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"Soll ich ihm meinen Urin geben?"

Eigentlich eignet sich eine Zug- oder Busfahrt nicht sonderlich gut zum Telefonieren. Die Verbindung bricht zwischendurch ständig ab, Durchsagen stören das Gespräch und vor allem: Sitzt man Sitz an Sitz mit fremden Menschen, die jedes Wort mithören können.

Trotzdem trifft man auf Reisen immer wieder auf Menschen, denen all das scheinbar völlig egal ist. Auch die Sache mit dem Mithören.

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Diese Menschen holen im voll besetzten Abteil das Smartphone raus und besprechen in völliger Seelenruhe die privatesten, peinlichsten oder illegalsten Dinge.

Wir haben die besten Gespräche gesammelt, die wir im Zug oder Fernbus mithören durften.

Tuut. Tuuuut.

1 Hamburg – Berlin: Die Rechtsberatung

Es sprechen: Ein junger Mann, etwa 18, und ein Anwalt. Und noch einer. Und noch einer.

Sie sprechen über: Juristische Fragen.

Weiße Anführungszeichen
Du weißt doch, wo der wohnt, oder?

Der Fernbus braucht von Hamburg nach Berlin etwa drei Stunden. Diese Zeit nutzte der Mann dazu, sich telefonisch einen Anwalt zu besorgen. Gegen ihn lag nämlich leider eine Anzeige vor, wegen "menschengefährlicher Körperverletzung", wie er es nennt.

Allerdings wollte er nicht irgendeinen Anwalt: sein Wunschkandidat sollte "auf gar keinen Fall irgendwas mit dem Staat zu tun haben", sondern "independent" arbeiten. Eine Anfrage, mit der die meisten kontaktierten Verteidiger wohl leider nichts anfangen konnten. "Dann nicht, tschautschau", endete deshalb ein Anruf nach dem anderen.

Bis zum Ende der Fahrt hatte er leider niemanden gefunden, der seinen Ansprüchen genügte. Stattdessen rief er dann noch einen Kumpel an und ließ sich von ihm das Versprechen geben, vor Gericht als Zeuge für ihn auszusagen. Und noch etwas ließ er sich versprechen: "Wenn das dann durch ist, dann starten wir was mit dem Hurensohn, du weißt, wie ich meine." Der Kumpel wisse doch, wo der wohne, oder?

2 Münster – Essen: Das Rezept

Es sprechen: Eine Frau um die 50. Und ihre Tochter Jasmina, die offenbar gerade eine Suppe kochen will.

Sie sprechen über: Eben jene Suppe.

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Nein, die Petersilie schneidest du nicht in Scheiben!

Der Magen knurrt, die Mutter sitzt noch im Zug. Also musste die Tochter am Herd übernehmen, während die Mutter die Anweisungen gibt. Durchs Telefon. Im Befehlston. Das klang dann so:

"Jasmina, ich sage es noch einmal ganz langsam. Du schneidest jetzt zuerst die Karotten. Dann schneidest du die Petersilie. Dann schneidest du die Zwiebeln."
(...)
"Wie, in Scheiben? Nein, die Petersilie schneidest du nicht in Scheiben! Du zupfst die Blätter der Petersilie ab. Dann hackst du sie klein!"
(…)
"Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Die Karotten und die Zwiebeln schneiden, nicht hacken. Du hackst nur die Blätter. Die Petersilie. Sonst hackst du hier gar nichts. Und vergiss die Brühe nicht."
(…)
"Wie, was für Gewürze? Da nimmst du zum Beispiel Salz! Und davon eine Prise!"
(...)
"Du nimmst deine beiden Finger und nimmst damit das Salz aus deiner Hand raus! Aus. Deiner. Hand."

Inzwischen fieberte das ganze Abteil mit, wie die Suppe wohl schmecken wird. Doch schließlich riss der Mutter der Geduldsfaden:

"Weißt du was, ich bin in einer halben Stunde da und dann mach ich es selbst. Du schüttest und schneidest da rum, ich kriege hier die Wut. Du lässt jetzt mal die Sachen stehen und lässt es sein. Jasmina!"

3 Hamburg-Kassel: Die dramatische Trennung

Es sprechen: Ein Mann, Mitte 20, mit seinem Kumpel. Und dann mit seiner Freundin. Die im Laufe des Gesprächs zu seiner Exfreundin wird.

Sie sprechen über: Ihre Verfehlungen. Ausschließlich.

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Schönes Leben noch.

Beim Einsteigen hat der Mann schon das Handy am Ohr, beziehungsweise, vor seiner Nase. Schnell wird klar: Dieser Typ hat jede Menge Probleme. Eins davon: diese Frau.

"Sie ist ja Sozialarbeiterin, aber sozial ist die wirklich so gar nicht. Eigentlich sollte sie Schauspielerin sein, weil die macht allen was vor", klagt er irgendwem, vermutlich einem Kumpel, sein Leid. Besagte Dame hat ihn auf WhatsApp blockiert, und, was offensichtlich noch viel schlimmer ist, bei Instagram ein Bild mit einem anderen Mann gepostet. "Frauen, die sind einfach alle gleich, ich schwöre." Man kennt das.

