Bild: Nathalie Aron
Reisen und das auf Social Media inszenieren ist für viele ein Lifestyle. Ändert sich das jetzt?

Nach und nach werden die Grenzen geöffnet und die Reisebeschränkungen gelockert – ab dem 15. Juni können wir wieder europaweit reisen. Endlich! Denn durch Corona stand nicht einfach unser nächster Urlaub auf dem Spiel: Unter Millenials ist das Reisen und die entsprechende Inszenierung auf Social Media ein Lifestyle geworden, über den sich viele junge Menschen definieren – inspiriert durch zahlreiche Travel-Influencer*innen. Doch das unbeschwerte Herumjetten ist ein Privileg, das wir auf Kosten der Umwelt ausleben – und auf Kosten derer, die der Klimawandel zur Flucht zwingt. Bringt Corona die Generation der Instagram-Reisenden dazu, sich langfristig neue Selbstkonzepte zu suchen?

Nathalie hat vor drei Jahren damit begonnen, ihre fast 200.000 Follower*innen auf ihrem Insta-Account voyagefox_ und dem dazugehörigen Blog mit um die Welt zu nehmen. Die Azteken-Pyramiden in Mexiko, Tempel in Malaysia, die Skyline von New York. Die 26-jährige Dresdnerin bereist die Welt aus Begeisterung am Entdecken neuer Orte und Kulturen und möchte dazu inspirieren, aus dem Alltag auszubrechen. Doch was suchen wir am anderen Ende der Welt, was wir zuhause nicht finden? "Reisen ist heute mehr als reines Urlaubmachen. Es gibt mehr Möglichkeiten denn je, so dass jeder eine Form findet, sich auf Reisen selbst zu verwirklichen", erklärt Nathalie ihr andauerndes Fernweh.

Der Wunsch, auszubrechen

Dem Insta-Travel-Lifestyle liegt ein keineswegs neues Grundbedürfnis des Menschen zugrunde: "Es gab schon immer die Möglichkeit, sich über soziale Gruppen zu definieren", erklärt Psychologe Christian Ambach, der unter anderem zu Meinungsbildung und Selbstdarstellung auf Social Media forscht. "In unserem westlichen Erziehungsmodell bekommt jedes Kind gesagt, es sei etwas Besonderes. Das weckt in uns den Wunsch, nonkonform zu sein, auszubrechen. Zuhause geht das  nur schwer, denn unsere individualistische Gesellschaft hat schon alles gesehen. Da muss es schon die Selbstfindungsreise nach Indien sein, um sich abzuheben." Unser Besonders-Sein würden wir dann auf Social Media teilen, um unsere positiven Selbstkonzepte aufrecht zu erhalten, erklärt Ambach. Auch die vor Kurzem veröffentlichte Tourismusanalyse 2020 der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt, dass der Trend zum Individualtourismus geht. Wenig überraschend, denn je individueller und einzigartiger das Erlebte ist, desto mehr Anerkennung erfahren wir dafür, auch auf Instagram und Facebook. 

„Wir leben über die Verhältnisse der anderen“
Stefan Lessenich

Die Auswüchse dieses Phänomens, unbedingt abseits des Mainstreams reisen zu müssen, sind blumige Bilder aus Entwiclungsländern, mit naiven Beschreibungen der scheinbar einfachen, aber doch so glücklichen Lebensweise vor Ort. Stichwort Armutstourismus. Sicherlich sind solche Begegnungen prägend und ändern bei einigen Tourist*innen auch Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen. Doch sich als weiße Touristin inmitten von glücklichen schwarzen Kindern zu inszenieren, lenkt davon ab, wer den Preis für unsere immer günstigeren Flugtickets zahlen muss:  mitunter Klimaflüchtlinge, die sich die Anpassung an den Klimawandel nicht leisten können. Die meisten Reisenden weltweit sind übrigens keine Tourist*innen sondern Flüchtende und Vertriebene (Blätter für deutsche und internationale Politik).Wie Soziologe Stefan Lessenich in seiner Gesellschaftsanalyse Neben uns die Sintflut schreibt: "Wir leben über die Verhältnisse der anderen".

Auch für unseren ohnehin schon überlasteten Planeten ist die Reiselust unserer Generation nicht gesund. Corona hat der Natur eine kurze Verschnaufpause gegönnt. Kaum waren uns Reisenden die niemals stillstehenden Füße gebunden, tauchten Fotos von plötzlich sauberen Kanälen in Venedig auf und Bilder von leeren Autobahnen und Flughäfen erklärten den weltweiten Rückgang der Luftverschmutzung. So bildlich wurde uns selten vor Augen geführt, wie der unschuldige Wunsch nach Mee(h)r, an anderer Stelle zu Weniger führt: Denn "immer mehr" geht zwangsweise mit der Ausschöpfung von Ressourcen einher.

