Es gibt Korn-Cola, Wodka-Orange oder Energy-Mixgetränke mit Schuss. Es gibt Schlager und schlechte Anmachsprüche. Manchmal wird mit Schaum geschossen und manchmal, ja, da fliegen auch die Fäuste. Die Gäste sind alkoholisiert und fest entschlossen, das schon irgendwie hinzukriegen, diese mühsame Sache mit dem Erwachsenwerden.

(Bild: Imago)

Ganz klar: Es geht um Großraumdiscos. Sie haben mehrere Generationen deutscher Jugendlicher um ihre Nächte gebracht, waren dabei, als erste Küsse glückten und erste Antanzversuche mit Ohrfeigen endeten.

Sie waren das Probier-Labor für all jene, die lernen mussten, wie man cool in der Ecke steht, wie man ein Bier richtig hält – und wie man anschließend unbeschadet nach Hause kommt, die vielen Kilometer vom Nirgendwo ins Haus der Eltern zurück.

Manchmal landete man im Graben und manchmal, ja, da fiel man schnell ins Bett, wo der billige Fusel für Kater und Kopfschmerzen sorgte.

Die Großraumdisco ist die wahre Schule des Lebens. Wer sich auf ihrem klebrigen Boden bewiesen hat, ist bereit für die Welt.

Sie gehört zur Jugend wie der Spickzettel zur Schule, zumindest wenn man in der Provinz groß wird, zwischen Vegesack und München oder zwischen Euskirchen und Köln.

Auch mir hat sie Halt gegeben, die Großraumdisco mit ihren Abspack-Brettern, die damals die Welt bedeuteten, als in meiner Heimatstadt die Kneipen um 22 Uhr die Türen schlossen und ich weiterziehen musste, um irgendwie auf dieses mysteriöse Wesen namens "Mädchen" zu treffen (oder sich zumindest in dessen Nähe zu wähnen). In meinem Fall waren es bis zur nächsten Disco 50 Kilometer. Sie hieß "Planet Dance" und wirkte von außen wie ein ranziger Baumarkt. Heute existiert der Schuppen nicht mehr. Leider.

Dieses Schicksal erfahren viele Diskotheken, weil immer weniger Besucher kommen. Aus Betreiberkreisen hört man, dass es mehrere Gründe dafür gibt: Zum einen würden die Deutschen in der Provinz immer älter. Zum anderen verändere sich das Freizeitverhalten: Statt in Discotheken würden junge Menschen lieber in Bars gehen oder Elektro-Clubs in Großstädten besuchen.

"Die Gäste gehen bewusster aus", bestätigt Eric Janssen, der Geschäftsführer der Provinz-Disco "Janssen’s Tanzpalast" in der Nähe von Cuxhaven. "Vor 20 Jahren konnte man eine Disco aufmachen und alle kamen." Heute sei das nicht mehr der Fall.

Das belegen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: 2015 kam es bundesweit zu 79 Insolvenzverfahren gegen Diskotheken und Tanzlokale, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Ob Thüringen, Niederrhein, Westfalen oder Bayern – alle Regionen sind betroffen. Die Großraumdisco verschwinden aus der Landschaft der Bundesrepublik und mit ihnen die Chance, sich als Jugendlicher im Dunst des Kunstnebels auszuprobieren.

Zehn Gründe, warum die Großraumdisco auf keinen Fall sterben darf:
1. Weil man frei vom Coolnessdruck Party machen kann. Ob Helene-Fischer-Schlager oder Modern-Talking-Schmonzette: Was zählt, ist der Spaß.
2. Weil die Preispolitik jedem Besucher einen soliden Samstagabend ermöglicht. Ob nun Ärztesohn oder Arbeiterkind: Wo es darum geht, sich bis 24 Uhr so günstig wie möglich abzuschießen, spielt die soziale Herkunft keine Rolle. Jägermeister- oder Sambuca-Partys sei Dank.
3. Weil sich die Türsteher nicht als Geschmacksrichter aufspielen. Ob nun Mini-Rock oder Jeans – reinkommt, wer 16 ist und einigermaßen nüchtern wirkt.
4. Weil dort selbst der Schlabberlook seine Berechtigung hat.
5. Weil die Auswahl an Mixgetränken gigantisch ist. Nicht umsonst ist die Großraumdisco das wahre zu Hause des Mexikaners: Korn, Tomatensaft, Tabascosauce, Salz und Pfeffer – von 0 auf 1 Promille in weniger als fünf Sekunden. Ein Geschenk an die Menschheit!
6. Weil es Schaumpartys gibt! Sie werden auch "das Fest der Feuchtgebiete" genannt. Wer im Beisein hochalkoholisierter Teenager den Abend auf einem rutschigen Discoboden überlebt, dem kann selbst ein freiwilliges Jahr bei der Bundeswehr nicht mehr schaden.

Zum Durchwischen: So glücklich machen Schaumpartys

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7. Weil es Tanzstangen und Käfige gibt! Ab 1 Promille darf sich jeder aufs Treppchen wagen und zeigen, was er kann. Nur so ist zu erklären, dass die Deutschen in Tanzmeisterschaften immer so gut abschneiden.
8. Weil es jede Woche eine Motto-Party gibt! Man findet sie auch in Berlin, Hamburg und Köln, aber sie können nur in einer Großraumdisco erfunden worden sein. Bei Bad-Taste- oder Schlager-Partys findet selbst der Abstinent einen Grund zum Trinken.
9. Weil die DJs bodenständig sind! Von Arroganz keine Spur. Und man darf sich seinen Lieblingssong wünschen. Schon mal im Elektro-Club versucht?
(Bild: Julia von Vietinghoff / Schramm Film)
10. Weil sie Schauplätze großer Literatur sind! Ob Roko Schamonis "Dorfpunks" oder Heinz Struncks "Fleisch ist mein Gemüse" – ohne die Großraumdisco gäbe es keine Weltliteratur. Daher: Kultursubventionen jetzt!

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