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Fragen an einen Bahn-Nerd

Junge Klima-Aktivisten müssen sich oft anhören, dass sie erst einmal mit gutem Beispiel vorangehen und auf Flugreisen verzichten sollen. Doch wer wirklich wie Greta Thunberg reist, braucht viel Geduld: Von Stockholm bis nach Davos war die "Fridays for Future"-Aktivistin ungefähr 65 Stunden unterwegs – also ein ganzes Wochenende, nur für eine Reise in die Schweiz.

Greta war es das offensichtlich wert. Doch für Menschen, die ihre Urlaubstage und das Reisebudget genau abzählen müssen, ist das kaum eine Alternative. Doch gibt es kurz vor den Sommerferien wirklich keinen anderen Weg, um umweltverträglich ans Meer zu kommen?

Warum kommt man für 20 Euro mit Ryanair einmal quer durch Europa, mit dem Zug aber oft nicht einmal bis zum Airport? Was müsste sich tun, damit Bahnreisen schneller und attraktiver werden?

Über diese Fragen haben wir mit Lukas Iffländer gesprochen. Der 29-jährige Informatiker ist ehrenamtlich im Bundesvorstand des Fahrgastverbandes "Pro Bahn" aktiv und fährt selbst fast täglich mit dem Zug.

(Bild: Pro Bahn)

bento: Wenn es um die Bahn geht, denken viele an kaputte Klimaanlagen, Bordbistros mit eingeschränktem Angebot und teure Tickets. Warum macht es die Bahn uns eigentlich oft so schwer, sie zu mögen?

Lukas Iffländer: Die Deutsche Bahn wurde lange Zeit kaputtgespart, um sie mit Gewinn an die Börse zu bringen. Die Folgen davon sieht man noch heute: Neue Züge fehlen, Weichen sind kaputt und viele Bahnhöfe wurden jahrelang nicht gewartet. An anderen Problemen ist die Bahn aber auch selbst schuld. Es gibt bis heute zum Beispiel drei verschiedene Buchungssysteme. Bei diesem Tarif-Dschungel ist es kein Wunder, dass oft sogar die eigenen Mitarbeiter keinen Überblick haben.

Wenn ich auf die Internetseite von Ryanair gehe, finde ich 20-Euro-Flüge nach Schweden oder Portugal. Warum gibt es so etwas nicht auch bei der Bahn?

Weil die staatlichen Eisenbahngesellschaften in Europa eine engere Zusammenarbeit oft sogar bekämpfen. Die französische Bahn SNCF will zum Beispiel nicht, dass die Fahrgäste so einfach Entschädigungen bekommen können wie in Deutschland. Das läuft hier nämlich schon relativ gut. Deshalb wehrt sich die SNCF massiv gegen den Ausbau europäischer Regeln für alle Bahnen. Auch in anderen Ländern gibt es dieses Insel-Denken. Das Europaparlament wollte das vor einiger Zeit ändern, aber die Regierungen haben die Pläne für bessere Fahrgastrechte erstmal blockiert. Es fehlt also der Wille.

Und was ist mit den hohen Ticketpreisen?

Auch das liegt teilweise an der Politik. Ein großes Problem ist, dass die Benutzung von Strecken jedes Mal neu kostet. Bei einem ICE von Hamburg nach München ist das jedes Mal etwa eine vierstellige Gebühr. Das sind mehrere Euro pro Fahrgast, die schon einmal nicht in die Wartung oder den Service fließen. Ein Flugzeug zahlt dagegen nur für den Start und die Landung, auch sonst hat es viele Vergünstigungen.

Ein anderes Thema ist der bislang fehlende Wettbewerb im Fernverkehr. Wir bei "Pro Bahn" fordern deshalb, dass es europaweite Ausschreibungen gibt. Den Zuschlag bekäme dann das Bahn-Unternehmen, das am günstigsten die gewünschte Strecke bedient. Das könnte man auch länderübergreifend und zum Beispiel für Nachtzüge organisieren. Für echten Wettbewerb müssen sich aber auch die Flugpreise ändern. Bislang zahlt die Allgemeinheit für die Folgen von Billigflügen, das ist nicht fair.

Es gibt Start-ups für E-Roller, Carsharing und das Vermieten von Unterkünften. Warum gibt es solche Angebote nicht auch für Menschen, die gerne mit dem Zug fahren?

Weil das bei der Bahn viel schwieriger ist. Eine neue Lokomotive kostet vier Millionen Euro und hält 30 Jahre. Wenn man damit etwas verdienen will, muss man schon sehr sicher sein, dass das Geschäftsmodell aufgeht. Flixtrain zeigt gerade, dass das klappen kann. Diese Züge sind langsamer als der ICE, aber auch deutlich günstiger. Das spricht vor allem junge Leute an, die bislang von der Bahn nicht bedient werden.

Und sonst?

Es gibt inzwischen Anbieter wie Trainline und Loco2, die online grenzüberschreitende Tickets verkaufen. Das ist tatsächlich schon fast so bequem wie Flüge buchen bei Ryanair und ein guter Service. Es läuft allerdings nur solange gut, bis man einen Anschlusszug verpasst und dann in Frankreich nicht weiß, wie man weiterkommt. Dafür gibt es leider, wie ich schon sagte, noch keine ausreichenden europaweiten Regeln.

Immerhin fahren in Frankreich die TGVs aber mit 300 Stundenkilometern durchs Land. Warum geht das bei uns eigentlich nicht?

Weil es in Deutschland viele Zentren gibt und in Frankreich alle nach Paris fahren müssen. Wenn man das vorhat, ist es tatsächlich sehr bequem. Grundsätzlich ist das Hochgeschwindigkeitsnetz in Ländern wie Frankreich oder Japan getrennt vom Rest. Das ist bei uns anders.

Das französische System hat aber auch Nachteile: Bei Neubaustrecken gibt es deutlich weniger Bürgerbeteiligung, die TGV-Bahnhöfe sind oft außerhalb der Städte. Und damit die schnellen Züge attraktiv sind, werden Nebenstrecken oft vernachlässigt. Wenn die Anreise stundenlang dauert, bringen die 300 km/h am Ende auch nichts.

Das heißt, die Geschwindigkeit ist gar nicht so entscheidend?

Ich finde die gesamte Reisezeit und die Regelmäßigkeit der Verbindungen wichtiger. Dahin geht aktuell auch bei uns der Trend: Die Bundesregierung will bis 2030 den sogenannten Deutschlandtakt einführen, mit dem Züge aufeinander abgestimmt und in einem stündlichen Takt fahren sollen. Dann fährt man vielleicht nur 250 Kilometer pro Stunde, kommt aber dennoch schneller an. Die Idee dafür kommt aus der Schweiz.

Gibt es noch andere Dinge, die wir uns von anderen Ländern abschauen könnten?

In den Niederlanden gibt es ein System, bei dem sich die Kunden einfach nur noch mit einer Chipkarte ein- und ausloggen. Am Monatsende zahlt man dann automatisch immer den günstigsten Tarif. Das macht Bahnfahren natürlich sehr einfach.

In Österreich wird dagegen das Nachtzug-Angebot gerade stark ausgebaut. Inzwischen betreibt die ÖBB auch die Nachtzüge in Deutschland und hilft in der Schweiz beim Ausbau. Das alles funktioniert aber nur, weil der österreichische Staat die Verbindungen im Inland auch bezuschusst. Wenn man den Zugverkehr stärken und das Klima schützen möchte, muss man eben aktiv werden.

Die Deutsche Bahn gehört dem Staat. Könnte man sie nicht einfach zu ihrem Glück zwingen?

Das größte Problem ist, zumindest in Deutschland, dass jeder Zug Gewinn abwerfen soll. Das sorgt aber für hohe Preise, die die Leute gleich ganz verscheuchen. Außerdem gibt es inzwischen einfach auch zu wenig Züge, obwohl die Fahrgastzahlen ja steigen. Es wurde solange gespart, dass man jetzt einfach nicht schnell genug hinterherkommt neue zu kaufen. Ich sage deshalb gerne: Die Bahn ist selbst davon überrascht, wie attraktiv sie viele Menschen finden.

Selbst wenn alle Züge pünktlich wären, wäre die Bahn am Ende immer noch langsamer als das Flugzeug. Müssen wir unsere Reise-Mentalität ändern, einfach geduldiger werden und auch mal einen Bummelzug genießen?

Ich finde schon. Wenn wir unsere Klimaziele einhalten wollen, müssen wir das langsame Reisen wiederentdecken. Wenn alle finden, dass Ryanair-Flüge sexy sind, ist es natürlich sehr schwer. Dabei hat die Bahn auch Vorteile: Man kann sich die erste Nacht im Hostel sparen und einfach im Schlafwagen nach Italien fahren.

Für Kurztrips ist der Zug sowieso angenehmer. Ich hoffe deshalb, dass durch "Fridays for Future" jetzt der Druck entsteht, die Bahn weiter auszubauen. Das wäre nicht nur für Urlaubsreisende gut, sondern auch den Güterverkehr.

Was müsste in naher Zukunft konkret passieren, damit Reisen mit der Bahn durch Europa einfacher werden?

Wenn die Bundesregierung es mit ihren Klimazielen ernst meint, muss sie schnell etwas tun. Ich denke, wenn man jetzt zusätzlich einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag für Baubeschleunigung investiert, merkt man in fünf bis zehn Jahren eine erste Veränderung. Das klingt natürlich hoch, aber es wäre wirklich notwendig.

Alle Länder um Deutschland herum investieren aktuell deutlich schneller. In Görlitz kommt bald eine neue elektrifizierte Strecke aus Polen an, während in Deutschland noch nicht einmal die Planung abgeschlossen ist. Die Österreicher werden demnächst den Brenner-Basistunnel fertig haben, müssen dann aber noch jahrelang auf die Anschlussstrecke aus Deutschland warten. Das ist einfach lächerlich.

Gibt es eigentlich Bahnstrecken, auf denen man auch ohne größere Probleme durch Europa reisen kann?

Klar. Wer nach Marseille will, kann beispielsweise täglich ab Frankfurt ohne Umstieg fahren. Nach Italien gibt es viele Nachtzüge, Städte wie Rom, Verona oder Venedig sind gut zu erreichen. Die baltischen Staaten und Polen bauen gerade ein neues Hochgeschwindigkeitsnetz, das auch bald fertig ist. Und nach Paris oder London kommt man sowieso gut.

Fährst du eigentlich wirklich alles mit dem Zug?

Ich bin tatsächlich noch nie mit Ryanair geflogen. Aber ich bin auch kein Masochist. Bei meiner letzten Reise nach Lettland habe ich für die eine Strecke den Zug und für die andere das Flugzeug genommen. Das ist vielleicht nicht perfekt, aber immer noch mindestens 50 Prozent besser fürs Klima.


Future

7 Tipps, wie du als Wissenschaftler in der Wirtschaft Erfolg hast
…und trotzdem ganz viel experimentieren kannst.

Wenn jemand in der Wirtschaft Karriere machen will, dann sieht man ihm das dem Klischee zufolge schon im Studium an. Er oder sie studiert dann nämlich BWL oder mindestens Jura und kommt – statt mit Rucksack oder Jutetüte – mit Aktentasche in die Vorlesung. Physiker, Mathematiker, Informatiker und so weiter fallen in der Regel nicht in diese Kategorie. Die kommen gemäß ihres höchst eigenen Stereotyps in Trekkingsandalen zur Uni, die Haare zerzaust wie bei Einstein, im Kopf nur Formeln und Theorie.

Ist ja okay, gibt solche und solche, könnte man sagen. Ist aber Quatsch. Denn in Wirklichkeit sind heutzutage gerade Wissenschaftler, also Physiker, Mathematiker, Informatiker etc., in der Wirtschaft gefragt. Wegen der Digitalisierung ändert sich dort im Moment nämlich alles. Vom Siegeszug der künstlichen Intelligenz bis hin zum weltumfassenden Internet der Dinge gibt es jeden Tag neue, hochkomplexe Herausforderungen zu lösen, für die es zu allererst eines braucht: analytisches Können. Und das haben vor allem was für Leute? Richtig: Wissenschaftler!