Bild: Malvestida Magazine, Frank McKenna / Unsplash (Montage: bento)
Selbstoptimiert ins Burn-out.

Meine früheste Urlaubserinnerung spielt in Dänemark: Wir sind mit einer befreundeten Familie in einem kleinen Holzhaus, umgeben von nichts als Dünen. Es gibt kaum etwas zu tun, außer herumzulaufen, baden oder gemeinsam zu kochen. Abends machen wir im Kamin ein Feuer und spielen Brettspiele. 

Das ist noch nicht so lange her. Heute sehen meine Urlaube aber ganz anders aus und fühlen sich vor allem anders an: durchgetaktet, auf Effizienz getrimmt, optimiert. Wenn ich Urlaub habe, dann sehe ich mehr, mache mehr und hake mehr ab. Urlaub ist Stress geworden. Obwohl ich durch eine Reise eigentlich dem Alltagsstress entfliehen möchte.

Was ist also in der Zwischenzeit passiert? 

Zum einen ist da das Handy. Ob ich nun mit der Bahn zur Isle of Dogs will oder in Thailand einen Tauchkurs buchen möchte: Mit wenigen Apps finde ich mich weltweit zurecht. Ein Segen – einerseits. Doch andererseits hat der kleine Bildschirm Stück für Stück die Kontrolle über meine Reisen und mein Leben übernommen. 

Ehrlicherweise muss ich aber sagen: Das Handy ist nur ein Symptom. Das Problem entspringt woanders. 

Denn inzwischen stelle ich mir beinahe zwanghaft Fragen nach Superlativen. Welches Hotel ist das beste? Welches Restaurant hat den leckersten Hummus? Wo ist der beste Foto-Spot der Stadt? Über jedem Ausflug, jeder Pause und jedem Imbiss schwebt nun die Frage: 

„Ist das wirklich das Beste, was du mit deiner Zeit anfangen kannst?“

Bloß keine kostbare Urlaubsstunde mit Mittelmäßigkeit verschwenden. Das Handy erleichtert es mir, diesem Perfektionsdruck nachzugeben. Aber woher kommt er? 

Eine Frage, die Sozialforscherinnen und Philosophen schon lange umtreibt. Noch in den Siebzigerjahren sprach Michel Foucault von einem gesellschaftlichen Zwang, der uns dazu brächte, uns zu verbessern, anzupassen und zu gehorchen. Ausgeübt würde er durch strenge Eltern und Vorgesetzte, penetrante Lehrerinnen oder überaufmerksame Nachbarn. "Wenn das die Leute sehen" – das Lebensgefühl der Disziplinargesellschaft.

Fünfzig Jahre später sind wir gefühlt freier in unseren Entscheidungen, in der Wahl unseres Lebensstils, Partners oder unserer Karriere. Der Zwang aber ist nicht verschwunden, er braucht inzwischen bloß keine Eltern und Nachbarn mehr. Heute kommt er aus uns selbst.

Wir haben dem Zwang einfach einen neuen Namen gegeben: Selbstoptimierung.

Der Anthropologe Bernhard Rathmayr spricht dabei von der "Illusion der Selbstbestimmung" – denn: So frei seien wir gar nicht – auch, wenn wir das glaubten. Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han gibt in seinem Buch "Psychopolitik" dem kapitalistischen System die Schuld für den Optimierungswahn: "Das neoliberale Regime verwandelt die Fremdausbeutung in Selbstausbeutung." (SPIEGEL)

Soll heißen: Da wir immerzu in Konkurrenz zueinander stehen und die gefühlte Freiheit haben, alles zu tun, fühlen wir uns schlecht, sobald wir weniger vorzuweisen haben als andere. Also zwingen wir uns, alles uns mögliche zu tun, zu leisten, zu erleben. 

Aber ist das Freiheit? 

Wer die Mindeststandards des eigenen Idealbildes nicht einhält, fühlt sich schlecht. "Freizeitstress" ist ein Symptom davon, ebenso "Fomo", die Angst, etwas zu verpassen. 

Der Urlaub könnte die Chance sein, diesem Alltagsstress zu entfliehen und einfach mal nichts zu tun. Dennoch hört auch dann der Druck nicht auf. Wir haben es verlernt, zu entspannen und einfach mal nichts zu tun – und machen uns durch das immer weitere Optimieren kaputt: Superfood, Super-Retreat und Super-Work-Out, aber trotzdem ausgebrannt. 

Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben?

Manche sehen uns U35er schon als die "Burn-out Generation" (Buzzfeed). Ein Grund, warum gerade Urlaube heute optimiert werden, ist der Psycho-Stress, den wir im Alltag und Job anhäufen. Wir entspannen kaum noch um der Entspannung willen, sondern, um die darauffolgende Periode der Leistungsfähigkeit sicherzustellen. 

