Bild: Imago/Montage: bento
Ein kultureller und kulinarischer Trip nach Nordafrika.

Die Sonne und der aufgewirbelte Wüstensand tauchen den Himmel in ein tiefes Orange, Palmen werfen ihre Schatten. Am Kiel der Feluke, des alten ägyptischen Segelboots, schmatzt das Nilwasser, in der Ferne kreischt ein Falke. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mich zurückträumen in ein Land, das in solchen Momenten allen Stress und alle Hektik schluckt.

Felukke im Sonnenuntergang: Ägypten kann auch tiefenentspannt.

(Bild: Marc Röhlig)

Ich habe knapp zwei Jahre in Kairo gelebt – und allein die Pyramiden neun Mal besucht. Ägypten bedeutet für viele einen Pauschalurlaub am Roten Meer, vielleicht mit einem Tagestrip nach Gizeh. Tatsächlich ist das Land so reich an Kultur, dass man auch beim fünften Besuch noch längst nicht alle Schätze entdeckt hat. 

Für einen Tagtraum in die Ferne ist Ägypten in Zeiten von Corona einfach perfekt.

Weg ohne weg

Wegen der Coronakrise können wir derzeit nicht in den Urlaub – teilweise nicht mal vor die Tür. 

In unserer Urlaubsreihe "Weg ohne Dreck" stellen wir euch normalerweise schöne Orte vor, die mit wenig CO2-Ausstoß erreichbar sind. In "Weg ohne weg" hingegen bringen wir euch Reiseziele näher – ohne, dass ihr dafür überhaupt euer Haus verlassen müsst. Also auch: Weg ohne Weg.

Mit Rezepten für lokale Spezialitäten, Musik und Traditionen könnt ihr euch den Urlaub so nach Hause holen. Klimafreundlicher geht's eigentlich kaum.

Die eigenartigste aller arabischer Küchen

Im Maghrib kennt man Tajine und Couscous, in der Levante Hummus und Falafel. Ägypten liegt geografisch genau zwischen den beiden Polen arabischer Kochkunst. Anstatt sie zu vereinen, geht das Land der Pharaonen – leider – eigene, eher unelegante Wege beim Essen. Trotzdem gibt es eine Perle, die schnell und glücklich satt macht: Kuschari. 

Die Komponenten der Leibspeise aller Ägypterinnen und Ägypter sind im Grunde Kohlenhydrate mit Kohlenhydraten und dazu Kohlenhydrate. Auf den Straßen von Kairo schaufeln es sich alle von morgens bis mittags rein – auch im Homeoffice liefert es dir schnell und günstig viel Energie. 

Wird schnell alle: Der ägyptische Nudel-Reis-Linsen-Powermix "Kuschari".

(Bild: Marc Röhlig)

Kuschari zauberst du aus einer Portion Reis, Makkaroni, schwarzen oder roten Linsen und Kichererbsen. Alle Zutaten werden separat gegart, dann mit Tomatensauce, Knoblauch und Röstzwiebeln gemixt. Der YouTuber "Mr Hungry" zeigt dir hier, wie es geht – verständlich auch ohne Arabischkenntnisse.

Amiya lernen

Apropos Arabisch: Eine Sprache, die vom Irak bis nach Marokko und vom Jemen bis nach Syrien gesprochen wird, klingt natürlich nirgends gleich. Man unterscheidet zwischen "Fussha", dem Hocharabisch des Koran, und "Amiya", dem Alltagsarabisch. Oder im Falle von Ägypten: dem Gossenarabisch.

Die Ägypterinnen und Ägypter verschlucken Vokale, verunstalten Verben und sprechen manche Konsonanten ganz anders aus als üblich. Aus dem sanft schwingenden Dsch-Laut wird zum Beispiel ein hartes, dreckiges G: Let's go to the Gungle!

Wer das ägyptische Amiya lernen will, ist mit dem YouTuber Michael George ganz gut aufgehoben. Der Alexandriner erklärt den Dialekt und seine grammatikalischen Besonderheiten anhand von Witzen oder Sprichwörtern. Oder spricht einfach vor, die Wochentage zum Beispiel.

Aktuell reicht aber eigentlich eine einzige Bezeichnung für alle Wochentage aus: "Agaza", was Wochenende oder Ferien bedeutet. Deine Agaza solltest du der Kultur widmen! 

Gräber und Tempel vom Wohnzimmer aus

Die Pyramiden von Gizeh kennt wahrscheinlich jeder. Aber im entspannten Assuan im Süden, in Kom Ombo und Minya oder auch im Tal der Könige gibt es noch mehr zu entdecken. Viele Ausgrabungen sind meist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich – oder total überlaufen, wenn sie es doch mal sind. 

Stay home and smoke Shisha: Zeit, ägyptische Schriftsteller zu entdecken.

(Bild: Marc Röhlig)

Nun bietet das ägyptische Antikenministerium virtuelle Touren an, bei denen man die Stätten, aber auch historische Moscheen und Synagogen ganz für sich allein hat. Auf Twitter veröffentlicht das Ministerium regelmäßig neue Orte, viele sind schon freigeschaltet. Klick dich hier durch das Grabmal der Königin Meresankh III, das Grab von Pharao Ramses VI und das Grab von Menna in Nekropolis. Besonders schön ist auch die Moschee von Sultan Barquq in der Al-Mu'izz-Straße im Herzen des alten Kairo – oder die Ben-Ezra-Synagoge. Die wurde der Legende nach dort erbaut, wo Baby Moses im Körbchen gefunden wurde.

