Seit drei Tagen kenne ich mich nicht mehr. Seit drei Tagen lasse ich Gisbert zu Knyphausen auf Dauer-Repeat die Melancholie besingen. Seit drei Tagen kann ich nicht damit anfangen, meine 3278 Fotos zu sortieren. Seit drei Tagen laufe ich durch den Supermarkt und erkenne in Reisekoffern und Karibik-Bildern schön-schmerzliche Erinnerungen. Seit drei Tagen bin ich zu Hause. Und will am liebsten sofort wieder los.

Ich habe diese Sätze schon von vielen Freunden gehört, die längere Zeit im Ausland waren. Dass es komisch sei, zurückzukommen. Dass man die neu gewonnenen Freunde vermisse. Dass das Zuhause sich irgendwie nicht nach Zuhause anfühlt.

Genau das fühle ich jetzt auch.

Die vergangenen vier Monate habe ich auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Habe 22.257 Seemeilen von Warnemünde in die Ostsee, über den Atlantik nach New York, durch Nordamerika bis in die Karibik zurückgelegt. Habe Polarlichter gesehen, bin Berge hinaufgestiegen und per Anhalter wieder heruntergefahren, habe Regenwald-Regen auf der Haut gespürt, habe "Forever Young" von einem Central Park-Saxophonisten gehört. Ich habe in dieser Zeit wahnsinnig viel erlebt und nicht nur Kollegen, sondern Freunde gefunden.

Und jetzt: Ist das alles vorbei. Von einem Tag auf den anderen. Unterschriften sammeln, Abschiedsbier trinken, Reisepass und Unterlagen sortieren und ab ins Taxi zum Flughafen.

Zum Klicken: So sehen vier Monate auf dem Kreuzfahrtschiff aus
22.257 Seemeilen von Warnemünde in die Ostsee, über den Atlantik nach New York, durch Nordamerika bis in die Karibik.
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Es ist ja nicht so, als könnte man sich nicht vorbereiten. Man versucht es ja. Man weiß ja: In zwei Wochen fliege ich heim. In zehn Tagen. In einer Woche. Übermorgen. Und dann sitzt man da plötzlich: Im Taxi, im Flieger, im Terminal, im zweiten Flieger und dann – bei seinen Eltern im Auto auf der Rückfahrt vom Flughafen. Und fragt sich: Was tue ich hier eigentlich?

Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, eine Mischung aus Ungläubigkeit und Unwohlsein. Ich wollte es in den ersten Stunden gar nicht wahrhaben, dass ich wieder in Deutschland bin. Hatte sofort ein schlechtes Gewissen, als ich mich innerlich gar nicht gefreut habe, meine Eltern wiederzusehen. Weil dafür in meiner Gefühlswelt gar kein Platz war.

Ich bin noch nicht wieder angekommen in Deutschland. Von der Klima-Umstellung von karibischen 29 auf winterliche 3 Grad will ich gar nicht erst anfangen. Aber mein Kopf fährt immer noch durch die Karibik. Saugt alle Facebook-Posts meiner (nun ehemaligen) Kollegen auf. Erinnert sich an schöne Momente. Und weint ihnen hinterher.

Dieses Gefühl kennt jeder, der schon einmal länger als ein paar Wochen gereist ist. Der ein paar Monate im Ausland war. Der beim Reisen neue Freunde gefunden hat. Der so viele Eindrücke gesammelt hat, dass er wohl eine Woche lang am Stück erzählen könnte.

Eine gute Freundin hat vor inzwischen einem Jahr für drei Monate in Kapstadt gelebt und Südafrika bereist. Sie fragt sich noch heute: War das eine gute Sache? Was bringen mir die schönen Erinnerungen, wenn ich doch bei jeder davon einen Stich im Herzen fühle? Auch ein Jahr danach? Sie denke allen Ernstes manchmal, dass es besser gewesen wäre, nicht ins Ausland zu gehen, sagt sie. Dann würde sie jetzt nicht wissen, was sie vermisse. Und ihr ginge es im deutschen Alltag besser, glaubt sie.

Zum Klicken: Diese Menschen hatten auch schon mal einen Heimkommens-Kater. Hier erzählen sie, wie sie es gemerkt haben – und was ihnen geholfen hat
Danach litt sie unter einem "Heimkommens-Kater". Hier erzählen sieben Männer und Frauen, wie sie damit umgehen.
"Natürlich habe ich mich gefreut, meine Familie und Freunde, mein gewohntes Umfeld wieder zu haben.
Ich war aber überrascht, wie rasch man sich im alten Trott wiederfindet – so als wäre man niemals weg gewesen.
Mir hat ein voller Terminkalender geholfen: Ich habe mich mit ganz vielen Freunden getroffen, sodass mir kaum Zeit blieb,...
darüber nachzudenken, dass ich im Moment eigentlich gern ganz wo anders wäre."
"Ich vermisse vor allem die Leichtigkeit. Das Gefühl, vollkommen glücklich zu sein, obwohl man weit weg von Familie und Freunden ist,...
obwohl man nur mit einem Rucksack unterwegs ist, obwohl man das heimische Essen manchmal sehr vermisst.
Mir hat geholfen, erst mal in eine neue Stadt zu ziehen und dort neue Leute kennenzulernen, so wie ich es vom Reisen gewohnt war.
Und ich habe viele Wochenendtrips durch Europa unternommen und Freunde besucht, die ich auf Reisen kennengelernt habe."
"Als ich wieder zu Hause war, habe ich vor allem die Freiheit vermisst, die ich auf meiner Reise genossen habe.
Diese Freiheit ist mit der Ankunft zu Hause dahin und man kann es zunächst gar nicht realisieren.
Mir hat geholfen, dass ich nach meiner Reise einen guten Job gefunden habe, der mir finanziell die nächste Reise ermöglichen kann."
"Für mich war es am Anfang schwierig zu wissen, dass meine Freundinnen in den USA weiter aufregende Sachen machen, bei denen ich gerne dabei wäre.
Als ich in Deutschland gelandet bin, war mir klar, dass ich nie wieder eine so erfahrungsreiche Zeit erleben werde.
Beim Wieder-Ankommen hat mir geholfen, dass ich in eine neue Stadt umgezogen bin und mit dem Studium angefangen habe. Das hat mich super abgelenkt."
"Als ich nach Hause gekommen bin, dachte ich, mir fällt die Decke auf den Kopf.
In Spanien war ich jeden Tag draußen und habe spannende Menschen kennengelernt – all das fehlte plötzlich.
Seitdem bin ich viel aktiver geworden: Ich gehe wandern oder joggen und tausche mich mit Freunden aus, die ich auf dem Weg gefunden habe."
"Ich hatte anfangs zu Hause das Gefühl, nicht mehr richtig in mein altes Leben hinein zu passen, als hätte ich mich zu sehr verändert.
Ich würde sagen, dass ich ein Stückchen von mir auf Malta gelassen habe. Das hat sich anfangs fast ein bisschen wie Liebeskummer angefühlt.
Mir hat geholfen, mich mit einer guten Freundin auszutauschen, die das Gleiche ein paar Monate zuvor erlebt hatte.
Auf diese Weise habe ich mich mit dieser komischen Zerrissenheit weniger alleine gefühlt."
"Ich hatte nach meiner Rückkehr das Gefühl, nicht mehr verstanden zu werden: Jeder hörte meinen Reiseberichten zwar gerne zu,...
aber niemand verstand auch nur annähernd, was es wirklich bedeutet zu reisen, wie es sich anfühlt, was es mit einem macht.
Deshalb rede ich bis heute viel mit Menschen, die ich auf meinen Reisen getroffen habe. Außerdem habe ich kleinere Reisen etwa nach Brüssel oder Amsterdam unternommen,...
um die Sucht zu befriedigen. Das Gefühl der Fremde zu spüren und einen neuen Ort zu erforschen."
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So pessimistisch kann und will ich nicht zurückblicken. Ich versuche, etwas Positives aus dem "Heimkommens-Kater" zu ziehen: Die Gewissheit und die Dankbarkeit dafür, dass ich die vergangenen vier Monate genossen habe. Dass es eine gute, eine richtige Entscheidung war, diesen Job anzugehen. Diese Reise zu machen, diese Erlebnisse zu sammeln. Und wer diese Gefühle hat, der weiß: Zuhause ist nicht zu Hause. Zuhause ist in der Welt.

Ich habe im Gegensatz zu meiner Freundin, die sich inzwischen durchs Lehramts-Referendariat kämpft, einen großen Vorteil: Ich habe meinen nächsten Vertrag schon vor mir liegen. Drei Monate nur muss ich es im deutschen Winter aushalten, dann kann ich zurück aufs Schiff. Ab Mitte März geht es zunächst auf die Kanaren und anschließend durch Norwegens Fjorde. Dann geht es für mich zurück nach Hause – in die Welt.

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