Bild: Tapio Haaja/Nathan Fertig/Unsplash (bento-Montage)

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag im Juli: Wir saßen am Hafen und aßen Lakritz mit Schokolade. Leena deutete auf die Sonne, die noch hoch über dem Horizont stand, obwohl es schon Abend war. "Viel tiefer sinkt sie nicht mehr", sagte sie und biss von der Lakritzstange ab. Das Riesenrad neben uns drehte sich langsam. Am nächsten Morgen wollten wir raus aus der Stadt und uns an einem See mitten im Wald freiwillig von tausenden Mücken stechen lassen. Der Tag färbte sich tiefrot als wir mit der Bahn nach Malmi, einem Stadtteil im Norden von Helsinki fuhren. "Lust auf Karaoke?", fragte Leena. "Klar", sagte ich. 

Eigentlich wollte ich sie diesen Sommer wieder besuchen. Das geht aber nicht.

Das SkyWheel Helsinki steht im Zentrum der Stadt. Eine der Gondeln ist eine Sauna. Klar.

(Bild: Tom Brunberg/Unsplash)

Wegen des Coronavirus bleibe ich zu Hause. Urlaub wie in Finnland geht trotzdem. Dort gehört das Social Distancing ohnehin quasi zum Lebensgefühl. "Wir sind das Land der Introvertierten", sagt meine finnische Freundin Leena. 

Weg ohne weg

Wegen der Coronakrise ist Verreisen derzeit schwierig – und wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. 

In unserer Urlaubsreihe "Weg ohne Dreck" stellen wir euch normalerweise schöne Orte vor, die mit wenig CO2-Ausstoß erreichbar sind. In "Weg ohne weg" hingegen bringen wir euch Reiseziele näher – ohne, dass ihr dafür überhaupt euer Haus verlassen müsst. Also auch: Weg ohne Weg.

Mit Rezepten für lokale Spezialitäten, Musik und Traditionen könnt ihr euch den Urlaub so nach Hause holen. Klimafreundlicher geht's eigentlich kaum.

Einmal Finnland zum Mitnehmen, bitte.

Damit sich das finnische Lebensgefühl einstellt, beginnt man den Tag am besten mit Blaubeersaft und Kaffee. Nirgendwo ist der Kaffeeverbrauch pro Kopf so hoch wie in Finnland (Statista). Bei den Blaubeeren kann man sich einbilden, man hätte sie gestern selbst am Ufer einer der tausend Seen gepflückt.

In Finnland darf jeder Mensch überall Beeren pflücken. Dort gilt das "Jedermannsrecht". (Spiegel)

(Bild: k8/Unsplash)

Musikalische Begleitung beim Frühstück gibt es von einem finnischen Radiosender wie zum Beispiel NovaHelsinki – oder man hört finnischen Rap. Meine Freundin Leena und viele andere junge Menschen in Finnland lieben Stepa und Kube. Wer zum Wachwerden Gitarren braucht, streamt einfach ein paar alte Sunrise Avenue Alben oder eine der vielen finnischen Metal Bands wie Nightwish oder Children of Bodom. Hyvää huomenta, guten Morgen!

Während man die zweite Tasse Kaffee trinkt, gibt es dann den süßesten finnischen Export seit Fazer-Schokolade: die Mumims. Die kleinen Trollwesen sind eine Erfindung von Tove Jansson und begegnen einem in Finnland überall, in Deutschland hauptsächlich bei YouTube. 

Übrigens: Nicht nur die Geschichten der Mumins sind spannend, sondern auch die von Tove Jansson, ihrer Schöpferin:

Sightseeing, Karjalanpiirakka und Sauna

Ein bisschen Sightseeing gehört schon zur Reise. Nach dem Frühstück geht es deshalb in der Hauptstadt Helsinki auf Erkundungstour – auf Google Maps. Am besten beginnt man die StreetView am SkyWheel, dem Riesenrad am Hafen. Von dort aus ist es virtuell nicht weit zur Uspenski-Kathedrale, dem Präsidentenpalast und dem Ritterhaus. Dann ist man auch gleich am Dom. Auf dem Weg zum Esplanadi Park kommt man am Karl Fazer Café vorbei. Der Bäcker, Konditor und Chocolatier ist Gründer der Marke Fazer, deren Schokolade in ganz Skandinavien bekannt ist. Wieder am Hafen angekommen, kann man noch einen Blick auf das Rathaus von Helsinki werfen. Weil man sich dort leider kein virtuelles Mittagessen kaufen kann, geht es dann zurück in die eigene Küche.

