Bild: Ibrahim Rifath/Unsplash
So kann Ethisches Reisen funktionieren.

Viele junge Menschen wollen ferne Länder bereisen, respektvoll gegenüber anderen Kulturen sein und außerdem nachhaltig leben. Doch steigen die meisten für den Urlaub trotzdem in den Flieger und rümpfen vor Ort die Nase über schlechte Straßen. 

Passt diese Art zu reisen in das Selbstbild eines reflektierten Menschen, der sich mit Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit beschäftigt?

Es gibt extreme Beispiele für schlechtes Verhalten im Urlaub. Kürzlich machte ein Video die Runde, das eine Touristin zeigt, die auf einem Markt in Marokko einen Verkäufer attackiert, weil er Hühner in einem kleinen Käfig hält (Morocco World News). In Asien betteln junge Backpacker auf der Straße, um sich ihre Reise zu finanzieren (SPIEGEL). Nationalparks werden durch rücksichtslose Touristinnen und Touristen zugemüllt (Deutschlandfunk Kultur). 

Dass ethisches Reisen so nicht funktioniert, ist offensichtlich.

Doch ist verantwortungsvolles Reisen überhaupt möglich? Oder dürften wir streng genommen höchstens mit der Bahn in den Schwarzwald fahren? 

"Nein, das muss nicht sein", meint Harald A. Friedl. Der Autor, Philosoph und Jurist lehrt angewandte Tourismuswissenschaften an der Fachhochschule Joanneum in Graz. 

Harald A. Friedl auf einer nachhaltigen Trekkingreise in Südalgerien.

(Bild: privat)

"Reisen hat immer auch etwas mit Weiterbilden zu tun – und das ist wichtig", sagt Harald A. Friedl. Es käme allerdings darauf an, wie man sich beim Reisen verhalte. Ethisches Reisen bedeutet für ihn in erster Linie respektvolles Reisen: "Es ist eine Grundhaltung von Achtsamkeit und Verantwortung. Man begibt sich in einen fremden Raum mit fremden Wertvorstellungen."

Aber wie geht man mit den eigenen Wertvorstellungen um, wenn man in moralische Zwickmühlen gerät? Zum Beispiel als Veganer auf einem Markt in Thailand.

"Jedes moralische Urteil muss als Ausdruck der eigenen Biographie verstanden werden", sagt Harald A. Friedl. Als Veganer solle man sich beispielsweise die Frage stellen: Woher kommt meine Überzeugung zu diesem Thema? "Die Art der Massentierhaltung, wie sie in Westeuropa praktiziert wird, ist so schlimm, dass sich manche Menschen entscheiden, kein Fleisch mehr zu essen." In einem anderen Kulturraum sei die Situation und die Weltsicht aber möglicherweise eine andere.

Mit moralischen Urteilen solle man deshalb vorsichtig sein, findet Harald A. Friedl. "Man muss bedenken, dass an anderen Orten andere Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung stehen." Statt zu urteilen, solle man sich fragen, in welchem System die Situation gerade passiert und sich dann damit auseinandersetzen. 

Als außenstehende Person wisse man nicht, welche Rolle das Nutztier im besuchten Land spielt: Wie es verwertet wird, wie es aufwächst und wie wichtig es für die Versorgung der Menschen vor Ort ist. Wer sich nicht an jeder Ecke eine vegane Buddha-Bowl kaufen kann, denkt möglicherweise anders über den Konsum tierischer Produkte nach als junge Menschen, die in einer westeuropäischen Großstadt leben und regelmäßig mit Freunden über das Thema diskutieren.

Wichtig sei es, zu verstehen, dass unser Kulturraum nicht die Norm ist, der es zu entsprechen gilt.

Ein großer Faktor für ethisches Reisen ist Regionalität. Sowohl bei der Wahl von Unterkünften als auch bei regionalem Essen. 

Große Hotel- oder Restaurantketten sollte man meiden und darauf achten, dass das Geld, das man an den Urlaubsort bringt, auch dort bleibt. "So kann man dafür sorgen, dass der Tourismus den Menschen, die man dort trifft, wirklich etwas bringt", sagt Harald A. Friedl.

Wer im Privatzimmer bei Einheimischen unterkommt, kann auch die Kultur auf andere Weise kennenlernen. Allerdings können Reisende auch in solchen Situationen in moralische Zwickmühlen geraten, berichtet Harald A. Friedl: "Wer zum Beispiel bei einer Familie unterkommt, erlebt gegebenenfalls traditionelle hierarchische Verhältnisse zwischen Männern und Frauen oder Alten und Jungen." 

Entscheidend sei es, sich im Voraus gut zu informieren und zu reflektieren, ob man solche Gegebenheiten hinnehmen kann, sagt Harald A. Friedl.

Auch in puncto Nachhaltigkeit ist Information der Schlüssel. 

Das sagt Ingo Lies, Mitglied der Nachhaltigkeitsinitiative Futouris – eines Vereins, der sich für ökologischen und nachhaltigen Tourismus einsetzt. Er ist außerdem Gründer der Reiseveranstalter "Chamäleon" und "YOLO", die nach eigenen Angaben 70 Prozent des Urlaubspreises im bereisten Land lassen.

(Bild: privat)

"In Sansibar denken die Touristen beispielsweise, es sei nachhaltig, jeden Tag Fisch zu essen, weil man direkt am Meer ist", sagt er. Der dortige Fisch werde aber häufig importiert. "Die Hotels, mit denen wir arbeiten, bieten nur regionalen Fisch an. Wenn es den gerade nicht gibt, erklären wir das den Gästen. Die haben Verständnis dafür und sind viel eher interessiert als enttäuscht."

Ein sehr großes Problem beim ethischen Reisen bleiben natürlich Flugreisen.

Sie benachteiligen sowohl Menschen als auch Umwelt massiv, sagt Harald A. Friedl. Wenn man bereit sei, das in Kauf zu nehmen, gelte seiner Meinung nach die Faustregel: "Ab 3000 Kilometer Entfernung sollte man mindestens zwei Wochen bleiben."

„Ein Wochenendausflug nach New York ist eigentlich ein ökologisches Verbrechen.“
Harald A. Friedl

Er selbst kompensiere jeden seiner Flüge über Agenturen wie "Atmosfair" oder "Myclimate". Je nach Flugstrecke kann man dort mit einer entsprechend hohen Spende den Klimaschutz unterstützen. Den Vorwurf, man würde damit nur sein schlechtes Gewissen beruhigen, weist Harald A. Friedl zurück. "Mit dem Geld werden Projekte finanziert und unterstützt, die an anderen Orten und zu einem anderen Zeitpunkt CO2 einsparen. Klar, diese Modelle können die Welt nicht retten, aber man kann Schaden damit etwas kompensieren."

Schließlich gibt es auch Organisationen wie "Ethical Traveler", die sich für nachhaltigen Tourismus einsetzen. Das Portal empfiehlt jedes Jahr Reiseziele, die sich in Kategorien wie Umweltschutz, Sozialhilfe und Menschenrechte weiterentwickelt haben. Dadurch sollen Länder ermutigt werden, sich für diese Werte einzusetzen und so vom ethischen Tourismus zu profitieren.

Am Ende bleibt verantwortungsvolles Reisen, wie die meisten ethischen Fragen, Abwägungssache.

„Man sollte versuchen, die unerwünschten Folgen des Reisens – wie die Umweltbelastung –, mit den erwünschten Folgen – wie der Unterstützung der lokalen Wirtschaft – in Balance zu bringen.“
Harald A. Friedl

Gerechtigkeit

Fridays for Stalin in Gelsenkirchen
Wie eine linksextreme Organisation die FFF-Proteste unterwandert

Angenommen, man studiert in Gelsenkirchen, sorgt sich um die Umwelt und will etwas tun. Auf der Seite von "Fridays for Future" klickt man auf "Ortsgruppe" und "NRW", scrollt bis "Gelsenkirchen" und bekommt den Link zu einer WhatsApp-Gruppe angezeigt. Man trittt bei.

Fünf Klicks – so schnell gerät man in eine WhatsApp-Gruppe, deren Organisatoren wahrscheinlich vom Verfassungschutz beobachtet werden.

Die offizielle Gelsenkirchener Ortsgruppe von "Fridays for Future" wird von "Rebell" betrieben, der Jugendorganisation der linksradikalen Splitterpartei MLPD.

Im Jugendzentrum Ché, das zur Organisation gehört, finden jeden zweiten Samstag die offiziellen Vorbereitungstreffen für die Freitagsdemos statt. Eine halbe Stunde Busfahrt entfernt liegt die Parteizentrale der MLPD.