Bild: Heikki Saukkomaa/Lehtikuva/dpa
Es muss nicht immer New York sein!

Nur selten halten Urlaubs-Erwartungen dem Realitätscheck stand. Wer vor der Parisreise vielleicht noch dachte, dass ein Picknick auf der Wiese vor dem Eiffelturm echt schön wäre, ist vor Ort wahrscheinlich schwer enttäuscht: Menschenmassen, Baustellen, Straßenlärm. Picknick ade!

Viele Städte in Europa sind von Besuchern so überlaufen, dass es ihnen schadet. Dafür gibt es einen Begriff: "Overtourism" – die Steigerung vom "Massentourismus".

In Europa wächst deswegen der Protest gegen zu viele Touristen.

Bereits vergangenen Sommer, während der Hochsaison, demonstrierten die Einwohner europäischer Großstädte gegen die ihrer Meinung nach zu vielen Reisenden: in Athen, Venedig, Barcelona oder auch auf Mallorca. Vereinzelt gab es sogar Angriffe auf Touristen. (SPIEGEL ONLINE)

In einigen spanischen Städten sprühten Sprayer Graffitis an Häuserwände: "Tourists go home, refugees welcome". 

So zum Beispiel in Barcelona (The Guardian) oder in Palma auf Mallorca (Welt).

Sollte man nicht meinen, dass Touristen den Städten Geld bringen und daher willkommen sein sollten? Allein in Spanien machte 2017 der Tourismus 14,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus (Statista), trug zu 15,1 Prozent zur Beschäftigung im Land bei (Statista) und leistete einen direkten Beitrag zum BIP – von 62,4 Milliarden Euro (Statista).

Trotzdem sehen viele Bewohner Barcelonas den Tourismus als Problem: Natalia Martínez ist Ratsmitglied in Ciutat Vella, einem Stadtbezirk von Barcelona, in dem viele Einwanderer leben, der aber auch bei Touristen beliebt ist. Sie sagte dem Guardian: "Wir sehen Einwanderung als etwas Positives – die Menschen haben sich gut integriert. Einwanderung hat der Identität der Stadt mehr gebracht als weggenommen."

Ihr Kollege Santi Ibarra ergänzt, dass der Tourismus im Gegensatz dazu nichts Positives gebracht habe: "Der Tourismus nimmt etwas aus der Nachbarschaft. Er macht sie banaler – genauso wie überall sonst."

Woher kommt die Abneigung gegen Touristen?

Wir haben mit jemandem gesprochen, der es wissen muss. Wolfgang Strasdas ist Professor für Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Viele Einwohner von Städten, die als Touristen-Magneten gelten, seien vom Overtourism genervt. Die Städte seien überlastet.

"Man muss nur mal bedenken, dass seit den Achtzigerjahren der weltweite Tourismus jedes Jahr um zirka vier Prozent gestiegen ist. Seit über 30 Jahren jedes Jahr vier Prozent mehr, da kann man sich vorstellen, welche Ausmaße der Tourismus inzwischen angenommen hat."

Zusätzlich reisen jetzt mehr Menschen aus noch mehr Ländern. Schwellenländer sind zu den bedeutenden Quellenmärkten für Tourismus geworden. China zum Beispiel ist inzwischen auf Platz eins, die meisten Touristen auf der Welt kommen aus China. Beliebtes Ziel: Europa.

Auch der Boom der Kreuzfahrtbranche trägt einen Teil zum Overtourism bei: Ein Schiff bringt meist 5000 Touristen auf einen Schlag in eine Stadt. Zudem legen normalerweise gleich mehrere Kreuzfahrtschiffe pro Tag an.

Welche Folgen hat Overtourism für die Einheimischen?

Laut Strasdas ist der Protest berechtigt. Denn die vielen Touristen hätten neben den ökologischen Folgen auch andere Konsequenzen für die Einheimischen:

  • Es geht ums Soziale: Einwohner sind genervt vom fremden, in ihren Augen oft unangemessenen Verhalten der Touristen oder gar Partytouristen.
  • Und ums Physische: Öffentliche Mülleimer, öffentliche Toiletten, Restaurants, Plätze – mit Touristen ist alles voller.
  • Speziell die Kreuzfahrtschiffe bringen auch ökonomische Probleme: Nur für einen Tag klappern Tausende die (ohnehin schon überfüllten) Hotspots einer Stadt ab und helfen dabei nicht einmal der örtlichen Wirtschaft. Denn geschlafen und oft auch gegessen wird wieder auf dem Schiff. 

Was können die Städte tun?

  • Strasdas nennt als Beispiel Paris: Die Stadt versucht, den Tourismus zu dezentralisieren, die Touristen also von den Hotspots wegzulocken. Dafür werden die Stadtränder kulturell gestärkt, indem die Graffiti- und HipHop-Szene gefördert wird oder Restaurants eröffnen. Es werden Touristenführer speziell für diese Regionen ausgebildet, die den Touristen zeigen, dass auch der Rand von Paris etwas zu bieten hat.

    Die Dezentralisierung kann erfolgreich sein, funktioniert aber nur bei wirklich großen Städten, sagt Strasdas. Kleinen Städten wie Venedig kann sie nicht helfen. 
  • Die Länder könnten mehr Werbung für ihre "Reiseziele aus der zweiten Reihe" machen, empfiehlt Strasdas. Statt Paris: Besucht doch mal Lyon oder Bordeaux. 
  • Zuletzt könnten die Städte die Massen besser regulieren, indem sie Grenzen setzen. Zum Beispiel könnten sie festlegen, schlägt Strasdas vor, dass am Tag nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe an ihren Häfen anlegen dürfen. Oder dass es weniger oder teurere Busparkplätze für die Bustouristen gibt.

Was kann ich als Urlauber tun?

"Die Hauptsaison zu meiden, das wäre schon mal ein großer Beitrag zur Nachhaltigkeit", sagt Wolfgang Strasdas. "Denn die Saisonalität ist das größte Problem im Tourismus." Auch im Frühjahr, Herbst und Winter sind viele Urlaubsziele schön und nicht so überfüllt wie im Sommer.


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