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Wir haben uns in Barcelona, Buenos Aires, Tel Aviv, Moskau, Shanghai und Beirut umgehört.

Barcelona

Tiefe Krise, lautes Geschrei

"In-Inde-Independencia" schallt es während vieler Fußballspiele des FC Barcelona durch das riesige Stadion. Es ist der Ruf nach Unabhängigkeit von Spanien, vorgetragen im Symbol des katalanischen Stolzes. Genau 17 Minuten und 14 Sekunden nach Spielbeginn rufen die Zuschauer, so gedenken die Katalanen der Kapitulation Barcelonas im Jahr 1714 – dem Beginn des zentralistischen Spaniens von heute.

Für Unabhängigkeit demonstrieren manche Katalanen quasi jeden Tag – und sei es nur durch die gelegentliche Weigerung, Spaniern ihren "Café Con Leche" zu bringen, falls sie nicht Katalanisch reden und einen "Cafè Amb Llet" bestellen. Der Kampf für einen eigenen katalanischen Staat oder auch nur für mehr Selbstverwaltungsrechte schwingt in alltäglichen Unterhaltungen mit, er belastet Familien und Freundschaften.

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Nicht alle Katalanen wollen sich von Spanien abspalten, aber es sind viele. Einmal im Jahr, am 11. September, zeigen die Separatisten der Welt, wie viele es sind. Dann demonstrieren Hunderttausende am katalanischen Nationalfeiertag in den Straßen Barcelonas. Von den Balkonen hängen noch Tage später die Flaggen der Unabhängigkeitsbefürworter.

Ab 2011 protestierten junge Spanier im ganzen Land gegen den Sparkurs der Regierung, gegen korrupte Politiker und die Enteignung von Hausbesitzern, die ihre Kredite nicht mehr abzahlen konnten. Der Name der Bewegung: "Indignados", die Empörten.

Diese zwei jungen Frauen gingen 2011 in Barcelona für die "Indignados-Bewegung" auf die Straße. (Bild: dpa / Marta Perez)

Seitdem haben sich auch die Sitten bei Demonstrationen verschärft: In sogenannten Escraches wird mit Musik und Geschrei gegen Personen oder eine bestimmte Politik protestiert – stets unangemeldet und oft vor den Häusern von Politikern. Ursprünglich kommt diese verschärfte Form der Demonstration aus Südamerika, in Spanien drohen dafür mittlerweile empfindliche Strafen.

In Barcelona erinnern seit 2011 jedes Jahr Demonstrationen an die "Indignados-Bewegung" – wie hier 2013. (Bild: dpa / Alejandro Garcia)

Als Reaktion auf die vielen großen Demonstrationen in der Krise hat die konservative Regierung die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit ohnehin eingeschränkt (bento). So stehen Proteste am Vorabend der Wahl genauso unter Strafe wie Demonstrationen, die eine "wichtige Infrastruktur" gefährden. (Steffen Lüdke)

Buenos Aires

Straßensperren als Wunderwaffe bei Streiks
Im März dieses Jahres gingen Argentinier in Buenos Aires auf die Straße, um dem Ende der Diktatur zu gedenken.(Bild: dpa / Javier Gallardo)

In Argentinien gibt es keine geregelte Protestkultur wie in Deutschland. Demonstriert wird aber trotzdem und auch ziemlich oft: gegen Korruption, zu niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen.

Eine Dauer-Demo findet auf der "Plaza de Mayo" vor dem Regierungsgebäude statt: Die "Mütter der Plaza de Mayo" demonstrieren dort für die Aufklärung der Verbrechen während der argentinischen Militärdiktatur. Männer und Frauen sind damals spurlos verschwunden.

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Am häufigsten wird in Argentinien jedoch durch Verkehrssperren protestiert, die "cortes" oder "piquetes" genannt werden.

Als im vergangenen Sommer die Temperaturen über die 40-Grad-Marke kletterten und die Menschen ihre Klimaanlagen auf die höchste Stufe stellten, brach die Stromversorgung in ganzen Stadtvierteln zusammen. Stundenlang blockierten die Betroffenen aus Protest Straßen und Brücken und zündeten Autoreifen an. Die Demonstrationen legten den Verkehr in der ganzen Stadt lahm.

Der "Plaza de Mayo" in Buenos Aires ist im März 2016 bei den Protesten gegen die Diktatur vor 40 Jahren voller Demonstranten.(Bild: dpa / Javier Gallardo)

Ein anderer Protest: Als der größte Geflügelbetrieb des Landes pleite zu gehen drohte und die Regierung nicht zur Hilfe kam, sperrten Demonstranten die Autobahn nach "Ezeiza", dem größten internationalen Flughafen der Stadt.

Reisende mussten ihre Koffer die letzten Kilometer über die leere Autobahn bis zum Flughafen schleppen. Die Kirchner-Regierung lies die "piquetes" nicht räumen, weil ihrer Meinung nach soziale Proteste nicht unterdrückt werden dürfen.

