Bild: Sebastián Cuevas
Wie viel davon vertragen Ruinen und Konzentrationslager überhaupt?

Wenn Sarah, 29, in den Urlaub fährt, will sie "nicht nur Strand machen", sagt sie. Sie will sich mit dem ganzen Balast der Geschichte eines Landes auseinandersetzen. Sie will aufsaugen, was an ihrem Reiseziel passierte. Egal was.

Urlaub an Kriegsschauplätzen und zwischen Gräbern, statt am Strand – was Sarah macht, gefällt immer mehr Reisenden. Und es hat einen Namen: Dark Tourism.

Eines von Sarahs jüngsten Zielen war besonders düster: der kleine Ort Brest an der weißrussischen Grenze. Im Zweiten Weltkrieg griffen hier die Nationalsozialisten die Rote Armee an, töteten Soldaten, richteten ein Massaker mit tausenden Toten an. Vor allem Jüdinnen und Juden.

Sarah im Rote-Armee-Museum in Minsk.

(Bild: Sarah Gädig)

Heute erinnern ein Mahnmal und ein Museum an die Tat, Sarah war dort. "Der Bombenhall dröhnt zwischen den Mauerresten aus Lautsprechern", sagt sie, wohl gefühlt habe sie sich dennoch. Weißrussland gilt als letzte Diktatur Europas. Sarah sagt, das Land sei überraschend offen, modern und arbeite an seiner Vergangenheit.

Was ist dunkler Tourismus?

Den Begriff "Dark Tourism" erfanden zwei amerikanische Tourismusforscher vor 20 Jahren. Sie hatten beobachtet, dass immer mehr Menschen Orte besuchten, die Tod und Unglück erinnern. Konzentrationslager, aber auch Kriegsfelder und Orte, die mit der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy in Verbindung standen.

Oft hatten die Reisen den Anschein, der Bildung zu dienen. Die beiden fragten: Ist das ethisch vertretbar? Wie wird ein Ort zum Ziel von "Dark Tourism"? