Bild: Imago

Ich will nur in Ruhe zur Arbeit fahren, doch ich komme gerade 200 Meter weit. Dann blockiert eine Rentnergruppe den rot markierten Radweg.

Ich kenne das schon, schließlich fahre ich hier jeden Tag entlang. Deswegen fange ich auch schon 20 Meter, bevor ich die Gruppe erreiche, mit dem Klingeln an. Fünf Augenpaare starren mich an wie Schafe ihren Schlachter. Keine Reaktion. Ich klingle noch einmal. Jetzt starren mich schon zehn Augenpaare an. Keine Reaktion. Ich bremse, umfahre die Gruppe und frage mich: Gibt es dort, wo sie herkommen, keine Fahrräder?

Ein paar Minuten später stehe ich an einer roten Ampel, als von hinten ein Radfahrer heranschießt, um noch schnell die Straße zu überqueren. Ein Auto bremst.

Kurz bevor ich mein Ziel erreiche, komme ich an die Stelle, die ich am meisten hasse. Hier biegen viele Autos rechts ab – ohne auf Fahrradfahrer zu achten. Ich schaue über die Schulter, noch mal und noch mal, bremse ab, als ich ein Auto herannahen sehe. Zum Glück. Die Fahrerin biegt rechts ab. Ohne zu blinken und ohne mich zu sehen. Hätte ich nicht gebremst, hätte sie mich erwischt.

Mein Arbeitsweg dauert nur 15 Minuten. Es vergeht kein Tag, an dem sich nicht mindestens eine dieser Situationen wiederholt.

Das Fahrrad ist schon immer mein Hauptverkehrsmittel. Ich fuhr damit zur Schule, zum Handballtraining, später zur Uni, zur Arbeit und zum Einkaufen. Ich fahre zu 99 Prozent regelkonform, trage einen Helm, verhalte mich meist wie eine verantwortungsvolle Verkehrsteilnehmerin.

Das hat mich nicht davor beschützt, zwei Mal in eine geöffnete Autotür zu krachen, beschimpft und bedroht zu werden. Radfahrer leben gefährlich im deutschen Großstadtverkehr und das hat verschiedene Gründe.

Was ist das für eine Verkehrsplanung?

Ich habe den Eindruck, dass viele Verkehrsteilnehmer gar nicht wissen, wo Radfahrer überall fahren dürfen. Wie auch? Oft gibt es keine einheitliche Regelung und die Strecke gleicht einem Slalom vom Fußweg auf die Straße und wieder zurück.

Entsprechend verwirrt sind die anderen Verkehrsteilnehmer. Man stelle sich vor, Autos würden wahlweise auf der Straße oder auf dem Fußweg fahren. Unsinnig getaktete Ampelphasen tun ihr übriges.

Die Verkehrsführung für Radfahrer wurde in den meisten Städten offensichtlich von Menschen erdacht, die ein paar Mal im Jahr mit dem Rad an den Badesee fahren, nicht aber wirklich am Straßenverkehr teilnehmen. Sonst wüssten sie, dass ein schneller Radfahrer, der auf dem Fußweg fahren soll, dort nur eine Gefahr für alle Beteiligten darstellt.

Fotos zum Träumen: In Kopenhagen sehen Radwege so aus
Das letzte Bild toppt jedoch alles und zeigt, wie toll Fahrradfahren eigentlich sein könnte.
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Gelten Verkehrsregeln für Fahrradfahrer etwa nicht?

Leider bringen einige Radfahrer sich und andere Verkehrsteilnehmer durch ihre Fahrweise selbst in Gefahr. Es ist mir ein Rätsel, warum so viele Menschen so tun, als würden die Verkehrsregeln für sie nicht gelten, sobald sie auf dem Fahrrad sitzen. Da werden rote Ampeln überfahren und Fahrwege gekreuzt, damit man zwei Sekunden schneller an der nächsten Ampel stehen kann.

Überhaupt, andere Radler: Entweder sie blockieren die ganze Fahrbahn, weil sie nebeneinander fahren wollen, oder sie zischen einen an, weil man es wagt, sie zu überholen.

Und dann wären da noch die Autos

Vielerorts erreicht die Zahl der Radfahrer nur an schönen Frühlingstagen die kritische Masse und man merkt, dass so einige Autofahrer nicht damit einverstanden sind, dass sie sich Fahrbahn und Ampelphasen mit den Radfahrern teilen müssen. Da wird gedrängelt, gehupt und geschnitten, was das Zeug hält. Wie oft mir schon die Vorfahrt genommen wurde und mir anschließend charmant der Mittelfinger gezeigt wurde – ich habe aufgehört, zu zählen.

Die einzige Lösung: Eine Verkehrsplanung, die das Fahrrad als gleichwertiges Verkehrsmittel anerkennt. Mit allen Rechten, allen Pflichten, dem Platz und exakt der Prioritätensetzung, die auch dem motorisierten Verkehr eingeräumt wird.

Dann hätte ich auch endlich vor der Arbeit meine Ruhe.

Im Slider: Schon mal versucht, aus dem Kopf ein Fahrrad zu zeichnen? Das sieht dann so aus
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