie zusammengekommen waren, machte Fabian seinem Freund einen Antrag. Doch damals waren die beiden noch sehr jung und sehr pleite. Das Geld fließt offenbar noch immer nicht in Strömen, sodass die beiden Kandidaten bei "4 Hochzeiten und eine Traumreise" das kleinste Budget der Runde vorzuweisen hatten. 

Die Vox-Show ist ein Klassiker des Nachmittags- und Kater-Fernsehens. Seit acht Jahren geben sich jede Woche vier Kandidatinnen (seltener: Kandidaten) das Ja-Wort. Die anderen Teilnehmerinnen sind auf diesen Hochzeiten Gast und vergeben Punkte. In einer abschließenden Folge sehen sich die Teilnehmerinnen die Bewertungen der anderen an und das Paar mit dem höchsten Ergebnis gewinnt Luxus-Flitterwochen.

Fabian und Christian sind in dieser Woche also die Quoten-Sparfüchse. Das ist nicht unbedingt ein Handicap, gewinnt doch manches Mal die kleinste, aber dafür am liebevollsten gestaltete Feier. Die beiden Bräutigame haben jedenfalls für 4000 Euro ihre Traumhochzeit auf die Beine gestellt: mit personalisierten Luftballons, einer Fahrt im Feuerwehrwagen, einem Trompeter und einer Ententanz-Animation, für die selbst die Oma auf die Tanzfläche geholt wurde.

Hier könnte die Geschichte vorbei sein, denn Fabian und Christian sind nach diesem Tag sehr glücklich. Eventuell war es für sie sogar der im Hochzeitskontext häufig genannte "schönste Tag des Lebens". Doch dann setzen sie sich vor einen Bildschirm und lassen sich vorführen, dass drei ihrer Gäste den Tag gar nicht mal so perfekt fanden.

Mäkelige Gäste können schon eine normale Party versauen, aber in diesem Fall sind die Kritikerinnen auch noch komplett fremde Menschen, die nur an der Hochzeit teilnehmen durften, weil sie von Kameras begleitet wurden – und ihre eigene Eheschließung ebenfalls filmen und kritisieren lassen. Und so müssen sich Fabian und Christian anhören, wie die anderen Kandidatinnen vom Buffet bis zum Eröffnungstanz kaum ein gutes Haar an ihrer Hochzeitsfeier lassen.

Am Ende kann man nur staunen, dass Fabian es bei der Verkündung der Siegerin noch schafft, freundlich zu gratulieren. 

Was das mit uns macht

Warum lassen sich Menschen ihren Hochzeitstag dadurch vermiesen, dass sie ihn von fremden Personen auseinanderpflücken lassen? Und warum gucken sich das so viele Menschen jede Woche aufs Neue an? 

Klar, zunächst mal ist das Neugier, weil wir Einblick in einen intimen Moment im Leben anderer Menschen bekommen. Sicherlich auch Lust auf Drama, Schadenfreude und eine gute Dosis Besserwisserei: Weiß doch dank Hochzeits-Oberchecker "Froonck" jeder, dass man einen Hinterkopf-Schleier nicht mit dieser Art von Kleid kombiniert – Punktabzug gerechtfertigt! 

Aber vielleicht können wir beim Schauen von "4 Hochzeiten und eine Traumreise" auch Seiten von uns ausleben, die wir im Alltag lieber verdrängen.

Die Sehnsucht nach pompösen Events, die sich gerade bei vielen Menschen breit macht, beispielsweise. Während unsere Elterngeneration mit selbstgemachtem Nudelsalat im eigenen Garten gefeiert hat, werden heute auch private Hochzeitsfeiern geplant, fotografiert und verbreitet wie Royal Weddings. Finden wir das absurd – oder wünschen wir uns so ein Fest vielleicht auch? Denn während manche die Sendung mit zynischer Distanz beginnen mögen, schleichen sich irgendwann Fragen in den Kopf: Würde mir das Kleid auch stehen? Welches Essen würde ich wählen? Und geht die Candy Bar nicht noch etwas schöner?

Die Sendung führt auch vor, dass viele von uns sich trotz aller Versuche, mehr Achtsamkeit in unser Leben zu integrieren, schwer tun, mit dem glücklich zu sein, was wir haben. Eine Feier im kleinen Kreis ohne großes Aufsehen? Warum, wenn man auch von Kameras begleitet werden kann, dafür 1500 Euro bekommt und möglicherweise sogar noch einwöchige Luxusreise? 

Und zuletzt ist das Hochzeits-Wetteifern ein Beleg dafür, dass es meistens keine gute Idee ist, sein Glück in der Bestätigung von außen zu suchen. 


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