Ägyptens heimliche Roman-Helden

Eine Schmökerrunde am Nachmittag bietet sich an, um ägyptische Schriftsteller zu entdecken. Obwohl nur wenige Kulturen so wortgewandt sind, kommt bisher nur ein Literaturnobelpreisträger aus einem arabischen Land – der Ägypter Nagib Mahfouz. Mahfouz hat mehr als 30 Romane geschrieben, alle sind Miniatur-Eindrücke aus dem lebendigen Alltag Ägyptens. "Die Midaq-Gasse" oder "Die Kinder unseres Viertels" sind besonders empfehlenswert. 

Wer mehr über die düstere Seite des Lebens im Militärregime erfahren will, sollte sich "Der Jakubiyan-Bau" von Ala al-Aswani oder "Snooker in Kairo" von Waguih Ghali anschauen. Besonders ist auch "Utopia" von Ahmed Khaled Towfik, eine Dystopie über ein Ägypten in nicht so ferner Zukunft, in dem die Armen in ihren Slums eingesperrt werden.

Warum es mit Urlaub in Ägypten nicht so unbedenklich ist

2011 wurde in Ägypten der Diktator Husni Mubarak gestürzt. Es folgte der Muslimbruder Mohammed Mursi, dann nach einem von der Armee unterstützten Coup der General Abdel Fattah al-Sisi. Das Land, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Viele Aktivistinnen und Aktivisten von damals sind untergetaucht oder geflohen, Sisi lässt Tausende einsperren und foltern. Presse- und Meinungsfreiheit gibt es nicht mehr, demonstrieren ist verboten, das Internet zensiert. Ägypten mag immer noch ein wunderschönes Reiseland sein – vom Tourismus profitiert aber fast nur das Regime.

Die besten Dokus über Ägypten – und eine Spielfilm-Perle

Der Tag klingt aus, das Kuschari im Topf leert sich? Diese Dokus und Filme tragen dich noch einmal in die Ferne:

  • Die Doku "The Square" bei Amazon begleitet Aktivisten in den turbulenten Jahren zwischen 2011 und 2013 – als Ägypten eine Langzeitdiktatur loswurde und in eine neue Militärdiktatur hineinschlitterte. Große Politik wird hier menschlich, die Doku wurde für den Oscar nominiert.
  • Den gleichen Zeitraum deckt auch "Tickling Giants" von Bassem Youssef ab. Youssef war Herzchirurg und startete dann eine böse Satireshow im ägyptischen Fernsehen. Sein Humor ging den Oberen zu weit, Youssef musste flüchten. 
  • Ägyptische Filme selbst sind meist kitschig und übertrieben, "The Republic of Imbaba" ist da eine spannende Ausnahme. Der Netflix-Film ist ein brutaler Krimi und spielt in einem von Kairos berüchtigten Armenvierteln.
  • Die Netflix-Doku "The Spy Who Fell to Earth" bringt dich zurück ins Ägypten der Sechziger und das aberwitzige Leben von Ashraf Marwan. Der Waffenhändler war Schwiegersohn des damaligen Präsidenten Nasser – aber zugleich Spion für das verfeindete Israel.
(Bild: Marc Röhlig)

Wem es nach so viel Bildung noch nach ein bisschen Zerstreuung zu später Stunde verlangt, dem sei neben der Wasserpfeife noch der einzig wahre und wahrste Film empfohlen, der die Geheimnisse der Pyramiden richtig erklärt. Nein, nichts von Erich von Däniken und auch nicht von National Geographic. Wir meinen natürlich "Die Mumie", im Remake von 1999.

Rihla saida, gute Reise!


Gerechtigkeit

Karim wartet seit Jahren auf seine Familie – Corona verzögert das Wiedersehen auf unbestimmte Zeit
Der Familiennachzug ist derzeit faktisch eingestellt – Eltern und Geschwister von Geflohenen leiden darunter.

Vor drei Jahren dachte Karim noch, er könne seine Mutter bald wiedersehen. Der heute 20-Jährige war im Herbst 2015 mit seinem Vater aus Syrien nach Deutschland geflohen, zwei Jahre später hatten sie die Chance, seine Mutter und Geschwister nachzuholen. Das war Anfang 2017. 

"Von Freunden habe ich gehört, wenn man alle Unterlagen hat, dauert so was zwischen drei Wochen und drei Monaten", sagt Karim heute. Mittlerweile sind drei Jahre vergangen und seine Familie ist immer noch nicht in Deutschland. Weil er sich um sie sorgt, will er seinen echten Namen nicht hier lesen. Jetzt, in Zeiten von Corona, ist unklar, ob Karim seine Mutter und Geschwister überhaupt wiedersehen kann.

In der Coronakrise ist das Familienasyl faktisch ausgesetzt

Eigentlich gewährt Deutschland Familienasyl (Bamf). Wer geflohen ist und in Deutschland Asyl erhält, kann Ehepartner, Kinder, Eltern oder Geschwister aus Krisengebieten nachholen. Doch die Anerkennungen laufen seit Monaten schleppend. Im Zuge der Coronakrise sind sie nun für die Angehörigen subsidiär Schutzberechtigter komplett zum Erliegen gekommen.