Vor ein paar Jahren fragte mich mal jemand, ob ich schon einmal in Basel gewesen sei. Ich war mir nicht sicher. Ich überlegte und meinte, mich an eine Kirche, eine Brücke mit Pflastersteinen und einen Brunnen in der Altstadt zu erinnern. Aber war das wirklich Basel? Oder brachte ich in meinem Kopf etwas mit Heidelberg oder Freiburg durcheinander?

Ich musste eine ganze Weile darüber nachdenken, bis ich die Altstädte der drei Orte in meinen Gedanken sortiert hatte. Freiburg mit seinen kleinen Bächen, die Schlossruine in Heidelberg und das rote Rathaus in Basel. Ja, dort war ich in der siebten Klasse schon einmal. Welche Brücke zu welcher Stadt gehört, wusste ich allerdings wirklich nicht mehr.

Ich ärgerte mich über mich selbst. Schließlich weiß ich eigentlich, wie verschieden all diese Städte sind und dass sie sich durch ihre Geschichte, Kultur und Menschen unterscheiden.

Warum nehme ich manche Städte als ähnlich wahr? 

Jahre später stieß ich im Internet auf eine Karikatur des Comiczeichners Malachi Ray Rempen. Der hat eine Karte gezeichnet, die im Prinzip für jede europäische Stadt funktioniert – und überraschenderweise gar nicht so ungenau ist. Unter fast allen Postings des Bildes geht es irgendwann um die Frage, ob Rempen mit seiner Karte nicht einen wunden Punkt getroffen hat. Sehen nicht-europäische Menschen so europäische Städte? Ist wirklich alles so einförmig?

So sieht die "Map of every European City" aus:

Erst mal zur Touristenfalle oder zu den Backsteingebäuden, in denen die Hipster wohnen?

(Bild: Malachy Ray Rempen (Itchy Feet) )

Ein Bahnhof voller Tauben, ein Brunnen, eine alte Brücke, ein Park, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach gedealt wird, und natürlich eine Kirche, die in jedem Reiseführer und in jedem Onlineportal steht – so beschreibt die Karikatur die Städte in Europa.

So unrecht, finde ich, hat er dabei tatsächlich gar nicht. Auch mir fallen sofort einige Städte ein, die – ein wenig verändert – zu dieser Karte passen würden.

Aber warum sehen sich europäische Städte so ähnlich? Werden sie sogar immer gleicher?

Das haben wir Wolf-Christian Strauss gefragt. Der Wissenschaftler und Stadtforscher und arbeitet im Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. 

(Bild: David Ausserhofer)

Herr Strauss, warum sehen sich so viele Städte in Europa so ähnlich? 

Weil sie sich unter ähnlichen Bedingungen entwickelt haben. Es gibt zwar unterschiedliche geschichtliche und klimatische Bedingungen in Europa, einige andere Dinge sind aber gleich: Zum Beispiel der große Entwicklungssprung der Städte im Mittelalter, insbesondere in Zentraleuropa. Wo es Flüsse oder Handelswege gab oder Anhöhen, die gut zu verteidigen waren, sind aus Siedlungen Städte gewachsen und zu Knotenpunkten von Freiheit, Kreativität und Handel geworden. Dann kamen die Industrialisierung und die Ausbreitung der Eisenbahn hinzu. Das sorgte für übergreifend ähnlichen Entwicklungssprüngen in ganz Europa.

Dass junge Menschen, die kreativ arbeiten wollen, heute nach Hamburg oder Berlin ziehen ist – überspitzt gesagt – so ähnlich wie damals im Mittelalter. Die Städte sind noch immer ein Ort des Austauschs und bieten viele Chancen.

Das erklärt aber noch nicht, warum es auch so viele Gemeinsamkeiten in der Architektur gibt. 

In der abendländisch geprägten Welt gehört die Kirche zum Stadtbild dazu. Städte gehörten in der Regel zu einem Königreich oder Fürstentum, auch das beeinflusste das Stadtbild. Außerdem prägten Elemente des gesellschaftlichen Zusammenlebens oder auch die sich entwickelnde Demokratie die europäische Architektur – daher gibt es fast in jeder Stadt ein Rathaus. Ähnlich ist es mit dem Bahnhof, der als zentraler Verkehrspunkt fast in jeder europäischen Stadt zu finden ist. 

Und was ist mit eher modernen Gemeinsamkeiten? Fast überall gibt es ein Bankenviertel, das Hipster-Viertel. 

Viele Unternehmen siedeln sich weltweit an, wollen den Ansprüchen ihrer mobilen Arbeitnehmer gerecht werden und ähnliche Bedingungen schaffen – im Grunde genommen ist also die Globalisierung der Grund. Also findet man Bürokomplexe genau wie Szeneviertel, in denen viele junge und kreative Menschen leben, in vielen Städten. Dazu kommen berühmte und preisgekrönte Architekturbüros – die versuchen, ihre auffälligen Gebäude in möglichst vielen Städten zu platzieren. Ein silbernes geschwungenes Gebäude von Frank Gehry steht zum Beispiel in Spanien aber auch in Deutschland. Aber von einer einheitlichen europäischen Architektur würde ich trotzdem nicht sprechen. 

