Die typische Kleinstadt in Sachsen ist rechtsradikal, grau und langweilig. Für den Beweis muss man nur mal nach Pirna schauen. Diese 13 Fakten kann niemand verleugnen, der mal dort gewesen ist:

1. In ostdeutschen Kleinstädten reiht sich ein Plattenbau an den nächsten.

Pirna ist da keine Ausnahme. In Görlitz muss man gar den Anblick von Baudenkmälern im Stil der Gotik, der Renaissance, des Barock und des Jugendstils ertragen. Unzumutbar… Selbst Filmteams aus Hollywood kommen immer wieder, weil es so fad ist.

2. Die Kleinstadtenge macht einen wahnsinnig.

So wahnsinnig, dass selbst der italienische Maler Bernardo Bellotto – besser bekannt als Canaletto – seinen Unmut in Bildern Ausdruck verlieh. Er malte mehr Ansichten von Pirna als von Dresden, so schlimm fand er die Stadt.

3. Egal wo man hinschaut: heruntergekommene Häuser.

Verwunderlich ist es ja nicht. Pirna ist uralt – erstmals erwähnt wurde die Stadt 1233. Vom Schloss Sonnenstein darf man gar nicht erst anfangen. Der Tattergreis unter den Pirnaer Bauwerken stammt ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert, ist also über 700 Jahre alt!

4. Kein Wunder, dass sich hier nie eine berühmte Person hat blicken lassen.

(Bild: bento)

Nö, echt nicht. Was will man in Pirna auch großartig sehen? Etwa die unter Denkmalschutz stehende spätgotische Hallenkirche St. Marien, die Weinberge oder vielleicht die Bürgerhäuser mit ihren verzierten Giebeln und Erkern?

5. Außer Fettbemmen und Stollen gibts hier keine kulinarischen Köstlichkeiten.

(Bild: bento)

Wer will schon einen Burger mit gebratenem Lachs statt Fleisch? Oder Wildschwein? Selbst Gans, Klöße und Rotkohl packen die Sachsen auf Burger – zum Beispiel im Restaurant "Platzhirsch", das eigentlich lieber in Berlin-Mitte statt in Pirna-Marktplatz stehen sollte.

6. Auch die Umgebung bietet kaum Anreize. Raus in die Natur will man hier auf keinen Fall.

Wäre so oder so viel zu anstrengend. Über 1200 Kilometer – so lang sind die Wanderrouten der Sächsischen Schweiz zusammen. Wer will das alles ablaufen?! Und es geht auch noch ordentlich bergauf, der höchste Berg ist 560 Meter hoch. Viel zu anstrengend.

Einige Verrückte klettern oder "boofen" sogar. Beim Boofen übernachtet man unter einem Felsvorsprung. Im Freien. Draußen.

7. Lohnt sich im Prinzip gar nicht aus dem Haus zu gehen.

Man sieht es ganz deutlich: Die Farben in Sachsen sind weniger intensiv. Hat überhaupt irgendeiner irgendwann einmal diese Tristesse gemalt? Caspar vielleicht? David? Was ist mit Friedrich? Natürlich nicht. Wer will schon Nebelschwaden über Sandsteingebirge sehen? Das verkauft sich einfach nicht.

8. Kommt die Bezeichnung Kulturbanause eigentlich aus der sächsischen Kleinstadt?

(Bild: bento)

Es muss wohl so sein. Okay, zugegeben: Der Komponist Richard Wagner war wohl mal eine Zeit lang in Graupa, das ebenfalls zu Pirna gehört. Zu mehr als die Musik für seine Oper "Lohengrin" hat ihn die Stadt aber auch nicht inspiriert.

9. Noch schlimmer ist es, wenn die Sonne untergeht.

In einigen Kneipen muss man sogar selbstgebrautes Bier trinken. Richtig hart wird es im GeheimRad. Inhaber und Wirt der Studentenkneipe ist Norbert Pazak, von den Pirnaern nur Norbi genannt. Wenn man nicht aufpasst, muss man mit ihm den Pirnaer Hafftmann trinken. Der Magenbitter ist laut Norbert so ekelig, dass er schon wieder gut ist.

10. Ausländer trauen sich hier gar nicht vor die Tür

(Bild: Christoph Käfer)

(Und in der sächsischen Oberliga spielen sie schon gar nicht.)

11. Das schlimmste sind die Holocaust-Leugner.

Tausende Menschen starben in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein. Nationalsozialisten ermordeten 1940/41 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie Häftlinge aus Konzentrationslagern. Arbeitet das dort irgendeiner eigentlich mal auf? Wie wäre es denn mit einer Gedenkstätte oder einer Dauerausstellung?

12. Die Adventszeit ist jedes Jahr besonders deprimierend.

Holzschnitzkunst aus dem Erzgebirge, tschechische Zimt-Zucker-Hefeteigrollen namens Trdelnik, und ein bunt beleuchteter Marktplatz. Kein Wunder, dass Zuschauer des MDR-Fernsehens Pirnas historische Altstadt nur zur zweitschönsten in Sachsen wählten.

13. Man kann wirklich nur jedem davon abraten, nach Pirna zu fahren.

Doch alles nicht so schlimm? Hier findet ihr weitere Geschichten aus Pirna.

PirnaStorys

In Kooperation mit dem Studiengang Digital Journalism der Hamburg Media School hat bento zehn Journalisten nach Pirna geschickt. Eine Woche lang suchte das Team nach Alltagsgeschichten aus der sächsischen Kleinstadt – und Wahrheiten abseits des Klischees vom "braunen Sachsen". Die erschienenen Texte findet ihr hier.


Fühlen

Hier nehmen dich junge Sachsen mit in ihre Zimmer

Taucht Sachsen in den Nachrichten auf, sprechen vor allem ältere Menschen über ihre Sorgen. Auch die Einwohner der sächsischen Kleinstadt Pirna sind auf dem Papier vor allem eines: alt. Das Durchschnittsalter liegt über dem sächsischen Schnitt, nur etwa zehn Prozent der Einwohner sind zwischen 18 und 29 Jahren alt (pirna.de).

Mittags in der Breiten Straße, der zentralen Einkaufsstraße, wirkt Pirna dagegen fast ein bisschen wie eine Studentenstadt. Jugendliche stehen an den Haltestellen und warten auf ihre Busse, Auszubildende sind in der Mittagspause auf dem Weg in die Altstadt, Mütter schieben Kinderwagen mit Einkäufen nach Hause.