Bild: Privat

Spätis sind ein elementarer Bestandteil des Berliner Alltags, sei es für ein letztes Bier an einem Samstagmorgen oder einen Blumenstrauß für Oma an einem Sonntag. Was für Außenstehende wie ein überteuerter Minimarkt wirkt, ist für viele Berliner der Start in ein gutes Wochenende. Und ein Ort, an dem man immer wieder lustige, schöne und absurde Dinge erlebt.

Ein Kumpel von mir wurde neulich in einem Späti an der Warschauer Straße von einem bärtigen Mann in Unterhose bedient. Eine Touristin pikierte sich über die Freizügigkeit des Verkäufers: Irgendwas von "respektlos dem Kunden gegenüber" tuschelte sie ihrer Freundin zu. Der Verkäufer erwiderte: "Ihr müsst ja nicht so auf meinen Astralkörper gaffen." Die Frauen wurden rot und bezahlten zügig ihren portugiesischen Rotwein.

Es ist schwer, Spätis nicht zu lieben. Sie locken auch in den frühen Morgenstunden noch mit Licht, Wärme und Bier, obwohl man doch eigentlich ins Bett gehen und ausnüchtern wollte. Im Späti gibt es die gemischte Süßigkeiten-Tüte mit Schlümpfen und sauren Cola-Flaschen für einen Euro.

Berlin only

Für bento berichtet Max Deibert regelmäßig aus Berlin. Und zwar aus Berlin only. In welchen Club sollte man gehen? In welchen nicht? Haben Veganer Friedrichshain unter ihre Kontrolle gebracht? Wie muss ich mich anziehen, um in Berlin als "sexy" empfunden zu werden? Max teilt seine besten Antworten und Lebensweisheiten in dieser Kolumne mit euch.

An Späti-Produkten kleben nie normale Preisschilder, sondern immer die orangenen, auf denen "Sonderpreis" steht. Die sind wahrscheinlich billiger – und sie machen mich als Kunden glücklich: Ich fühle mich gleich viel weniger verarscht, wenn ich für ein verstaubtes 0,33 Schultheiss-Pilsener 1,50 Euro zahle. Sonderpreis!

Bier und Milch – aber keine nervige Musik

Die Reihen haltbarer Milsani-H-Milch im Späti-Regal sind ein Versprechen – ein Versprechen, dass ich sonntags mein Müsli niemals trocken verzehren muss. Wer im Sommer keine Lust hat, in miefigen Raucherkneipen vorzuglühen, kann sich auf eine Bierbank vor dem Späti schwingen. Die ohnehin schon niedrigen Bierpreise von Berliner Bars werden hier meist noch unterboten. Und es gibt keine nervige Musik.

Als Stammkunde werde ich im Späti umarmt, bin ich nur Laufkunde, kommt es schon mal vor, dass der gesamte Einkauf ganz ohne Worte abgewickelt wird. Spätis gibt es auch in Gegenden, wo es sich nicht rentiert, einen Supermarkt hinzupflastern. Gerne stehen sie dort, wo man am wenigsten mit ihnen rechnet: zwischen den Designer-Läden am Ku'damm zum Beispiel oder mitten im Park.

Auf meinem Samsung habe ich die App "Durst" installiert, sie findet einen Späti in meiner Nähe, sobald ich das GPS einschalte. Ich nutze "Durst" so gut wie nie. Es ist einfacher, mit offenen Augen zweimal abzubiegen, dann entdeckt man schon an irgendeiner Ecke einen Späti. Gestern erst bin ich an einem mit kostenlosem W-Lan vorbeigegangen.

Politiker scheinen die Späti-Leidenschaft nicht zu teilen: Ein Gesetz aus dem Jahr 2012 schreibt vor, dass Geschäfte, die alkoholische Getränke anbieten, an Sonntagen nicht öffnen dürfen. Nur Blumen, Backwaren, Zeitungen und Milchprodukte dürfen verkauft werden, und zwar bis 16 Uhr. Sonntag ist Ruhetag. Und angeblich wäre es ungerecht für Geschäfte wie Kaisers oder Aldi, wenn der Späti nebenan auch am Sonntag Pueblo Tabak blau und Riffelchips verhökern darf.

Ein Späti, der am Sonntag geschlossen bleiben muss? Das ist, als würde man H&M verbieten, weiße T-Shirts mit Aufdruck zu verkaufen. Und wenn der angebliche Marktvorteil Aldi das Genick brechen sollte, wäre ich doch sehr überrascht.

Sehr streng wurde die Einhaltung des Gesetzes dann auch glücklicherweise nicht kontrolliert. Das Ordnungsamt in Berlin hat andere Sorgen, Sprayer und Falschparker zum Beispiel. Und als vor einigen Monaten vor zahlreichen Spätis in Prenzlauer Berg doch die Polizei stand und Bußgelder einforderte, wurde auf Change.org eine Petition gestartet.

Das Ziel: freies Verkaufsrecht für Spätis an Sonntagen. Bisher wurden über 37.000 Unterschriften gesammelt. Zum Vergleich: Die Forderung, dass der Bioladen "Denn‘s" seine kostenlosen Plastiktüten abschafft, erhielt über 42.000 Unterschriften. Ich möchte an dieser Stelle gerne betonen, was für spießige Scheißbürger Berliner doch sein können.

Als ich während der Abi-Phase kein Geld hatte und beim Feiern extrem sparsam sein musste, verließ ich meinen Stammclub an der Warschauer Straße alle zwei Stunden, zog mir beim Späti zwei Bier rein und ging wieder tanzen. Irgendwann kannte der Besitzer mich so gut, dass er mir Center Shocks zusteckte. Ich brauche schließlich guten Mundgeruch, sagte er, für die Ladies.

Max Berlin-Kolumne bei bento:


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