Ich bin dann mal weg.

Backpacken durch Südostasien. Verlassene Straßen, Reisfelder, Caipirinhas in abgelegenen Sandbuchten – man kennt die stereotypen Bilder, die Globetrotter auf ihren Instagram-Accounts teilen.

Es scheint, als wären Weltreisen das neue Universalmittel im hauseigenen Apothekerschrank: Jemand ist frustriert von der Heimatstadt. Hat seinen Job gekündigt, oder musste sich nach sieben Jahren in eheähnlicher Gemeinschaft eingestehen, abends doch lieber alleine zu sein.

Statt sich den Problemen dort zu stellen, wo sie entstanden sind, wird erst mal ein Flug nach Bangkok gebucht. Um klarzukommen. Wird schon! Spätestens dann, wenn man in die lachenden Augen der thailändischen Kinder blickt und wieder anfängt, seine eigenen Privilegien zu schätzen. Alles auf Neuanfang? Von wegen. Denn Weltreisen sind oft vor allem eines: oberflächlich und kurzsichtig.

In der Fotostrecke: Wir haben vier Weltenbummler gefragt, was sie an ihrer Weltreise begeistert und genervt hat
Sie ist 29 Jahre alt, kommt aus der Schweiz, arbeitet als Journalistin und ist seit 2014 – mit kurzen Unterbrechungen – auf Reisen. Hier gehts zu ihrem kompletten Interview.
Sie kommt gebürtig aus Halle an der Saale, hat mit 21 Jahren angefangen, Tourismus-Management zu studieren und zu reisen. Zusammen genommen war sie seitdem rund eineinhalb Jahre unterwegs.
Er ist 40 Jahre alt, kommt aus Tallinn in Estland, ist ausgebildeter Psychologe, arbeitet jetzt aber als Business Developer. Seit rund einem Jahr reist er um die Welt. Hier gehts zu seinem kompletten Interview.
Und zwar unter anderem hier: Kolumbien, Guatemala, Mexiko, Kalifornien. Thailand, Kambodascha. Im Süden Vietnams hat er sich eine Honda Win gekauft und reist jetzt mit dem Motorrad gen Norden nach Hanoi. Hier gehts zu seinem kompletten Interview.
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Irrglaube 1: "Reisen wird mich zu einem völlig neuen Menschen machen!"

Weltreisen, so hört man, prägen langfristig. Die mit Funktionsrucksäcken ausgestatteten Büromenschen erwarten persönliche Entwicklungsschübe auf südindonesischen Wanderrouten, die sie in den vorhergegangenen 27 Lebensjahren aus welchen Gründen auch immer nicht erfahren konnten. Geistesblitze, auf dem Gipfel des Aconcagua – und die Liebe des Lebens, im Zug von Phan Thiet nach Saigon.

So weit die Vorstellung des desillusionierten Europäers, der – abgeschottet in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung – in regelmäßigen Abständen über den Grund des Lebens fachsimpelt und seine Erfüllung in der Neuentdeckung Amerikas vermutet.

Dabei weiß jeder, der schon einmal länger als einen Monat durch die Welt trampte: Reisen sind weder Therapieersatz noch Wundertüten. Einen komplett neuen Menschen werden sie nicht aus einem machen. Und das ist auch gut so.

Wer häuslich ist und keine Lust darauf hat, tagtäglich mit neuen Stadtplänen, kulturellen Bräuchen und hygienischen Herausforderungen konfrontiert zu werden, sollte sich das vorher eingestehen. Und besser in eine Eigentumswohnung investieren – statt einen auf Weltenbummler zu machen.

Irrglaube 2: "Reisen wird mir neue Energie verschaffen!"

Let’s be honest: Reisen ist anstrengend, kostspielig und manchmal einfach nur nervig. Wer nach einer Bergwanderung durchs bolivianische Hinterland über Muskelkater klagt, hätte sich das Ganze vorher überlegen sollen.

Jeden Monat fünfmal umziehen? Sechs bis zwölf Monate aus einem Rucksack leben – und auf die eigene Toilette verzichten? Das soll mal jemand als Luxus verkaufen. Wenn man Pech hat, ist man danach erschöpfter als zuvor – und noch dazu pleite.

Statt sich Oasen im Alltag zu schaffen, versucht man auf Knopfdruck das nachzuholen, was zwischen Tiefkühlpizza und Tinder verloren gegangen ist: die eigene Freiheit.

Irrglaube 3: "Auf der Reise werde ich erfahren, was ich wirklich möchte!"

Allzu oft wirken Weltreisen wie eine unüberlegte Flucht aus der Realität, eine Flucht vor sich selbst, ein verlängerter Arm des üblichen Unentschlossenheits-Symptoms.

Eine ideale Möglichkeit, etwas hinauszuschieben, das schon vor Monaten hätte entschieden werden müssen. Statt das Glück vor der Haustüre zu suchen, wird weggeflogen.

Kurzfristig lässt sich das Problem natürlich lindern, indem man sich statt auf das eigene Leben auf eine möglichst weit entfernte Destination konzentriert. Langfristig wird man womöglich erkennen: Eine Tour durch den Grand Canyon ist eben kein Mittel gegen gescheiterte Beziehungen, vertane Chancen oder psychische Erkrankungen.

Nicht falsch verstehen: Reisen sind prinzipiell keine schlechte Sache.

Im Gegenteil, vielleicht sind sie das einzig Gute, was uns im Kapitalismus geblieben ist. Eine Möglichkeit, die Welt für eine bestimmte Zeit mit anderen Augen wahrzunehmen. Wenn man davor ein paar Dinge klärt.

Den eigenen Gemütszustand, zum Beispiel. Die berufliche, finanzielle und private Situation. Unangenehme Fragen ehrlich beantwortet: Will ich nur weg, weil es alle tun? Interessiere ich mich überhaupt für Japan? Ist das nur eine Flucht?

Reisen können helfen, die Richtung zu weisen. Wer sie lediglich antritt, um ein neuer Mensch zu werden, bessere Entscheidungen zu treffen oder Energie zu tanken, verlangt der neuen Umgebung höchstwahrscheinlich zu viel ab.

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Fühlen

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