Ich wollte damals unbedingt nach San Francisco, hatte aber wenig Kohle. Und die Freunde, bei denen ich früher schon übernachtet hatte, lebten nicht mehr in der Stadt. Da hörte ich von diesem neuen Online-Portal: Wohnungsbesitzer und Mieter boten dort klammen Reisenden ungenutzte Räume und Sofas an. Zum Bruchteil eines Hotelzimmerpreises bekam ich ein Ausziehbett, direkt im Mission District.

Das war im Herbst 2010. Ich lebte schon in Brooklyn und Airbnb kannten damals noch recht wenige.

Sechs Jahre später nutzen weltweit Menschen Airbnb, bald wird das Unternehmen wohl an die Börse gehen. Für viele Kritiker ist Airbnb längst zum Monster unter dem Bett mutiert, das quasi im Schlaf ganze Stadtteile verschlingt und damit dem Wohnungsmarkt entzieht.

bento-Autorin Nora Noll hasst Airbnb – hier erzählt sie, wieso:

In vielen Metropolen versuchen Anwohner, die Stadtverwaltung und Hotels natürlich, Airbnb zurückzudrängen, in New York zum Beispiel. Aber auch Berlin will verhindern, dass mehr und mehr private Wohnungen und Zimmer kommerziell vermietet werden (bento).

Dabei ist Airbnb anderen Buchungsportalen in vielerlei Hinsicht überlegen. Anbieter können problemlos nicht nur das Gästezimmer, sondern auch die Zweit- und Drittwohnung an Kurzbucher statt an Dauermieter offerieren.

In einigen Vierteln verwandeln sich deswegen schon Häuser in Herbergen. Manche Wohnung entwickelte sich gar schon zum Alternativ-Hostel, das die altgeliebte Jugendherberge wie das Adlon erscheinen lässt.

1/12

Während die einen gut verdienen, suchen die anderen verzweifelt nach genau diesen Mietwohnungen und Zimmern, eben nicht nur für eine Nacht. Vergeblich. In Berlin beträgt der Anteil der Anbieter, die mehr als eine Wohnung anbieten, immerhin um die zehn Prozent.

Kritiker, darunter auch bento-Autorin Nora Noll, finden das nicht gut. Und sie haben ja recht: Wohnungen den Anwohnern! Ich habe ja schließlich auch nicht jahrelang meine Nachbarschaft in Brooklyn gentrifiziert, nur um dann bei der Wohnungssuche von Touris ausgebremst zu werden.

Seit 2010 war ich Gast in 20 Airbnbs in einem Dutzend Ländern auf drei Kontinenten. Meine Erfahrungen reichen von befriedigend bis super-positiv:

  • In Hongkong schlief ich in der Wohnung eines Fotografen in einem Luxushochhaus, inklusive Pool und Dienstmädchen.
Hongkong: Inklusive Pool und Dienstmädchen(Bild: Ray Mock)
  • In Kopenhagen wohnte ich bei drei Generationen freundlicher Dänen, vom Baby bis zur Oma.
  • Kürzlich habe ich in Olympia, im US-Bundesstaat Washington, in einem Hinterhäuschen samt Apfelbaum, Hängematte und Bienenstock übernachtet.
Olympia: Apfelbaum und Bienenstock
  • Und in Sao Paulo waren meine Frau und ich bei einem niederländisch-brasilianischen Paar zu Gast. Die beiden versuchten erst, sachlich-höfliche Vermieter zu sein, aber spätestens, als sie uns nach ein, zwei Flaschen Wein ihr Hochzeitsalbum gezeigt hatten, waren wir Freunde, wenn auch nur für eine Woche.

Nicht immer ging es so persönlich und freundlich zu, aber es war immer besser (und billiger) als ein steriles, versifftes Hotelzimmer.

Olympia: Hinterhäuschen mit Hängematte(Bild: Ray Mock)

Dabei hatte ich übrigens nie die von Nora Noll genannte "Erwartung, mit heimischen Speisen bekocht zu werden und die Vormittage gemeinsam mit Tandem-Sprachkursen, die Abende in den Lieblingskneipen der Gastgeber zu verbringen". Genauso wenig erwarte ich von Airbnb, meinen Hunger nach Abenteuern zu befriedigen.

Ich will in erster Linie einen günstigen Platz zum Pennen, der unter einer Schwarzlichtlampe nicht wie der Tatort eines Kettensägenmassakers aussieht. Alles Weitere ist ein Bonus.

Ist Airbnb ein Opfer des eigenen Erfolges?

Sind Start-Ups grundsätzlich dazu verdammt, bei fortschreitendem Wachstum zum Sinnbild kapitalistischer Ungerechtigkeit zu werden?

Also doch Boykott – Wenn ich aber doch lieber Bienenstock statt Continental Breakfast will?

Ich zumindest plädiere gegen die Totalverweigerung und für die verantwortungsvolle Auswahl der Schlafstätte. Dabei kann und sollte Airbnb übrigens helfen: Kommerzielle Anbieter sollten ihre Aktivitäten als Gewerbe anmelden, die fälligen Steuern zahlen – und klar als das erkennbar sein, was sie sind, nämlich kommerzielle Anbieter. Dann schläft es sich gleich doppelt gut.

Mehr zum Thema:

Lass uns Freunde werden!


Gerechtigkeit

Die Deutsche Welle verklagt die Türkei. Warum das denn?

Die Deutsche Welle legt sich mit der türkischen Regierung an: Wie der Sender mitteilte, hat er in Ankara Klage auf Herausgabe von Filmmaterial eingereicht. Es geht um ein Interview, das Michel Friedman mit dem türkischen Minister für Jugend und Sport, Akif Cagatay Kilic, geführt hat. Nach dem Interview hatte Kilic das Material beschlagnahmen lassen.

Worum ging es bei dem Interview?

Das Gespräch hatte der Journalist Michel Friedmann am 5. September in Ankara für die Sendung "Conflict Zone" geführt. Darin werden Politiker hart und direkt angegangen (hier zum Beispiel wurde AfD-Chefin Frauke Petry in Erklärungsnot gebracht).