Spiritualität und Tradition bei Nova Scotias Mi’kmaq.

Der Rauch duftet nach Zedernholz und einem Hauch Salbei. In dünnen Schwaden steigt er von dem kleinen Kräuterbündel auf. Faye, meine Smudge-Zeremonienmeisterin, formt mit beiden Händen eine Schale, fängt die aromatischen Schwaden ein und gießt die Handschale über ihren Kopf. „Das befreit die Gedanken von negativen und ablenkenden Energien“, sagt die 29-Jährige vom Volk der Mi’kmaq, der größten indigenen Bevölkerung Nova Scotias.

(Bild: Eskasoni Cultural Journeys)

Wie passend: Ich bin in die Atlantic-Provinz gereist, um die vielseitigen indigenen Abenteuer Kanadas zu erkunden, aber auch, um etwas Abstand zu bekommen vom digitalen Buzz, der mich sonst nonstop begleitet. Ein paar Tage ohne Handy und Computer? Klingt extrem reizvoll. „Es ist gut, die Augen von all dem Geschwirr zu reinigen, dem sie täglich ausgesetzt sind“, sagt Faye und gießt die nächste Handschale voll Rauch über ihre Augen. Die gleiche Bewegung lässt man über den Mund fließen, damit man sich besser artikulieren kann und über das Herz, um mitfühlender zu werden.

Das „Smudging“, wie sich die Zeremonie nennt, wird seit Jahrhunderten von Fayes Vorfahren praktiziert. Begleitet von stetigem Trommeln fließen die Salbei-Schwaden weiter in meine Richtung, während Faye zu einem traditionellen Gesang anhebt. Fühle ich mich befreit? Eher benebelt – aber auf eine angenehme Art, die einen die Welt vor dem Wigwam kurz vergessen lässt. Gedanken an Handy und Computer? Verfliegen mit den Rauchschwaden. 

(Bild: Eskasoni Cultural Journeys)

Anschließend wandern wir den Waldweg entlang, der sich über 2,3 Kilometer durch das dichte Unterholz von Goat Island schlängelt. Fayes buntes Perlengewand klimpert leicht bei jedem Schritt. Am Hals trägt sie eine Kette aus Elchhaut-Ornaten, an den Füßen helle Mokassins. Malerisch gelegen am ruhigen Bras d'Or-See von Kap Breton haben die Eskasoni First Nation eine mehrstündige Entdeckungsreise der Mi’kmaq-Kultur zusammengestellt. Das Smudging ist dabei nur eine von sieben Stationen. Von Fischen über Korbflechten und Tanzen bis zum Backen von Luskinikn, dem sogenannten „Vier-Cent-Brot“, über offenem Feuer, wird in jedem Wigwam ein anderer Aspekt des Reichtums der Mi’kmaq-Kultur vorgestellt.

Eine ähnliche Vielfalt entdecke ich auch im Membertou Heritage Park. Hier werden Kultur und Geschichte der Mi'kmaq bei geführten Touren oder per Selbsterkundung lebendig. Das Museum gibt mit Fotos, Videos und Audio-Beiträgen tiefen Einblick in vergangene Tage, zeigt aber auch den heutigen Alltag. Draußen im  medizinischen Garten probiere ich frischen Salbei und lerne von den Stammesältesten, wie geriebener Lavendel Stressgeplagte beruhigt und Zedernholz zu heilenden Essenzen verarbeitet werden kann. Am tiefsten werden aber die Geschichten nachklingen, die mir hier mit auf den Weg gegeben werden: Sie erzählen von Spiritualität, Trauer, Hoffnung und einer tiefen Verbundenheit zur Natur.

Die Natur ist in Nova Scotia ohnehin allpräsent – und lässt sich besonders beeindruckend mit dem Kanu erkunden. Im Kejimkujik National Park und National Historic Site schippere ich – zunächst wacklig, dann aber immer sicherer – im traditionellen Gefährt an den historischen Petroglyphen entlang und entdecke alte Schnitzereien, aber auch türkisfarbenes Wasser, Küstensümpfe, üppige Wildblumen und malerische Lagunen. Melissa, die als „Cultural Interpreter“ Geschichte und Natur erklärt, deutet immer wieder auf Felszeichnungen, die von den Traditionen der Mi'kmaq erzählen – wie und wo gejagt, gekocht und gefeiert wurde.

(Bild: Tourism Nova Scotia / Photographer: Scott Munn)

Wie einst an Kanus gearbeitet wurde, erklärt Mi'kmaq-Handwerksmeister Todd dann in einer „Hands on“-Lektion. Der einzige traditionelle Mi'kmaq Kanuhersteller Kanadas lässt die Bearbeitung von Birkenrinde einfach aussehen. Mir tun schnell die Arme weh, während ich versuche, die langen Stücke aus Rinde zu teilen und in Form zu biegen. Als ich am Abend in meinem nachgebauten Mi’kmaq-Lager liege und mein Blick auf die unzähligen Sterne von Nova Scotias einzigem Dark Sky Preserve fällt, bemerke ich, dass ich seit Tagen nicht an Emails oder SMS gedacht habe. Warum auch? Mein Kopf ist gefüllt mit spirituellen Weisheiten und Geschichten.

Ein bisschen Platz ist zum Glück noch für die „kleinen Leute des Waldes“, deren Geschichte ich im Cape Breton Highlands National Park erfahre. Mi’kmaq-Älteste Mary Louise erzählt am See vor dem wärmenden Lagerfeuer Geschichten aus dem „Land des Nebels“, einst Unamak'i, heute Kape Breton genannt, und dessen Verbindungen zu Geistern und Spiritualität. „Die Wiklatmu’j sind kleine Wesen, die im Wald leben, ähnlich wie die Kobolde in Irland. Sie haben übernatürliche Kräfte, aber auch einen Hang zu Schabernack“, sagt Mary Louise.

Ich nehme mir vor, mehr über die Wi'klatmuj' herauszufinden – demnächst, wenn ich wieder vor dem Computer sitze. Eilig habe ich es damit aber nicht: Lieber höre ich noch eine Geschichte über die Abenteuer der kleinen Waldwesen und lausche dem Klang von Mary Louises Trommel. Die hat irgendwie einen ähnlichen Effekt wie die Smudge-Zeremonie und lässt jeden Alltagsgedanken im Rhythmus verschwinden. 

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