Als Teenies sind viele von uns mit ihren Eltern im Wohnmobil in den Süden gefahren – nach Italien, Kroatien, Frankreich. Die Fahrt dauerte etwa einen Tag, man lag auf der Rückbank und hat sehr viel geschlafen und sich gelegentlich beschwert. "Sind wir schon da?" Viel lieber wären wir mit den Freunden nach Lloret geballert, statt in der muffigen Kabine unsere Sommerferien zu verbringen.  

Was wir damals noch nicht ahnten: Wenige Jahre später ist der Bulli-Kult außer Kontrolle geraten. 

Für den wohlhabenderen Millennial (kein Geld für ein Eigenheim, wohl aber für ein fahrendes 90cm-Klappbett) ist der personalisierte Kleinbus nach dem moralischen Tod der Avocado DAS Statussymbol. Das spießige Wohnmobil 2.0 vereint den Wunsch nach Freiheit, Natur und Reisen mit der Sicherheit, nie so wirklich weit weg von der eigenen Wohnung zu müssen und möglichst selten mit fremden Menschen oder nicht selbst zubereiteten Speisen in Berührung zu kommen. 

Jede Kleinigkeit wird bei Instagram dokumentiert: Die Zubereitung des handgepflückten Löwenzahnsalats vom Straßenrand, der Reifenwechsel oder die nackten Füße auf dem Amaturenbrett – weichgezeichnet vom malerischen Sonnenuntergang über der A5. Hashtag "#Vanlife" dazu und man reiht sich in die 5,2 Millionen anderen Posts ein wie ein einzelner Bulli im Stau vor dem Gotthard-Tunnel.

Da die Busse von VW gerade so begehrt sind, wird gerade selbst jeder schimmlige Kastenwagen aus dem Nachlass von kettenrauchenden Schrotthändlern zum "Sammlerstück" für "Bastler". Für den Preis eines durchschnittlichen Original-Bullis könnte man auch in Richtung Südostasien auswandern, zwei Jahre Sabbatical nehmen oder einen alten Bauernhof in Sachsen kaufen. 

Vor allem aber kann man sich – nach dem Studium von Design-Magazinen und YouTube-Tutorials – kreativ austoben. Eine kupferfarbene Wasserfalldusche? Kein Problem! Handgeschmirgelte Staufächer für den E-Scooter? Na logo! Heb einfach den Kleiderschrank an, schiebe den Tisch zur Seite, den Flatscreen klappst du nach unten und schon kannst du, allerdings nur auf den Zehenspitzen, in das Fach greifen! Jeder Arbeitsschritt wird online dokumentiert und von der Bulli-Community eifrig beklatscht. #customize

Und oh ja, wie sehr man sich darüber austauschen kann! Von den Fenstern ("Isolierfenster oder Schiebefenster?") über Sonnenschutz ("Hand-Markise oder E-Markise?") bis zur Stromversorgung ("Eine Batterie? Zwei? Strom aus einer kleinen Solaranlage?"). 

Was seltener gezeigt wird? Die Realität. Etwa wie Besitzerinnen eines Bullis mangels Lokus in den Wald hocken, um ihr Geschäft zu erledigen. Oder wie die Nobelschröders ihre miefige Chemietoilette ausleeren. 

Und weil inzwischen jeder Gauner mitbekommen hat, wie sehr Millennials auf die Schrottmühlen abfahren, muss man jeden rostigen Kleinbus sichern wie einen Goldschatz. Weil er einem sonst nach 1,5 Stunden am Straßenrand weggeklaut wird. Also muss ein Garagenplatz her – anschließend noch Parkkralle und Lenkradschloss dran, dann alle Türschlösser dreimal checken. 

