Bild: Jake Melara

Die Influencerin Yvonne Pferrer liegt im Bikini auf einem Bergvorsprung, der mit Wasser gefüllt ist und von dem sich ein Wasserfall mehrere Meter nach unten stürzt. "Natural Pool", schreibt sie in die Bildbeschreibung. Das Foto ist im Nationalpark Berchtesgaden entstanden und hat, seit die Influencerin es auf Instagram geteilt hat, nicht nur über 80.000 Likes erhalten, sondern auch eine Welle der Empörung ausgelöst.

"Hier geht es runter" und "Habe mich zur Sicherheit an einem Stock festgehalten", schreibt Yvonne Pferrer in der dazu gehörenden Instagram-Story, in der sie den Weg zum Wasserfall abseits der gesicherten Pfade teilt. Wie man zu dem natürlichen Pool im Bergvorsprung gelangt, ist nach dem Ansehen der Story eindeutig. Sicher sieht es allerdings nicht aus, was die Influencerin in ihrem Post bestätigt: "Auch für uns einer der krassesten Spots die wir bisher gesehen haben. Und wirklich etwas gefährlich!"

Screenshot vom 08.06.2020

Locken solche Fotos Menschen an, die die Natur vor Ort zerstören?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Natur nach medialer Aufmerksamkeit vor Menschen geschützt werden muss. Im vergangenen Jahr schloss Islands Umweltagentur einen Schauplatz, der die unberührte Natur des Landes zeigt – weil ein Musikvideo des Sängers Justin Biber dort gedreht wurde und massenhaft Fans anzog (SPIEGEL). Steintürmchen, die am Playa Jardín auf Teneriffa von Touristen gebaut und fotografiert werden, werden von Umweltschützern abgebaut, weil sie dem Ökosystem dort schaden (SPIEGEL). Und der ikonische Strand aus dem Film "The Beach" ist noch bis mindestens 2021 geschlossen, weil Reisegruppen das Riff zerstört hatten (SPIEGEL).

Auch im Nationalpark Berchtesgaden ist die Gefahr bekannt. "Begonnen hat das vor etwa drei Jahren", berichtet Ulrich Brendel, Biologe und stellvertretender Nationalparkleiter. Zu Beginn hätte das Team des Nationalparks nicht mitbekommen, dass vor allem junge Menschen Fotos aus entlegenen Ecken des Parks und abseits der gesicherten Pfade auf Instagram oder Facebook teilten. "Wir wurden immer wieder von Dritten darauf aufmerksam gemacht, dass Teile des Parks von Menschen gezeigt wurden, denen online viele andere folgen. Das zieht natürlich Nachahmer an."

Besonders besorgniserregend sei für Brendel, dass Besucher mittlerweile an Stellen vordringen würden, an denen vorher kaum jemand war. "Über Social Media werden die letzten Flecken unberührter Natur in Deutschland beworben", sagt er.

Im Park selbst gebe es das Recht der Bewegungsfreiheit, erklärt der Biologe. Die gesicherten Pfade zu verlassen sei also keineswegs verboten, aber damit gehe natürlich auch eine Verantwortung an die Besucher über. Zu dieser Verantwortung gehöre, sorgsam mit der Natur umzugehen, keinen Müll zu hinterlassen und auf die Tiere und Pflanzen Rücksicht zu nehmen. "Wenn nun jemand wie Yvonne Pferrer mit 1,2 Millionen Followern den Wasserfall auf Instagram zeigt, wird diese Stelle im Park überschwemmt. Wir haben mittlerweile nur in diesem Bereich 2,5 Kilometer mehr Trampelpfade im Nationalpark, weil Menschen irgendwelchen Vorgaben aus dem Netz folgen. Außerdem finden wir immer mehr Feuerstellen, Müll und zerstörte Natur."

Der Nationalpark bat die Influencerin in einem Kommentar das Posting zu löschen, nachdem man sie bereits per Mail kontaktiert hätte – worauf sie nicht reagiert habe. Beim Löschen gehe es nicht nur um den Schutz der Natur, sondern auch um den der Besucher: "Letztes Jahr sind an dieser Stelle zwei Menschen am gleichen Bach ein paar Meter weiter unterhalb ums Leben gekommen", sagt Brendel.

Pferrer verdient als Influencerin Geld mit ihren Fotos. Nicht nur durch Werbedeals auf Instagram, sondern auch, indem sie auf ihrer Website sogenannte Presets für ein Bildbearbeitungsprogramm verkauft. Mit diesen Voreinstellungen, die das Foto wie ein Filter automatisch bearbeiten, sollen die selbstgeschossenen Bilder ihrer Kundinnen und Kunden genauso aussehen wie die der Influencerin.

Naturliebhaber oder Naturzerstörer?

Biologe Brendel ist besorgt, weil er befürchtet, die Postings auf Instagram würden nun Besucherinnen und Besucher anlocken, die auf der Suche nach einer Spielwiese für außergewöhnliche Erlebnisse seien. In seinen Augen eine Grenze, die überschritten wird. "Influencer sollten immer auch ihre Verantwortlichkeit nutzen, um auf die Besonderheit unseres Schutzgebietes hinzuweisen und an ihre Follower zu appellieren, diese Einzigartigkeit zu erhalten."

