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Unsere Autorin wohnt seit Anfang Mai in Tokio. Hier erzählt sie von ihrem Start.

Zum ersten Mal war ich 2011 in Japan – ein halbes Jahr nach dem großen Tōhoku-Erdbeben, ein halbes Jahr nach Fukushima. Wieso ich ausgerechnet jetzt dort hin wolle, wurde ich damals gefragt. Es war so:

Mein eigentliches Ziel war Thailand gewesen, ich wollte tauchen lernen. Japan war für mich lediglich ein fernes Land, für dessen Bereisung ich unfassbar reich sein müsste. Weil in Thailand im November jedoch der Monsun wütete, schaute ich nur so zum Spaß, wie viel ein Flug nach Tokio kosten würde – kaum mehr als der nach Bangkok. Auch eine Unterkunft war mit 600 Euro für knapp zwei Wochen günstiger als gedacht. Deshalb entschied ich mich für Großstadt statt Meer und volle Züge statt Strand: Auf nach Japan!

Noch nie war ich alleine so weit fort gewesen. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht? Im Gegensatz zu Thailand hatte ich von Japan nur vage, zum Teil sehr krude Vorstellungen, die sich aus diversen Filmen und der Berichterstattung rund um Fukushima speisten. Zum Beispiel die vielen Klischees aus „Lost in Translation“ hinsichtlich der schwierigen Kommunikation oder popkulturellen Gepflogenheiten. Oder manipulierte Geigerzähler und Menschen, die frisches Gemüse aus der Gegend um Fukushima kauften, um die Leute dort zu unterstützen.

Alleine reisen, alleine entscheiden

Meine Sorge war völlig unbegründet: Nirgendwo habe ich mich alleine bisher so sicher gefühlt. Ich hatte keine Angst, überfallen, ausgeraubt oder übers Ohr gehauen zu werden. In den U-Bahnen und Zügen Tokios findet man sich hervorragend zurecht, alles ist gut und vor allem auch in lateinischer Schrift ausgeschildert. Zwar fehlte mir ab und zu ein Mensch an meiner Seite, um all die neuen, aufregenden Eindrücke zu teilen – ich genoss jedoch zum ersten Mal die positiven Aspekte, die mit dem Alleinreisen einhergehen: Man kann den Tag völlig nach eigenen Bedürfnissen strukturieren, sich treiben lassen und ist nicht abgelenkt durch Gespräche.

Autorin Maike Hank(Bild: Maike Hank)

Nie war meine Aufmerksamkeit für das, was mich während eines Urlaubs umgab, höher, meine Sinne dabei nie zuvor so geschärft. Zwei Wochen lang besuchte ich alleine Schreine, Zoos, Museen, Parks, Spielhöllen, Restaurants, unternahm eine Bootsfahrt, ging auf das Konzert einer meiner Lieblingsbands, die zufällig vor Ort war, guckte Straßenkünstlern zu, fuhr mit dem berühmten japanischen Schnellzug Shinkansen nach Kyoto, fuhr Bus, ohne genau zu wissen, wohin und saß stundenlang am Meer.

Denn wie wenn man sich verliebt oder spontan zu jemandem hingezogen fühlt, weiß man anfangs oft gar nicht genau, weshalb.
Maike Hank
(Bild: Carl Court / Getty)

Anstatt nun jedoch weitere Länder alleine zu bereisen, wollte ich unbedingt erneut meiner Japan-Faszination und Zuneigung für das Land und die Menschen nachgeben. Denn wie wenn man sich verliebt oder spontan zu jemandem hingezogen fühlt, weiß man anfangs oft gar nicht genau, weshalb. Erst beim näheren Kennenlernen gelingt es, dieses Gefühl zu ergründen.

Eklatante kulturelle Unterschiede

So war ich mittlerweile noch zwei Mal in Japan, wo ich durchaus Parallelen zu Deutschland sehe – sei es beim Rückgang der Geburtenrate oder der Überalterung der Gesellschaft, den schlechten Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen, der von Technik dominierten Wirtschaft, sowie der Vorliebe für Ordnung und Struktur. Gleichzeitig gibt es aber eklatante kulturelle Unterschiede, die von sehr alten Traditionen herrühren und sogar jene Gemeinsamkeiten beeinflussen, sie in ein anderes Licht rücken.

Während dieser Urlaube zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie es mir gelingen könnte, einmal nicht bloß Touristin in Japan zu sein. Ein Work&Travel-Visum erhält man leider nur bis 30. Dies nahm mir die Möglichkeit vor Ort zu arbeiten. Stattdessen müsste ich sehr viel Geld sparen und mich mit einem 90-tägigen Touristenvisum begnügen, das ich als Deutsche zum Glück sogar noch einmal um den gleichen Zeitraum verlängern könnte.

Ich fing auch an, Japanisch zu lernen: Zuerst an der Volkshochschule, dann im Alleingang, und zuletzt im Einzelunterricht bei einer sehr geduldigen Lehrerin. Zusätzlich nutzte ich eine App, um mir die Schriftzeichen beizubringen. Doch wenn man jeden Tag einer Arbeit nachgeht, die Konzentration und Kreativität verlangt, ist das ein schwieriges Unterfangen. Hinzu kommt, dass ich seit Jahren nichts mehr auswendig gelernt und längst jene Hemmungslosigkeit verloren habe, die man benötigt, auch mit wenig Kenntnis eine fremde Sprache zu sprechen. Aus meiner Zeit als Au-pair in Rom weiß ich jedoch, wie viel einfacher das ist, wenn man sich vor Ort im entsprechenden Land befindet.

Ich war gefangen in einem Alltag, der nicht mehr viel mit mir zu tun hatte.
Maike Hank

Vor eineinhalb Jahren sprach ich erstmals im Konjunktiv über einen längeren Japan-Aufenthalt. Es klang wie eine alberne Utopie, die ich stets sehr zurückhaltend und leise formulierte. Ich dachte, ich machte mir selbst etwas vor, denn wenn man nur über Dinge redet, werden sie ja nicht einfach so wahr. Ich war gefangen in einem Alltag, der nicht mehr viel mit mir zu tun hatte: Ich musste mich im Beruf verstellen und machte Dinge, hinter denen ich längst nicht mehr stand, um wirtschaftlich zu funktionieren.

Abends hatte ich keine Kraft mehr für Schönes und habe über all das fast vergessen, wer ich bin, was ich kann und was ich will. Immer häufiger dachte ich Sätze wie diese: Sieh nur, wie du dein Leben gegen die Wand fährst! Dir bleibt doch gar nicht mehr so viel Zeit! Willst du wirklich weiterhin so unerfüllte Tage haben? Wenn du Herzensdinge erleben möchtest, musst du dich selbst um sie kümmern! Los!

Mit Uzo Aduba aus der Serie "Orange Is The New Black"

Im vergangenen Sommer war ich auf einem Pressetermin für eine Fernsehserie und habe da zum allerersten Mal gesagt, ich lebte demnächst für ein halbes Jahr in Japan, um die Sprache zu lernen und zu schreiben. Eigentlich hatte mich eine Schauspielerin nur gefragt, was ich beruflich mache. In meiner Aufregung wollte ich den Smalltalk nicht sofort wieder einschlafen lassen.

An jenem Tag begann ich, an meinen Plan zu glauben und seit Anfang Mai wohne ich jetzt tatsächlich in Tokio. Ich habe Geld gespart und geliehen, den Job gekündigt und mich überwunden, meine beiden Katzen bei einer Freundin zu lassen und die Wohnung in Berlin möbliert zu vermieten.

Seither sagen mir viele, dass ich mutig sei. Darunter Menschen, die sich in Fernsehsendungen harten Diskussionen stellen, Menschen, die auf Podien stehen und Vorträge halten, Menschen, die Doktorarbeiten schreiben, Menschen, die Kinder haben, für die sie Verantwortung übernehmen, Menschen, die ein großes Team leiten, Menschen, die riesige Konferenzen moderieren, Menschen, die sich mit gefährlichen Nazis anlegen, Menschen, die bereits im Dschungelcamp waren, Menschen, die Firmen gegründet haben, Menschen, die sich einfach selbst einen neuen Beruf beibringen, Menschen, die Bücher schreiben, Menschen, die mit Mitte 40 noch einmal studieren, Menschen, die sich jeden Tag dem Hass im Netz und in der Welt entgegen stellen, weil sie sich für andere, sich selbst und für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen.

Alles Menschen, deren Mut ich bewundere – für Dinge, die ich mir nur in den seltensten Fällen zutraute, und die ihnen so wichtig sind, dass sie sie mal mehr mal weniger furchtlos umsetzen, anstatt nur von ihnen zu träumen.

Ich denke, dass Dringlichkeit und Leidenschaft wichtige Aspekte sind, die mutig machen und Vorhaben nicht mehr so unüberwindbar erscheinen lassen. Ich habe mir vorgenommen, offen, wach und neugierig zu sein und meine Komfortzone zu verlassen, um Neues zu erleben und neue Seiten an mir zu entdecken.

Besucher beim Kirschblütenfest in Tokio(Bild: Taro Karibe / Getty)

Jeder Tag in Japan hält Aufgaben bereit, die ich behandle als seien sie Teile einer großen Schnitzeljagd: So habe ich bereits ein Fahrrad gekauft und angemeldet, mich auf die Suche nach einer passenden Sprachschule gemacht, herausgefunden, wie ich eine Monatskarte kaufen kann und wie es sich anfühlt, im Linksverkehr zu fahren.

Ich lerne, mich hier zurecht zu finden, ohne in Geschäften vertraute Produkte, Marken, Farben, Anordnungen als Anker zu haben, und ohne mir sicher sein zu können, dass ich mich intuitiv richtig verhalte. Eine Freundin sagte mir zum Abschied: “Mit Mut kommt mehr Mut.” Das glaube ich jetzt auch!

Lass uns Freunde werden!


Musik

Kanye West liegt nackt mit Taylor Swift und Donald Trump im Bett
Wir sind maximal verwirrt.

Kanye West steht auf Provokation: In seinem neuen Musikvideo "Famous" liegt er nackt mit Taylor Swift und Donald Trump im Bett. Der Clip feierte gestern Abend live in Los Angeles und bei Tidal Premiere.

Die Kamera schenkt zu Beginn über Bettenlandschaft, auf der weitere Promis wie Kim Kardashian, Bill Cosby, Rihanna, Chris Brown, Caitlyn Jenner und George Bush Platz finden; dabei erinnert der Clip eher an ein amateurhaftes Sex-Video. "Famous" ist die erste Single aus Kanyes neuem Album "The Life of Pablo".