Der Journalist Max Scharnigg vergleicht uns Millennials mit Staubsaugerrobotern, die abends nur noch in ihre Station rollen, um den Akku aufzuladen. Ist der Akku durch Überlastung kaputt, droht der Burn-out (Süddeutsche). Ein spannendes Bild, weil "Roboter" vom slawischen Wort für "Zwangsarbeiter" kommt. Zwanghaft arbeiten, ständig funktionieren.

Wenn die Entspannung nicht gleichzeitig als Weiterbildung oder zur Profilschärfung taugt, ist sie für viele nichts wert. Einfach einen bekloppten Film schauen? Lieber eine Doku. Zwei Wochen Strandurlaub? Dann wenigstens zwischendurch einen Ausflug zu einem Ureinwohnerstamm, inklusive Kulturprogramm.

Erleichtert wird das Finden der optimalen Angebote durch 5-Sterne-Bewertungen in der Reiseapp. Doch: "Bringt es Sie Ihrer Erfahrung nach Ihrem Zweck der Existenz näher, wenn Sie tun, was die meisten Menschen tun?", fragt der US-Autor John Strelecky in seinem Buch "Café am Rande der Welt". Die Antwort: wahrscheinlich nicht. An den von der App empfohlenen Orten finde ich als Tourist meist nur Gedränge und den Müll meiner Vorgänger.

Was heißt es denn auch, wenn 34.000 Menschen vor mir einen Ort als "gut" empfunden haben? Muss ich ihn auch gut finden? Will ich ihn überhaupt sehen, wenn jeder schon da war? Und was stimmt mit mir nicht, wenn ich ihn nicht mag? 

Vielleicht sollten wir uns bewusst davon verabschieden, ständig das allgemein Beste zu suchen. 

Und stattdessen mal einen Schritt zurück treten und uns fragen, was das für uns ganz individuell Beste ist. Zum Beispiel: Die Ursache unserer Rastlosigkeit zu bekämpfen. Von der angeblichen "Selbst"-Optimierung profitieren am Ende nämlich meist andere: Arbeitgeber, für die wir maximal flexibel auch im Feierabend Anfragen beantworten und sonntags stets aufs Handy schauen – selbst, wenn es nicht verlangt wird. Oder Firmen, die uns vom Öko-Klopapier ("mit jedem Wisch Leben retten") bis zum Wellness-Trip alles verkaufen, was unsere Optimierungssucht verlangt. 

Ich werde mir im nächsten Urlaub die Freiheit herausnehmen, auch mal eine suboptimale Entscheidung zu treffen. Ausschlafen statt vor Sonnenaufgang für ein Foto auf einen Berg zu klettern. Mich treiben lassen statt auf die Karten-App zu schauen. Etwas Unvorhersehbares erleben – und sei es bloß die freie Wahl eines Abendessens, ohne zu überprüfen, ob es als "das beste der Stadt" bewertet wurde. 

Verrückt, dass sich das heute schon anfühlt wie ein rebellischer Akt. 


Gerechtigkeit

Nur stumpfer Protest? Eine "Ende Gelände"-Aktivistin über Ideen für den Kohleausstieg
Ricarda, 20, kommt aus der Lausitz – und will ihre Heimat nicht den Rechten überlassen.

Braunkohle ist ein wichtiger Energieträger – aber ein schmutziger. Rund ein Drittel der Stromversorgung in Deutschland kommt immer noch aus Braun- und Steinkohle (AG Energiebilanz). Abbau und Verbrennung der Kohle schaden dem Klima, die Bundesregierung hat daher den Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen. Allerdings erst bis 2038.  

Klimaschützern reicht das nicht: Wenn man die Erderwärmung aufhalten will, muss der Kohleausstieg schneller und radikaler vollzogen werden, sagen sie. Allerdings hängen an vielen Tagebauen und Kohlekraftwerken Arbeitsplätze. Kraftwerke zu schließen, sorge nur für neue Probleme, sagen Befürworter der Kohleindustrie.

Der Streit um den Kohleausstieg wird kaum an einem Ort in Deutschland so lebendig ausgefochten wie in der Lausitz – nun wollen Mitglieder von "Ende Gelände" eine Lösung erzwingen.

Für das Wochenende haben sie Dutzende Proteste angekündigt. Allein im Lausitzer Revier sind mehr als 20 Mahnwachen und Versammlungen angemeldet. Auch im Leipziger Revier wollen Klimaaktivisten mit Mahnwachen, Menschenketten und Blockaden protestieren. Die Kohlegegner versprechen einen friedlichen Protest, sie wollen mit zivilem Ungehorsam den Betrieb lahmlegen. (SPIEGEL)

Gegner von "Ende Gelände" bezeichnen die Aktivistinnen und Aktivisten als "Linksextremisten" und werfen ihnen vor, von außerhalb anzureisen, um in der Lausitz Stunk zu machen. Aber ganz so einfach ist es nicht. 

Ricarda Budke, 20, ist bei den Protesten dabei – und stammt selbst aus der Region.