Anerkennung für lokales Reisen

Gleichzeitig hat der Lockdown unseren überladenen Alltag entschleunigt. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen glaubt, dass der Zeitgewinn viele Menschen zum Reflektieren angeregt hat. "Anstatt wieder von Highlight zu Highlight zu springen, werden wir es eher zu schätzen wissen, uns länger mit einer Sache zu beschäftigen. Joy of missing out (JOMO) statt Fear of missing out (FOMO) könnte das neue Motto lauten." Diesen Denkansatz sollten wir auch aufs Reisen übertragen: Sowohl für die Natur als auch die Menschen in viel bereisten Ländern, ist ein Wechsel von "höher, weiter, schneller" zu "langsam und bewusst" längst überfällig. Ulrich Reinhardt: "Jede Krise birgt die Chance auf Verbesserung. Die Tourismusbranche hat in jedem Fall viel Potential an dieser Entwicklung mitzuhelfen."

Auch Influencerin Nathalie hat in den letzten Wochen die Schnelllebigkeit unserer Generation reflektiert. Sie wünscht sich, dass Tourismus reguliert wird, so dass Reisen nicht gleich Ausbeutung bedeutet: "Social Media muss auch als Plattform genutzt werden, um Bewusstsein für nachhaltiges Reisen zu schaffen. In der Corona-Zeit habe ich vor allem gemerkt, dass es meiner Community gefällt, lokale Reiseziele zu sehen. Wenn ich unbedingt weit weg will, gibt es Möglichkeiten, auch als Tourist*in einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten: Anstatt strapazierte Riffe mit weiteren Besucher*innen zu belasten, gibt es weltweit Aktionen, in denen Schnorchel-Fans aktiv beim Anpflanzen junger Korallen helfen können, um nur ein Beispiel zu nennen. Besonders jetzt nach der Corona-Krise ist es darüber hinaus wichtig, kleineren lokalen Hotels und familienbetriebenen Restaurants zu helfen." Die Stiftung für Zukunftsfragen plädiert außerdem dafür, zu fragwürdigen Angeboten, wie beispielsweise Elefantenritten, Nein zu sagen. Verantwortung vor Sensationslust.

Alle wollen schnell wieder nach Venedig. Solange die Kanäle noch sauber sind.

Doch dass Corona uns langfristig zu kritischeren Reisenden macht, ist utopisch. Das sieht auch Psychologe Christian Ambach so: "Wenn sich die Lage wieder normalisiert, wird die Besinnung langfristig keinen Effekt haben. Als die Fotos aus Venedig viral gingen, hat man wieder viele Sätze gehört, die mit "Man müsste mal…" anfingen. Doch sobald es wieder möglich ist, werden alle nach Venedig wollen. Und zwar solange die Kanäle noch sauber sind. Wir Menschen vergessen schnell. Deswegen ist die dauerhafte Beschäftigung mit gesellschaftlichen Themen so wichtig für ein Umdenken."

Es soll nicht darum gehen, das Reisen oder Travelblogger*innen zu verteufeln. Doch sollten wir auch beim Thema Reisen hinterfragen, wann wir unseren Wohlstand auf Kosten anderer ausleben. Und dazu gehört, das Thema nachhaltiges und bewusstes Reisen weiter in den Mittelpunkt zu rücken. Es ist utopisch und doch wünschenswert: Wir sollten die vorübergehenden Einschränkungen der Corona-Zeit als Motivation sehen, verantwortungsbewusster mit unseren Privilegien umzugehen – und auch das auf Social Media inszenieren.

 

 


Queer

Die Bundeswehr hat schwule Soldaten lange diskriminiert – auf eine Entschuldigung warten sie bis heute
Wie queere Soldatinnen und Soldaten einen Jahrestag nutzen wollen, um für mehr Gleichberechtigung in der Truppe zu kämpfen.

Die Homophobie ließ sich bei der Bundeswehr lange Jahre auf den Zentimeter genau bestimmen. In einem beliebten Spruch der Grundausbildung hieß es, 81 Zentimeter seien Fahnenflucht, "und 79 Zentimeter sind schwul", ergänzt Sven Bäring. "Jeder beim Bund kennt diesen Spruch." 

Der Satz bezieht sich auf den Abstand, den Soldaten bei der Aufstellung zur Vorderperson haben sollen: genau 80 Zentimeter. Einer zu wenig gilt als zu viel Nähe zum Kameraden, "schwul" eben – und damit automatisch als verwerflich. Was als Witz daherkommt, ist für Homosexuelle einfach nur beleidigend. 

Homophobie steckt tief in der DNA der Bundeswehr

Sven ist Offizier und schwul. Zwar falle der Satz heute nicht mehr in der Ausbildung, sagt er, in den Kasernen geistere er aber noch immer herum. Der 25-Jährige hat ihn selbst zuerst in einer Facebook-Gruppe für Kameraden gelesen, so genau erinnert er sich nicht. "Aber es gibt solche Gruppen, in denen Soldaten ihr komisches Menschenbild teilen", sagt er.