Wie unterscheidet sich die europäische Stadt von der amerikanischen oder asiatischen? 

Die Entwicklung der Städte in Nordamerika ist eine Siedlerentwicklung. So ist ein ganz anderer Stadttypus als der in Europa entstanden. In Südamerika ist wiederum vieles Kolonial geprägt. Dort wurde europäische Architektur als Ideal nachgebaut. In asiatischen Städten entsteht beispielsweise häufig erst jetzt ein Bewusstsein für die Geschichte der städtischen Architektur des Landes – auch das prägt auf ganz andere Weise das Stadtbild. 

Machen Ketten und Kaufhäuser wie H&M oder Starbucks die Städte gleicher, weil es sie überall gibt?

Auf eine Art schon. Hier spielt die Internationalisierung des Handelsmarkts eine große Rolle. Ketten wollen überall vertreten sein. Statt der früheren, individuellen Kaufhäuser gibt es Shoppingmalls mit ähnlichen Marken, oder eine Einkaufsstraße, in der sich alle bekannten Läden ansiedeln. In fast allen Städten gibt es aber noch immer kleinere, inhabergeführte Läden – es reicht nur eben nicht mehr, vom Bahnhof aus die eine große Einkaufsstraße entlangzuschlendern. In der sieht alles sehr ähnlich aus. Biegt man hingegen in die Seitenstraßen ab, bietet jede Stadt Europas etwas Einzigartiges. 

Vielleicht kommt es auf die Perspektive an: Sehen europäische Städte vielleicht nur für nicht-europäische Touristen gleich aus?

Nein, ich habe den Eindruck, dass – gerade, wenn man sehr viel in sehr kurzer Zeit sehen möchte – man eher bewusster auf die Unterschiede der Städte achtet. Dafür besuchen die Reiseveranstalter aber auch unterschiedliche Stadttypen Europas. Zum Beispiel das mittelalterliche Rothenburg, Paris, Barcelona, Madrid und Amsterdam. 

In vielen Städten gibt es mittlerweile nicht nur Spots, die für das beste Instagram Foto belagert werden, sondern auch die gleichen Möglichkeiten, so zu leben, wie man es aus der eigenen Heimatstadt kennt: zum Beispiel mit Avocado-Toast, Chiapudding und veganem Milchkaffee statt lokalem Essen in kleinen Restaurants. Kommt einem deshalb vielleicht vieles ähnlich vor?

Zumindest, wenn man auf Instagram schaut. Dort wird immer das gleiche gepostet. Eine kleine Einkaufsstraße, der Kaffee und das Essen des Tages. Die Stadt als solche wird dann nicht mehr als Gefüge wahrgenommen – mit ihrer eigenen Geschichte, den unterschiedlichen Mentalitäten. 

Also unterscheiden sich Städte vor allem dann, wenn man sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt? 

Genau. Und gleichermaßen gehört hier auch die wachsende Uninformiertheit und Oberflächlichkeit dazu. Früher las man Reiseführer. Heute findet man zwar viele Tipps im Internet – die halte ich aber oftmals eher für nichtssagend. Wenn man immer nur darauf hört, welche "Top Ten" man in Berlin oder Barcelona unbedingt gesehen haben muss, aber nichts dabei lernen will und sich nicht näher damit beschäftigt, verlässt man sich nur noch darauf, was andere gepostet haben und lernt selbst nichts Neues kennen.

Das Problem ist, dass man dann selbst nichts erlebt oder wahrnimmt: vom Geruch über Geräusche – all das bedarf Aufmerksamkeit.
Wolf-Christian Strauss, Diplom-Ingenieur im Deutschen Institut für Urbanistik

Also sind wir auch hier wieder beim Trendthema Achtsamkeit?

Ja, in jeder Hinsicht. Man kann beispielsweise darauf achten, wie man sich in der Stadt bewegt, ob einem eine Gegend gefällt, oder nicht – und das alles für sich selbst entscheiden, anstatt sich von anderen beeinflussen zu lassen. 


Sport

Frauen-Fußball-WM: Warum ein Stadionbesuch von Angela Merkel so wichtig wäre

Erstes Spiel: gewonnen. Zweites Spiel: ebenfalls. Drittes Spiel 4:0, Achtelfinale: locker durchgesegelt. Die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen hat in der Weltmeisterschaft in Frankreich bislang eine sehr gute Bilanz. Am Samstag steht sie nun im Viertelfinale. Dass sich dafür nur vergleichsweise wenige Menschen interessieren, ist genauso bekannt wie schade. Auch die Bundeskanzlerin hat das Team bisher nicht öffentlich unterstützt – für die Sportlerinnen wäre das aber eine riesige Chance. 

Angela Merkel gilt als Fußballfan (FAZ) – zumindest wurde dies jedes Mal über sie geschrieben, wenn die Männer-Nationalmannschaft in einem internationalen Wettbewerb stand. Die Kanzlerin tauchte dann stets verlässlich im Stadion (Süddeutsche) oder vorab im Trainingslager auf (Sport1), um den Spielern Erfolg zu wünschen und sie anzufeuern. 

Wir erinnern uns beispielsweise an das Kabinen-Foto mit Oben-Ohne-Özil: