Wenn du am Gepäckband stehst und es einfach nicht kommt...

Zahnbürste, Ladekabel, frische Unterwäsche: Die Packliste ist abgehakt, der Urlaub kann losgehen. Der Hartschalenkoffer oder der alte Wanderrucksack ist prall gefüllt mit Dingen, die im Urlaub auf gar keinen Fall fehlen dürfen. Blöd nur, wenn dieses Gepäckstück nicht dort ankommt, wo die Besitzerin oder der Besitzer am Gepäckband wartet. 

Etwa 21,6 Millionen Gepäckstücke werden jährlich weltweit an Flughäfen als vermisst gemeldet (Stand 2016, SITA). Dabei liegt Europa im weltweiten Vergleich vorne. Hier gehen jährlich im Schnitt pro 1000 Passagieren etwa acht Koffer verloren. In Nordamerika sind es nur 2,7 Koffer, in Asien sogar nur 1,8 Koffer pro 1000 Passagieren. (SITA)

Dass ein Koffer verloren geht, kann mehrere Gründe haben:

Laut SITA (Société Internationale de Télécommunication Aéronautique, wertet Daten über Luftfahrt aus) ist der häufigste Grund für einen Verlust ein Problem beim Transfer. Wer nicht direkt zu seinem Zielflughafen durchstartet, sondern an einem anderen Flughafen einen Zwischenstopp einlegt, überlässt sein Gepäck der Flughafenlogistik. Auch die kann mal versagen. 

Besonders in Europa gibt es viele dieser Transferflüge mit Zwischenstopps an Drehkreuz-Flughäfen. Eine Erklärung dafür, warum besonders hier mehr Gepäck verloren geht als anderswo.

Weitere Gründe, die den Passagier ohne Gepäck stehen lassen: Chaos im Stauraum, Fehler bei der Beschriftung oder schlechte Wetterbedingungen.

Auch wenn es das Gepäck aufs Rollfeld schafft, kann es spurlos verschwinden. (Bild: Unsplash / Goh Rhy Yan)
Die gute Nachricht: Ein Großteil der Koffer taucht wieder auf.

Nur sieben Prozent der "nachweislich fehlgeleiteten Gepäckstücke" sind tatsächlich verschollen. Bei 16 Prozent stellt sich heraus, dass sie beschädigt oder gestohlen wurden.

Die Mehrzahl der fehlgeleiteten Rucksäcke und Koffer, etwa 77 Prozent, findet wieder zu ihrem Besitzer und hat sich einfach nur verspätet. (SITA)

Für die Betroffenen nervt der Moment am Gepäckband trotzdem. Während die Mitreisenden nach und nach ihren Koffer vom Band hieven, warten sie vergeblich. Das Band leert sich, die letzten Gepäckstücke verschwinden mit ihrem Besitzer durch die Schiebetür und die Übriggebliebenen realisieren: Mist, mein Koffer ist weg!

Genau das ist drei bento-Redakteuren passiert. Hier erzählen sie ihre Geschichten von verschollenem Gepäck – und ob sie wieder zueinander fanden:

Jan wartete nach einer Israel-Reise lange auf seinen Rucksack. Der kam mit einer Überraschung zurück.

(Bild: privat)

Ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, als die Flughafen-Mitarbeiterin in Tel Aviv mich fragte, ob ich arabische Freunde habe. Zwanzig Minuten später stand ich in Unterhose vor ihrem Kollegen und wusste, dass "some" die falsche Antwort gewesen war. Als ich wieder aus dem Securitycheck kam, grinsten meine Freunde. Lachend gingen wir zum Flugzeug. 

Vier Stunden später standen wir in Berlin am Gepäckband. Draußen regnete es. Die Ankunfthalle leerte sich, doch mein Wanderrucksack kam einfach nicht. Irgendwann, als letztes Gepäckstück, purzelte er doch noch aufs Band. Was war passiert?

Ich öffnete meinen Rucksack, um nachzuschauen. Alles sah vollständig und sauber gefaltet aus. T-Shirts, Hosen, Socken, Unterhosen. Doch etwas stimmte nicht – ich hatte meine Wäsche nicht zusammengelegt. Was war hier los?

Etwas stimmte nicht – ich hatte meine Wäsche nicht zusammen gelegt.
Jan von bento

Die Antwort fand ich schließlich zwischen zwei Boxershorts: "Due to technical reasons..." habe mein Gepäck leider kurzzeitig geöffnet werden müssen, stand in einem akkurat gefalteten Brief der Flughafenverwaltung Tel Aviv. Weil dabei offenbar ein Gurt beschädigt worden war, erhielt ich zusätzlich noch einen Scheck.

Ich war verwundert. Hatten die Israelis mich erst für einen potentiellen Terroristen gehalten und mir dann die Unterwäsche gefaltet? Der Gedanke gefiel mir. Den Scheck habe ich heute noch, gute Freunde soll man sich schließlich erhalten.

Julia landete ohne ihren Koffer in New York und hatte nur 24 Stunden Zeit, ihn wiederzufinden.

(Bild: bento)

Es war der vorletzte Urlaubstag. Gemeinsam mit meinem Freund flog ich von meiner Cousine im US-Bundesstaat Georgia zurück nach New York. Dort hatten wir nicht mal 24 Stunden Aufenthalt bis zum Rückflug nach Deutschland. Alles war eng getaktet: Wir landeten am Nachmittag, Abends wollten wir Familie treffen.

Die Familie musste aber erst mal warten, genau wie wir am Gepäckband. Mein Freund hatte seinen Koffer längst, nur ich stand eine halbe Stunde später als Einzige mit leeren Händen da. Ich war noch nicht beunruhigt, sondern eher genervt. Bereits zum vierten Mal war mein Gepäck anscheinend verloren gegangen und trotzdem hatte ich keine Zahnbürste in meinen Rucksack gepackt.

Statt amerikanische Pancakes zu frühstücken, hing ich eine Stunde in der Service-Hotline.
Julia von bento

Was mich dann aber beunruhigte: Die Frau am Schalter konnte meinen Koffer nirgends im System ausfindig machen. Sie sagte, sie würden sich melden, sobald er ankäme. Ich hoffte, das würde sein, bevor wir uns auf den Weg nach Deutschland machten. Denn sonst würde ich meine Unterhosen, meine teure Kamera und Zahnbürste nicht so schnell wiedersehen.

Am nächsten Morgen hatte ich immer noch nichts von der Fluggesellschaft gehört. Die Familie musste wieder warten, weil ich eine Stunde in der Service-Hotline hing, statt Pancakes essen zu gehen. Als ich endlich drankam, hieß es: Oh ja, ihr Koffer ist schon seit gestern Abend da! Komisch, dass Sie niemand informiert hat.

Ich musste den Koffer dann mit dem Taxi am anderen Ende der Stadt abholen. Das kostete mich nicht nur Zeit mit der Familie und einen Teil meiner Urlaubsentspannung, sondern auch um die 80 Euro. Die wollte die Fluggesellschaft aber nicht bezahlen. Erst nach mehreren Wochen, Mails und einer Androhung, mich an die Organisation "Flight Rights" zu wenden, landete das Geld dann doch auf meinem Konto. Und ich habe ab jetzt immer eine Zahnbürste im Reisegepäck.

News und Storys von bento per WhatsApp oder Telegram!

Marc flog mit Handgepäck nach Kiew, aber kam ohne jegliches Gepäck dort an.

(Bild: privat)

Jeder sollte mal nach Kiew! Die ukrainische Stadt ist voller Leben, junge Start-ups gründen sich an jeder Ecke, unter dem sozialistischen Altbeton bröckelt es. Ich wollte vergangenen Dezember für ein verlängertes Wochenende hin, Donnerstag bis Sonntag. Der beste Flug ging von Hamburg über Amsterdam nach Kiew. Und damit begann der Ärger.

In der ersten Maschine saßen jede Menge Anzugträger mit Aktentaschen. Auch ich hatte nur Handgepäck dabei, die paar Klamotten und die Zahnbürste nahmen nicht viel Platz weg. Dann kam die Durchsage von der Stewardess: Leider sind zu viele Koffer an Bord, nicht alle passen in die Ablagen. Ein paar müssten also in den Frachtraum, sonst könne man nicht starten. Kein Ding, dachte ich mir – und gab meinen ab. Ich war der Einzige.

Was mir bleibt, ist eine Zahnpasta, die nach Holzleim schmeckt.
Marc von bento

Bei der Ankunft in Kiew merkte ich schließlich: Mein Handgepäck hat den Weg aus dem Frachtraum in die Anschlussmaschine nie gefunden. Am Flughafen in Kiew wurde ich vertröstet, morgen – also Freitag – komme er nach. Aber er kam nicht. Als der Koffer am Freitagabend immer noch nicht da war, sollte er am Samstag kommen. Wir bringen ihn zu eurer Wohnung, versicherte der Airline-Angestellte. Aber er kam nicht. 

Am Sonntag war er dann tatsächlich da, eine Stunde, bevor ich mich wieder auf dem Weg zum Flughafen machte.

Was mir bleibt, sind ein paar ukrainische Socken und Unterhosen. Und eine Zahnpasta, die nach Holzleim schmeckt. Ich konnte die kyrillischen Schriftzeichen auf der Tube beim Kauf nicht richtig deuten – aber bin bis heute fest davon überzeugt, dass es Zahnpasta ist.


Gerechtigkeit

Studentin, die auf der Straße angegriffen wurde, kämpft mit Website gegen Belästigung
Fünf Fragen und Antworten zum Projekt von Marie Laguerre.

Was ist in Frankreich los?

Frankreich diskutiert über sexuelle Belästigung. Anlass ist der Fall der Pariser Studentin Marie Laguerre: Sie wurde verbal belästigt, dann geohrfeigt. Am Mittwoch hat die 22-Jährige nun eine Website gelauncht, mit der sie andere Frauen ermutigen möchte, ähnliche Fälle anonym zu verbreiten. Der Name der Seite: "Nous Toutes Harcelement", "Wir alle werden belästigt".