Dass junge Leute andere für die Natur und den Nationalpark begeistern, freut den stellvertretenden Leiter: "Wenn jemand sagt, wie schön es hier ist und was man hier – unter Einhaltung bestimmter weniger Regeln – erleben kann, um die Natur zu erhalten und zu schützen, dann ist das genau das, was wir uns wünschen." Drohnenflüge seien beispielsweise jedoch ausdrücklich verboten (Nationalpark Berchtesgaden). Pferrer und ihr Freund posteten dennoch Drohnenaufnahmen in einem Video. 

Auch Kathrin Heckmann ist Influencerin und Outdoor-Reisebloggerin. Seit 2016 kann sie von ihren Reiseberichten, die sie unter anderem auf ihrem Blog Fräulein Draußen veröffentlicht, leben. Auf Twitter teilte sie das Posting von Yvonne Pferrer und die Bitte des Nationalparks, das Foto zu löschen, weil sie sich über das Verhalten der Influencerin ärgerte. Daraufhin schlug ihr selbst Hass aus dem Netz entgegen. "Manche haben gedacht, ich sei die Frau auf dem Foto, manche haben generell Reise-Influencerinnen beschimpft", sagt Kathrin.

Die 32-Jährige versteht nicht, warum man für ein austauschbares Foto sein Leben riskiert und die Zerstörung von Natur in Kauf nimmt. Aber nicht alle Reise-Blogger seien gleich, betont sie: Manche seien unterwegs, um selbst einen Ort zu entdecken, andere wollten vor allem Fotos machen und mit anderen teilen. "Ich recherchiere vor jeder Reise. Denn ich möchte meine eigenen Sachen machen und nicht dorthin gehen, wo schon tausende Menschen vor mir waren", sagt Kathrin. 

Sie sei sich dabei ihrer Verantwortung als Reisebloggerin bewusst, verzichte auf genaue Ortsangaben bei ihren Fotos und lege Wert auf den Schutz der Orte, die sie besucht. "Ich fühle mich den Tieren und Pflanzen gegenüber verantwortlich, wenn ich in der Natur unterwegs bin und versuche, so gut es geht keine Spuren zu hinterlassen", sagt sie. "Wenn einer einen entlegenen Ort besucht, ist das vielleicht nicht schlimm, aber wenn es Hunderte sind, richten sie einen großen Schaden an."

Kathrin bloggt seit 2013. Dieses Jahr erscheint ihr erstes Buch "Fräulein Draußen". 

(Bild: privat)

Besonders Hashtags wie #Naturelover unter Postings, die immer wieder den gleichen Ort inmitten der Natur zeigen, irritieren Kathrin. "Die Leute trampeln dort herum, wo sie nicht herumtrampeln sollen." Immerhin: "Ich finde es super, wenn man die Natur entdecken will. Ich glaube, wenn Menschen wieder mehr draußen wären, wäre die Welt ein besserer Ort. Aber man muss die Natur dabei schützen und wertschätzen."

Aus Fehlern lernen

Kathrin Heckmann möchte aus den Fehlern, die sie früher gemacht hat, lernen. "Als ich mich das erste Mal mit Wildcamping beschäftigt habe, habe ich zum Beispiel viel zu dicht an einem See mein Zelt aufgeschlagen. Heute weiß ich, dass das für die Natur nicht gut ist und verzichte darauf."

Sich gut zu informieren hält auch Ulrich Brendel vom Nationalpark Berchtesgaden für die wichtigste Grundlage: "Es ist doch viel schöner, wenn man weiß, dass man das, was man gerade genießt, nicht gleichzeitig zerstört." 

Eine Kollegin von ihm habe mit Yvonne Pferrer telefoniert und mit ihr über den Beitrag auf Instagram gesprochen. Das Team des Nationalparks habe sie gebeten, sich zu dem Foto zu äußern und kreativ eine Lösung zu finden und zu posten, um die Natur vor Ort und die Menschen zu schützen.

Mittlerweile hat die Influencerin den Text unter dem Posting verändert und weist darauf hin, keinen Müll zu hinterlassen und den Ort nicht zu besuchen, um den Nationalpark zu schützen – gelöscht hat sie es nicht. Unter ihrem neusten Foto kündigt sie den nächsten Stop ihres Roadtrips an: der Schwarzwald. 

Yvonne Pferrer hat auf eine Interviewanfrage von bento bislang nicht reagiert.


Uni und Arbeit

Berufsanfängerin in der IT: "Plötzlich bekam ich alle paar Wochen Anfragen von Headhuntern"
Die neunte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Anna*, 27, stieg nach der Uni als Customer-Relationship-Managerin bei einer Lokalzeitung ein und arbeitete an einer Schnittstelle zwischen IT und Vertrieb. Im Job bildete sie sich zur IT-Spezialistin weiter – und wurde mit Jobangeboten überhäuft.