Unter dem neuen Präsidenten Mauricio Macri wird sich das nun ändern. Macri hat angekündigt, solche Proteste nicht mehr zu dulden. Nach dieser Ansage gab es natürlich erstmal Demonstrationen. (Carolina Torres)

Tel Aviv

Viele, aber meist friedliche Proteste
In Tel Aviv gingen Ende 2015 israelische Demonstranten auf die Straße, um für eine Zwei-Staaten-Lösung zu demonstrieren. (Bild: dpa / Abir Sultan)

Auf den ersten Blick bemerkt man in Tel Aviv nicht, dass man sich in einer Krisenregion befindet. Würden die Einheimischen einen nicht ständig daran erinnern. Ein Smalltalk im Taxi, ein kleiner Flirt im Café – und plötzlich steckt man mitten in einer politischen Diskussion.

Fast jeder hat starke politische Überzeugungen, und niemand scheut sich, diese zu verteidigen. Israelis diskutieren nicht nur, sie tragen ihre Meinung auch gern auf die Straße. Und nicht immer geht es bei den Protesten um den israelisch-palästinensischen Konflikt.

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Im Sommer 2011 etwa protestierten Hunderttausende in Tel Aviv wochenlang gegen die hohen Lebenshaltungskosten, und Hunderte campierten wochenlang auf dem feinen Rothschild-Boulevard. Ein richtiges Protest-Festival wurde daraus, mit Live-Konzerten und Diskussionsrunden. Im vergangenen Jahr protestierten außerdem hunderte Israelis mit äthiopischen Wurzeln gegen Diskriminierung.

Ab und zu kam es in der Vergangenheit auch zu Zusammenstößen mit der Polizei, meistens verlaufen Proteste in Tel Aviv aber friedlich.

Dass das nicht immer so war, daran erinnert der Rabin-Platz, ein beliebter Ort für Proteste und Kundgebungen im Herzen der Stadt. 1995 versammelten sich hier Tausende, um ihre Unterstützung für die Oslo-Verträge auszudrücken, die den Friedensprozess mit den Palästinensern einleiten sollten.

Migranten aus Afrika demonstrierten 2014 für eine Verbesserung ihrer Lage in Tel Aviv. (Bild: dpa / Jim Hollander)

Jizchak Rabin, der damalige Ministerpräsident, der die Verträge unterzeichnet hatte, hielt eine Rede – und wurde direkt danach von einem israelischen Rechtsextremen erschossen. Der Platz wurde anschließend nach Rabin benannt.

Der 20. Jahrestag des Mordes stieß eine weitere Demonstration an: Hunderttausende versammelten sich im Herbst 2015 auf dem Platz, um Rabins Andenken zu ehren. (Mareike Enghusen)

Moskau

Von der Demo ins Gefängnis
Über 90.000 Menschen waren am 1. Mai auf den Straßen Moskau und haben protestiert.(Bild: dpa / Sergei Ilnitsky)

2011 und 2012 gingen hunderttausende Russen auf die Straße, um gegen gefälschte Wahlen im Land zu protestieren. Die Protestbewegung bekam den Namen "Weißes Band" – nach den weißen Schleifen, die die Demonstranten trugen. Sie war eine der größten Protestbewegungen in der jüngsten Geschichte Russlands. Die größten Demos fanden in Moskau statt – auch viele junge Leute gingen damals auf die Straßen.

Demonstranten mit den kommunistischen Symbolen Hammer und Sichel während einer Demonstration zum 1. Mai 2016 in Moskau. (Bild: dpa / Maxim Shipenkov)

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Zahlreiche Demonstranten klagten damals über die Übergriffe der Polizei und unrechtmäßige Verhaftungen. Nachdem Putin trotz der Proteste das Präsidentenamt antrat, wurde das Demonstrationsgesetz mehrmals verschärft.

Seit 2014 gilt zum Beispiel: Wer als Privatperson an einer nicht genehmigten Kundgebung teilnimmt, muss mit Geldbußen von umgerechnet bis zu 290 Euro rechnen oder 15 Tagen Freiheitsentzug. Eine Privatperson, die wiederholt bei einer solchen Veranstaltung erwischt wird, kann zu einer Geldstrafe von 300.000 Rubel (4.240 Euro) verurteilt werden, oder mit bis zu 30 Tagen Freiheitsentzug.

Verglichen mit den "Weißes Band"-Protesten sind die Demonstrationen gegen die Regierung heute kleiner geworden und vorsichtiger. (Wlada Kolosowa)

Shanghai

Stumme Proteste
Große Demonstrationen wie diese gegen Japan im April 2005 sind selten in Shanghai.