Der Telefonierer will sich das alles nicht mehr bieten lassen und ruft als nächstes die Frau selbst an. (WhatsApp geht ja nicht mehr.) Anfangs geht sie nicht ran, als er sie dann doch erwischt, kommt er gleich zum Punkt: "Du bist das Letzte", teilt er ihr mit. "Schönes Leben noch."

4 Düsseldorf – Köln: Die Existenzangst

Es sprechen: Ein Frankfurter Broker, etwa 50 Jahre alt, mit seinen Geschäftspartnern rund um den Globus.

Sie sprechen über: Millionenbeträge.

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Geh niemals an die Börse, mein Junge. Das macht dich kaputt.

Als ich mich nichtsahnend in das S-Bahn Abteil zu dem grauen Anzugträger setzte, wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt. Bei den schicken Nadelstreifen und der wichtig aussehenden Aktentasche hoffte ich auf eine ruhige Fahrt. Doch da hatte ich mich getäuscht.

Kurz nachdem sich der Zug in Bewegung setzte, klingelte sein Telefon. Am anderen Ende konnte ich die Fetzen einer Englisch-sprechenden Stimme vernehmen – alles klang sehr, sehr aufgeregt. Der Anzugträger wurde langsam bleich, stammelte ein paar Fachbegriffe vor sich hin, die ich schon mal bei Anja Kohl in den Börsennews aufgeschnappt hatte. Ein Broker also.

Nach dem ersten hastigen Gespräch zog er aus der linken Jackentasche sein zweites Handy und eine Packung Tabletten. Nervös wählte er eine Nummer und schien nun einen Japaner am Telefon zu haben. An seiner Verfassung konnte ich erkennen, dass es dem Anzugträger immer schlechter ging. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, die Hände begannen zu zittern. 

Nach weiteren Telefonaten mit Dow Jones und Nikkei hatte er schließlich wieder einen deutschen Kollegen am Ohr. "Jürgen, halten! Hörst du mich, unbedingt halten! Wir können jetzt nicht verkaufen. Halten Jürgen! Bleib ruhig! Nicht nervös werden." 

Jürgen blieb ruhig und nach ein paar Minuten kehrte auch die Farbe ins Gesicht des Brokers zurück. Zu mir sagte er nur: "Geh niemals an die Börse, mein Junge. Das macht dich kaputt."

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5 Mainz – Frankfurt: Die Urinprobe

Es sprechen: Eine Frau, etwa 20, und eine Freundin.

Sie sprechen über: Eine moralische Zwickmühle.

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Denkst du, ich sollte es tun?

Was sollte man für seinen Partner tun – was darf man verweigern? Diese Frage stellte sich die Frau in der Bahn. Mit ihrem neuen Freund, nennen wir ihn Patrick, war eigentlich alles super.

Doch jetzt hatte Patrick sie um etwas gebeten: Sein Arbeitgeber wollte ihn einem Drogentest unterziehen. Ein Test, dessen Ergebnis bei Patricks Vorliebe für bewusstseinserweiternde Substanzen wohl nicht zu seinem Vorteil ausgefallen wäre. Ob sie, die telefonierende Frau, ihm also zu diesem Anlass nicht vielleicht etwas von ihrem Urin leihen könnte?

Eine Anfrage, die diese jedoch nicht nur "irgendwie ein bisschen widerlich", sondern auch juristisch bedenklich fand. "Denkst du, ich kann dafür ins Gefängnis kommen? Ist das nicht Betrug?" wollte sie deshalb von ihrer Freundin wissen. Leider fanden die beiden im Laufe des Gesprächs weder auf die juristische noch die moralische Frage eine Antwort. 

Wurdest du in öffentlichen Verkehrsmitteln auch schon Zeuge eines verrückten, dramatischen oder niedlichen Gespräches? Schreib uns eine Mail an fuehlen@bento.de.

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In Litauen gibt es jetzt eine Fußgänger-Spur für Smartphone-Gucker
Smombies 4ever <3

Von der U-Bahn zur Arbeit, vom Bett zum Bäcker, vom Parkplatz zum Restaurant: Ständig und überall muss man zu Fuß hingehen.

Doch anstatt – wie in früheren Epochen – die Zeit während des Gehens mit stumpfem Herumschauen totzuschlagen, kann der moderne Mensch sie mit dem ausfüllen, was er ohnehin am liebsten tut: aufs Smartphone gucken.

Diese neuen Möglichkeiten bringen jedoch auch Gefahren mit sich. 

Denn wenn die Augen aufs Smartphone gerichtet sind, sind sie logischerweise nicht auf die Umwelt gerichtet. Und das führt immer wieder zu Zusammenstößen und "Passen Sie doch auf"s von anderen Passantinnen und Passanten, oder dazu, dass man in die völlig falsche Richtung läuft.

Der moderne Mensch wäre allerdings nicht der moderne Mensch, wenn er dafür nicht auch eine Lösung finden würde. In diesem Fall heißt die Lösung: Smombie-Sonderspur. Und die litauische Hauptstadt Vilnius hat sie jetzt. (Merkur)

In Vilnius gibt es nun einen 300 Meter langen Gehweg mit weißen Pfeilen auf dem Boden, die Fußgängerinnen und -gängern den Weg weisen. Kein Aufblicken vom Smartphone nötig. Toll.