Auf dem Senatsplatz vor dem Dom zu Helsinki. Damals wirklich, heute mit GoogleMaps.

(Bild: Susan Barth)

Falls man im Supermarkt noch Mehl ergattert hat, gibt es mittags Karjalanpiirakka, Teigtaschen, die mit herzhaftem Milchreis gefüllt sind und mit Eibutter serviert werden. Hefe braucht man dafür glücklicherweise nicht. Ganz ohne Backen gelingt eine Kartoffel-Lachs-Suppe. Oder man installiert auf dem Balkon einen selbstgebauten Flammlachsgrill – über die Rauchzeichen freuen sich sicherlich auch die Nachbarn.

Nachmittags ist es dann Zeit, ein paar Finninnen und Finnen kennenzulernen. Auf Netflix kann man die finnischen Krimiserien Serien "Deadwind" oder "Bordertown" streamen. Auf Prime Video und iTunes gibt es die Fantasyserie "Nymphs". Natürlich ist es am besten, die Serie in der Originalversion mit deutschen Untertiteln zu schauen, denn ganz ehrlich: Finnisch ist einfach ein Erlebnis.

Kein Finnlandurlaub wäre komplett ohne Sauna. Wer keine zu Hause hat, kann es mit Wechselduschen probieren – ebenfalls gut für das Immunsystem. Während die Finninnen und Finnen nach dem Saunieren in einen See springen und sich mit Birkenzweigen auf den Rücken schlagen, kann man in der Großstadt ersatzweise nackt auf dem Balkon oder am geöffneten Fenster stehen und sich mit einem Bund Petersilie geißeln. Es geht hier immerhin um eine gute Durchblutung und ein Lebensgefühl!

Erst Sauna, dann See.

(Bild: Santtu Perkiö/Unsplash)

Kalevala, Salmiakki und Karaoke

In der Selbstisolation kann man abends leicht melancholisch werden. Angenehmer sind die ruhigen Stunden mit einem selbstgemachten Lakritzlikör aus Salmiakki, finnischem Salzlakritz. Der sollte zwei Tage vorher angesetzt werden: einfach eine Flasche Wodka mit drei Tüten Salzlakritz in einem Gefäß mischen und ab und zu schütteln.

Wen Wechselduschen und Likör nicht müde gemacht haben, kann jetzt zwei Dinge kombinieren, die auf ihre Art typisch finnisch sind: Karaoke und "Kalsarikännit". Wer bei Karaoke nur an Japan denkt, unterschätzt die Finninnen und Finnen. Denn dort gehört Karaoke zur Lebenskultur. Genauso wie "Kalsarikännit" – ein Wort, das es nur im Finnischen gibt und das das Gefühl beschreibt, sich alleine zu Hause in Unterwäsche zu betrinken. Kippis! Prost!

In Finnisch-Lappland kann man bei klarem Himmel in etwa sieben von zehn Nächten Polarlicher sehen.

(Bild: Niilo Isotalo/Unsplash)

Unter der Bettdecke holt man sich dann mit einer Doku über Polarlichter noch eines der schönsten Naturereignisse der Welt in die eigenen vier Wände. Ganz ohne zu frieren. Liegt es am Lakritzlikör oder dem finnischen Echo im Ohr – ein bisschen echt fühlt es sich an, dieses Finnland im eigenen Zuhause.

Noch mehr praktische Infos für die Reise

  • Die finnische Grammatik ist schwer zu lernen, die Aussprache aber einfach. Es wird grundsätzlich die erste Silbe eines Wortes betont, "ä"s klingen wie ein offenes "a" oder das "a" im englischen "hat" und doppelte Konsonanten und Vokale werden lang ausgesprochen – ein wenig so, als würde man lallen. Deshalb kann man für das Gefühl, finnisch zu sprechen, einfach üben, bis zehn zu zählen: yksi, kaksi, kolme, neljä, viisi, kuusi, seitsemän, kahdeksan, yhdeksän, kymmenen. Und von vorn!
  • Richtig real wird der heimische Finnlandurlaub mit authentischen Lichtverhältnissen. Während die Sonne im April in Helsinki morgens um halb sieben auf- und abends um acht Uhr wieder untergeht, versinkt sie im Juli fast gar nicht richtig hinter dem Horizont und lässt sich im Dezember kaum blicken. Also: Vorhänge zu oder das Licht die ganze Nacht anlassen.

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