In China gibt es keine Demonstrationen. Zumindest sagt das die chinesische Regierung. Es gibt lediglich "Massenvorfälle". Protest in China ist möglich, aber er folgt ganz bestimmten Regeln, die nirgendwo stehen, die aber jeder kennt.

Zum Einen müssen die Protestierenden eine klare Forderung haben, wie etwa höhere Löhne oder die Verhinderung eines bestimmten Bauprojekts. Diese Art von Demonstrationen werden angemeldet und genehmigt. Proteste für abstraktere Themen wie Menschenrechte oder Pressefreiheit werden nicht genehmigt.

Eine weitere ungeschriebene Regel: Es dürfen bei Demonstrationen keine Parolen gerufen werden, Protestmärsche laufen deshalb meistens stumm ab.

Nur diejenigen dürfen protestieren, die selbst betroffen sind, etwa von einem Bauprojekt. Nationalen Protestgruppen ist es nicht erlaubt, sich miteinander zu vernetzen.

Die Demonstranten haben im April 2005 auch japanische Geschäfte und Restaurants in Shanghai angegriffen.(Bild: Getty Images / Andrew Wong)

Am häufigsten wird in Shanghai gegen Umweltprobleme demonstriert. 2012 haben 10.000 Menschen gegen eine geplante Müllverbrennungsanlage protestiert. Die Demo fand im Viertel Songjiang statt, die Menschen marschierten zum lokalen Umweltministerium.

Bei Demonstrationen neue Rechte einzufordern, das ist in Shanghai verboten. Es darf nur für Rechte protestiert werden, die man theoretisch schon hat, aber die einem nicht zugestanden werden. Traut man sich doch nach Wandel zu schreien, zählt man zu den Dissidenten.

Wie etwa der Künstler Ai Weiwei oder der chinesische Schriftsteller Liu Xiaobo. 2008 verfasste Xiaobo mit anderen Regimekritikern die "Charta 08", ein Manifest, das zu umfassenden Reformen des Systems aufrief. Xiaobo wurde noch im selben Jahr festgenommen und 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt. 2010 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Ein älterer Bewohner protestiert 2006 dagegen, dass sein Dorf für die Expo geräumt werden soll. (Bild: Getty Images / China Fotos)

Organisiert werden Proteste in Shanghai wie auch im Rest Chinas über soziale Medien. Geplant werden die Demonstrationen häufig über die Plattform Weibo oder über den Chat QQ. Weibo und QQ werden jedoch streng von der chinesischen Internetpolizei kontrolliert. Gruppenchats, in denen Demonstrationen geplant werden, werden oft blockiert. (Carolina Torres)

Beirut

Gegen den Müll
Unter dem Motto "You Stink" gingen 2015 und 2016 verärgerte Bürger auf die Straße, um gegen die Müllsituation in Beirut zu protestieren.

2011 protestierten hunderttausende Menschen in der arabischen Welt gegen autoritäre Herrscher. In vielen Ländern endete der Ruf nach Veränderung im Desaster. Aus der Revolution in Ägypten ist ein neues, autoritäres Regime erwachsen, aus den Volksaufständen in Syrien und Jemen blutige Bürgerkriege.

Im Libanon hat 2011 kaum jemand demonstriert, obwohl es auch hier Korruption, Vetternwirtschaft und Ungerechtigkeiten anzuprangern gibt. Aber die Libanesen wissen, wie schnell politischer Protest in Gewalt umschlagen kann.

Die Erinnerung an den eigenen Bürgerkrieg sitzt tief. Er hatte das Land zwischen 1975 und 1990 zerrissen. Die Spuren kann man noch heute in Beirut sehen: Häuserfassaden haben Einschusslöcher und Ruinen aus dem Krieg ziehen sich durch das Stadtbild.

Ein weiterer Grund für die geringe Protestkultur liegt in der Loyalität der Menschen. Im Libanon leben 18 offiziell anerkannte Religionsgemeinschaften. Viele Libanesen sehen sich in erster Linie ihrer religiösen Gruppe verpflichtet – und dann erst dem Staat. Demonstrationen werden von Parteien instrumentalisiert, eine Kultur des Zusammenhalts gibt es selten.

Vergangenes Jahr zeigten sich die Libanesen ausnahmsweise mal solidarisch – als ihr Müll nicht mehr abgeholt wurde. Die größte Deponie des Landes war voll, und die korrupte Regierung hatte sich nicht auf eine neue Lösung einigen können. Christen, Schiiten und Sunniten protestierten gemeinsam, schleuderten den Mächtigen "You Stink!" entgegen.

Demonstranten mit der libanesischen Flagge in Beirut. (Bild: Getty Images / Salah Malkawi)

Und was tat die Regierung? Verschacherte den Müll außerhalb des Stadtzentrums und hoffte darauf, dass die Leute das Interesse am Protest verloren. Es funktionierte. Eine Lösung für das Müllproblem gibt es bis heute nicht. (Theresa Breuer)

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