Bild: Simon Welker
Vor sieben Jahren bin ich zu Hause ausgezogen. Jetzt bin ich die erwachsene Schwester.
Tag 1: "Für Ihre Privatsphäre ist gesorgt"

Decize, Frankreich, 27 Grad. Meine drei Geschwister – Simon, 22, Maia, 17, und Nora, 14, unser gemeinsamer Papa und ich stehen hochmotiviert am Ufer des Loire-Seitenkanals.

Familienselfie!(Bild: Rena Föhr)

Die Startbedingungen:

  • Ich habe kein Gepäck, denn das ist auf meiner Anreise aus England hängen geblieben (Maia will mir was leihen).
  • Der Wetterbericht prognostiziert durchgehend Sonne.

Wegen einer Fehlbuchung wurden wir kostenlos upgegraded. Unser jetziges Modell hat zwei kleine Kajüten mit Doppelbett, zwei mal zwei Geschwister passen rein, Papa soll auf dem Sofa im Durchgangsraum nächtigen. "Für Ihre Privatsphäre ist gesorgt", so die Firma. Ja nee, ist klar.

Fünf Familienmitglieder, sieben Tage, elf Meter Schiffslänge. Ich frage mich: Wie werde ich mit meiner Familie auf engstem Raum klarkommen, nach sieben Jahren "Erwachsenenleben"?

Die Schwestern sind startklar.(Bild: Simon Welker)

2010 sind wir zuletzt länger als drei Tage gemeinsam verreist. Zu oft kam was dazwischen: Auslandsjahr, Bruder im Abistress, ein Unfall. Wer weiß, was in den nächsten Jahren kommt?

Deswegen überlegte ich keine Sekunde, als Papa eine Reise vorschlug. Mit heiterer Familienidylle rechnete ich angesichts des Platzmangels und unserer Charaktere trotzdem nicht.

Wir schippern los, ein Mitarbeiter führt uns durch die erste Schleuse, danach übernimmt Papa. Es funktioniert. Später legen wir in der Pampa an und genießen die Natur. Kühe muhen, Grillen zirpen und… Spinnen.

Das ist der ungeliebte Teil der Natur.(Bild: Simon Welker)

"Renaaa, machst du die bitte weeeg?", fragt Maia. Ich zögere. Früher hätte ich entweder Papa gerufen oder meine Geschwister (sie hassen Spinnen noch mehr als ich) ihrem Schicksal überlassen. Aber eigentlich: In meinem WG-Zimmer kriege ich die Dinger zur größten Not ja auch weg. Also: Klar, mach ich das!

Ich nehme mir vor, auf dieser Reise die fürsorgliche erwachsene Schwester zu sein. Ein unerschrockenes Vorbild.

Tag 2: "Ich hab' dich ja lieb, aber..."

Das Gute an Geschwistern: Du bekommst ehrliche Kritik. Das Schlechte an Geschwistern: Du bekommst ehrliche Kritik.

Die Schwestern beim Schleusen(Bild: Simon Welker)

Vielleicht gehört es zum Erwachsenwerden dazu, denke ich, dass ich jetzt nicht – wie früher – mit noch fieseren Kommentaren reagiere.

"Mit dir würde ich nicht zusammenziehen, Rena", sagt Maia und fügt versöhnlich hinzu: "Also ich hab dich ja sehr lieb… aber du lässt immer alles rumliegen!" Das trifft mich, denn eigentlich steht selten etwas zwischen uns. Ich nehme mir fest vor, in unserer "großzügigen" Kajüte (Bett plus ein Quadratmeter Platz) mustergültig Ordnung zu halten.

Wir haben lang geschlafen, spielen Brettspiele auf dem Sonnendeck. 30 Grad. Alle entspannt.

(Bild: Simon Welker)
Tag 3: Ismiregal

Ich habe keinen Bock mehr, Spinnen zu entfernen. "Ihr müsst das jetzt mal selbst auf die Reihe kriegen", verkünde ich beim Frühstück. Harmoniepunkte bringt mir das nicht, aber ismiregal. Ismiregal.