In der Zeit wärst du schon längst wieder am See. Ach nee, du fährst ja nen Bulli und der schafft nur 30 km/h auf der Autobahn. Und schluckt dabei genau so viele Liter Benzin.

bento per WhatsApp oder Telegram



Fühlen

Warum Youtube-Tutorials uns so glücklich machen, selbst wenn sie völlig absurd sind

Wenn ich an YouTube denke, fallen mir nicht der Wettbewerb um die meisten Abonnenten, idealisierte Teenie-Idole oder Fail-Compilations ein. Ich denke an kreativen Content – die Tutorials. 

Als ich YouTube für mich entdeckte und begann, ganze Nachmittage und Abende, allein oder mit Freunden auf der Plattform zu verbringen, war YouTube viel kleiner als heute. Kathrin Fricke alias Coldmirror war mit nicht einmal 100.000 Abonnenten einer der meistabonnierten deutschen Channels. Zu dieser Zeit gab es auf Youtube außerdem Twilight-Rezensionen, Strichmännchenfilme, amateurhafte Musikvideo-Parodien – und schon erste Tutorials: massenweise Make-Up-Videos in Handykamera-Qualität.

Auch heute gibt es diese Formate noch. Allerdings professioneller und oft mit der Absicht, einen möglichst großen Gewinn zu erzielen. Während es bei den verwackelten Aufnahmen damals vor allem auf den Inhalt ankam, geht es heute oft um den schicken Schein.

Ich habe in den letzten Jahren alle möglichen YouTube-Tutorials gesehen – und einige tatsächlich nachgemacht. Unter anderem diese:

  • Wie man eine Heizung entlüftet und bei einer Waschmaschine das Wasser ablässt (Backblech drunter schieben!).
  • Wie man Smokey-Eyes schminkt.
  • Wie man sich auf Vietnamesisch begrüßt und verabschiedet.
  • Wie man einen perfekten Biskuit-Teig backt.
  • Wie man auf einer Tin Whistle ein irisches Volkslied spielt (fragt meine Nachbarn).
  • Wie man häkelt und Hosen enger näht.
  • Wie man einen Handstand trainiert.
  • Wie man mit einem Vektorprogramm arbeitet.
  • Alle möglichen Formen von "ganz einfachen" Flechtfrisuren. Sehr viele Flechtfrisuren.

Viele Tutorials sehe ich mir an, ohne dass ich sie tatsächlich nachmachen möchte. Flechtfrisuren zum Beispiel. Denn eigentlich habe ich nicht wirklich Lust, morgens eine halbe Stunde früher aufzustehen, nur um meine Haare zu frisieren.

Auch bei Backvideos passiert mir das immer wieder.

Ich stoße an einem Samstag zufällig auf ein Video, in dem ein Schokoladenkuchen gebacken wird. Während ich das Tutorial ansehe, denke ich, dass ich das ja auch mal ausprobieren könnte. Statt zum Supermarkt zu laufen und die Zutaten einzukaufen, sehe ich mir dann doch noch ein Tutorial für einen Kuchen mit zwei verschiedenen Schokoladensorten an und "lerne", wie man den Kuchenboden ganz einfach in der Mitte teilt (mit Zahnseide!).

Natürlich denke ich, dass ich das auch könnte. Trotzdem sehe ich mir lieber noch ein Backtutorial für Kekse und eines für Muffins an – bis ich überhaupt keine Lust mehr habe, selbst etwas davon nachzumachen. Das Ansehen hat meine Lust aufs Backen schon befriedigt, bevor ich überhaupt angefangen habe.

Warum schauen wir bei Tutorials oft nur zu?

Beim Anschauen eines Videos tritt eine mentale Simulation ein, sagen Forscherinnen und Forscher. Ohne aktiv zu werden, wird das Ansehen zur Ersatzbefriedigung. So wird die eigene Motivation manchmal eher gebremst als gesteigert. (bento

Die eigenen Fähigkeiten werden durch das Ansehen eines Videos aber gar nicht verbessert. Logisch: Üben müsste man natürlich trotzdem. Sonst endet man wie diese Menschen, die sich an der "Invisible Box Challenge" versucht haben, die in den Videos immer ganz einfach aussieht: