Bild: privat
"Unsere Generation muss Europa retten!"

Ein Interrail-Ticket für jeden Europäer: Einfach so am 18. Geburtstag in den Zug steigen, nach Budapest fahren, Lappland kennenlernen, mit Spaniern durch die Innenstadt Granadas ziehen. 30 Tage lang. Umsonst.

2014 war das noch eine ziemlich irre Vision. Jetzt ist klar: Sie wird wohl wahr. Die Europäische Kommission will zwischen 2021 und 2027 bis zu 700 Millionen Euro dafür ausgeben. Das liegt vor allem an Martin Speer, 31 und Vincent-Immanuel Herr, 29.

Die beiden Berliner Aktivisten hatten die Idee. Sie sprachen auf Konferenzen über ihren Vorschlag, setzten Politiker unter Druck, überzeugten immer mehr Menschen. Im Interview erzählt uns Martin, wie die beiden mit ihrem Vorschlag Europa retten wollen – und was sie als nächstes planen.

Martin, die EU-Kommission will 700 Millionen Euro ausgeben, damit junge Leute umsonst durch Europa fahren können. Wie habt ihr das geschafft?

Ab einem bestimmten Zeitpunkt hat sich die Idee von Vincent und mir verselbstständigt. Sie war so gut, dass sie von anderen Menschen mitgetragen wurde, aus allen Bereichen der Gesellschaft, auch der Politik. Manfred Weber (CSU) und Rebecca Harms (Grüne) haben uns zum Beispiel unterstützt, aber auch Politiker von Liberalen und Sozialdemokraten.

Dazu kommt: Mit dem Zug Europa entdecken – diese Möglichkeit gibt es schon lange. Sie ruft Emotionen hervor und verbindet Generationen.

Also habt ihr bei den mächtigen Menschen in Brüssel und Straßburg Erinnerungen an die eigene Jugend geweckt und so viel Geld für junge Leute rausgeholt?

Ja, wahrscheinlich hat auch das eine Rolle gespielt. Früher war es üblich, einen Sommer lang durch Europa zu fahren und dem eigenen Land zu entfliehen. Viele Entscheidungsträger haben Interrail gemacht, auch in der Kommission – zum Beispiel Margrethe Vestager.

Reichen die 700 Millionen denn überhaupt für alle 18-jährigen Europäer?

Naja. 700 Millionen sind ein überraschend deutliches Signal der EU für die Idee. Wir hatten nicht damit gerechnet. Rein mathematisch kann die Summe nicht für alle reichen. Aber immerhin für viele. Es kommt unter anderem darauf an, wie viel Rabatt die Bahngesellschaften der EU-Kommission gewähren. Aber wir geben nicht auf, bis das Programm für alle kommt.

Wie soll Free-Interrail funktionieren?

Vincent Herr und Martin Speer fordern, dass jeder Europäer und jede Europäerin zu seinem 18. Geburtstag einen Interrail-Gutschein bekommen soll. Mit ihm sollen sie 30 Tage lang gratis durch alle Länder Europas fahren dürfen. Wer nicht sofort reisen möchte, soll den Gutschein bis zum 26. Geburtstag einlösen dürfen. Wie genau die EU das Programm gestaltet, ist noch unklar. Über das Budget wird noch beraten.

Auch für das Haushaltsjahr 2018 hatte die Brüsseler Kommission bereits eine Interrail-Förderung in Höhe von zwölf Millionen Euro beschlossen. Die reicht aber nur für 15.000 Tickets. Wenn du genau 18 Jahre alt bist, kannst du dich auf einer Netzseite der EU-Kommission bewerben.

Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen?

Die Reise durch Europa hat uns verändert.
Martin Speer

Vincent und ich waren während einer eigenen Interrail-Reise in Wien Schnitzel essen, haben uns mit dem Autor Robert Menasse getroffen, der ist ähnlich begeistert von Europa wie wir. Wir haben ihm von unserem Trip erzählt: Sechs Wochen lang sind wir durch 14 Länder gefahren – und diese Erfahrung hat uns verändert. Da entstand die Idee.

Was hat die Reise mit euch gemacht?

Europa war für uns vorher abstrakt, etwas aus dem Schulbuch. Und dann saßen wir beim Sonnenuntergang in Neapel auf einem Dach, schauten auf die Stadt herab, neben uns Eryka. Sie studierte gerade im ersten Semester.

Wir hatten sie und ihre Freunde gerade erst kennengelernt, trotzdem sprachen wir ganz offen. Eryka war klug und hatte Lust auf die Zukunft. Aber sie wusste: Irgendwann muss sie ihre Heimat verlassen, weil sie keinen Job finden würde. Das machte ihr auch ein bisschen Angst. Aber sie hatte in Neapel einfach keine Chance.

Vincent (links), Eryka, Martin (rechts) und Freunde in Neapel.(Bild: Martin Speer)

So wurde Europa für uns zu etwas, hinter dem sich Menschen verbergen und Gefühle, Freundschaft zum Beispiel.

Habt ihr Angst, dass eure Vision in den Beratungen der Mitgliedsstaaten noch sterben könnte?

Nein.

Warum nicht?
  
Andere Haushaltsposten werden bestimmt noch gekürzt werden. Aber nach allem, was wir von den Regierungen der einzelnen Staaten gehört haben, sind wir sehr optimistisch. Auch Politiker erkennen, dass es ein Fehler wäre, gerade dieses Programm zu kürzen.

Sie beobachten ja selbst, dass Ressentiments zwischen Ländern und Menschen in Europa wachsen. Die EU hat erkannt, dass man für europäischen Zusammenhalt mehr machen muss als Staubsaugerverordnungen. Und dass Verständnis füreinander nur aus konkreten Erfahrungen erwachsen kann.

Also zum Beispiel, wenn man Eryka kennenlernt und ihre Situation versteht?

Genau, du erkennst dann: Krass, die hat keine Chance in Neapel, ganz anders als man selbst. Dabei hat Eryka ja nicht weniger Fähigkeiten oder Qualifikationen als ich. Später haben wir uns in Berlin wiedergetroffen – und ich habe ihr meine Stadt gezeigt. Am Ende hatten wir beide gelernt, wie viel uns verbindet.

Warum reicht dafür das Erasmus-Projekt nicht?

Erasmus ist ein Eliten-Programm!
Martin Speer

Es erreicht nur wenige, hauptsächlich Studierende. Wir brauchen eine Lösung, die alle nutzen können. Auch die jungen Menschen, die in einem entfernten bulgarischen Dorf wohnen und noch nie von Erasmus gehört haben. Die drohen wir zu verlieren.

700 Millionen Euro sind viel Geld. Nicht alle haben gejubelt, als sie von diesem Budget für eure Interrail-Idee hörten. Warum sollte man das Geld nicht besser einsetzen, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen? Wäre damit Menschen wie Eryka nicht mehr geholfen?

Solche Programme sind leider nicht wirklich effizient. Und man darf aber das Free-Interrail-Programm nicht als reine Spaßveranstaltung sehen. Auch Reisen eröffnen uns neue berufliche und kulturelle Perspektiven. Außerdem wollen wir die Programme nicht gegeneinander ausspielen. Die EU-Kommission soll für unsere Idee nicht andere Jugendprogramme kürzen.

Ihr wollt also Europa retten. Da kann #FreeInterrail ja nur der Anfang sein, oder?

Ja. Zumindest muss unsere Generation Europa retten, bevor es zu spät ist. Mit Macron erleben wir ja jetzt schon einen Generationswechsel. Vor der Verantwortung können wir uns also nicht drücken. 

Unsere Generation muss Europa retten, bevor es zu spät ist.
Martin Speer

Vincent und ich haben jetzt erstmal alle Hände voll zu tun, dafür zu sorgen, dass wirklich jeder Europäer an seinem 18. Geburtstag so einen Interrail-Gutschein bekommt. Deshalb freuen wir uns über jeden, der seinen Abgeordneten anspricht oder anschreibt, um Druck zu machen.

Keine weiteren utopischen Ideen?

Wir arbeiten schon an einigen Vorschlägen: Zum Beispiel an einer App, mit der sich die Interrail-Reisenden vernetzen können und auf der man Reise-Tipps teilen kann. Wenn Italiener in Detmold ankommen, müssen sie ja erst mal wissen, was man da so machen kann.


Trip

11 Tweets, die Stuttgart und seine Bewohner perfekt zusammenfassen
"Der Weag, wo noch Schduagrd fiahrt"

Jede Stadt hat ihre Eigenheiten und dazu gehören auch ihre Bewohner und Bewohnerinnen. Die Berliner essen Schrippen statt Brötchen und feiern am liebsten zu Techno, in Hamburg sagt man "Moin!" – auch am Abend – und in München "Mia san mia", mit Stolz versteht sich. 

Aber wie steht es eigentlich um die Eigenschaften von Stuttgart? Was sind die Besonderheiten der schwäbischen Metropole und ihrer Bewohner und Bewohnerinnen?