Ablegen, losfahren. Denn wir rammen das Bug ins Ufergras und kommen nicht mehr los. Jeder mault jeden an, so läuft das bei uns in Stresssituationen. Bis ein etwa 50-jähriger "braun gebrannter Dude" (O-Ton Simon) aus seinem Garten hechtet und uns wieder ins Wasser schiebt.

Je mehr Schleusen, desto weniger Nerven. Und weniger Einsatzfähige: Mich hat etwas in den Fuß gestochen, Nora hat sich beim Wasserball den Nacken verrenkt, Simon hat einen Sonnenbrand.

Auch Master- und Seminararbeiten wollen geschrieben werden.(Bild: Simon Welker)
Tag 4 und 5: Beef, Krawall und Remmidemmi

"Scheiße, Rena, ich habe dir gesagt, du sollst das Fenster zulassen!" Alles ist voller Falter, Maia stinksauer, Papa macht den Kammerjäger.

Die vergangenen Nächte haben wir abends unter der Decke geflüstert, vor allem über Männer. Das ist ziemlich neu für uns: Früher war der Altersabstand zu groß, inzwischen halten wir uns zwar per WhatsApp auf dem Laufenden, sehen uns aber nur alle paar Monate. Deswegen genieße ich unsere Schwesternkajüte sehr – außer heute, wo wir uns so konsequent anschweigen, dass wir nicht mal "Gute Nacht" sagen.

Tag 5 und 6: "Der Rattö kommt miet eusch?"

"Was ist das schon wieder für ein Gepampe, du bist voller Nutella. Wasch noch mal deine Hände, ich will das nicht beim Essen sehen", weist mich mein Vater zurecht. Ich fühle mich wieder wie ein Kindergartenkind, das noch nicht alleine essen kann, ohne zu kleckern. "Immerhin habe ich geduscht, im Gegensatz zu den anderen", antworte ich.

Denn: Kritik annehmen? Von der Familie? Wer macht denn bitte so was! Beleidigen wir uns doch lieber im Kreis! Das bietet sich vor allem beim Schleusen an. "Was machst du denn wieder für einen Mist?" – "Lass mich in Ruhe, du Klugscheißer!"

In einer Schleuse wird später eine aufgeblähte tote Wasserratte genau auf unser Schiff zugeschwemmt. Freundlicher Kommentar der Wärterin: "Der Rattö kommt miet eusch?"

Später steuern wir schon den Zielhafen an, der letzte Abend. Wir wollen ihn nicht mit schlechter Stimmung verderben und setzten uns an Deck und quatschen. Über Bekannte, Politik, unsere Lieblingsserien.

Abendessen an Deck(Bild: Rena Föhr)

Da wird mir wieder klar, was ich an meiner Familie liebe: Wir sind ziemlich verschieden, jeder macht sein eigenes Ding, und sind doch erstaunlich kompatibel in Geschmack und Ansichten. Mit wenigen Menschen kann ich so entspannt zusammensitzen, ich selbst sein und mich dabei großartig fühlen. Hätten wir doch mal die Gelegenheit, eine Staffel "Orange is the New Black" gemeinsam bingezuwatchen, denke ich.

Meine Geschwister werden langsam erwachsen. Und gleichzeitig bleiben wir ewige Kinder, wenn wir zusammen sind. Wir werden uns immer auf den Keks gehen und völlig unlogische Argumente an den Kopf werfen. Aber ganz ehrlich: Manchmal macht ja genau das Spaß.

Pump Up The Jam!(Bild: Simon Welker)
Tag 7: Noch mal?

Frühstücken, packen, endgültig von Bord. Kaum ausgestiegen, beginnt die Nostalgie: Eigentlich war es doch richtig toll. Jetzt müssen wir nur noch den Feedbackbogen ausfüllen. Würden wir erneut einen Bootsurlaub buchen, wird dort gefragt. "Wahrscheinlich", kreuzen wir. Und grinsen uns an.

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Bevor wir dazu kommen, nur schnell:

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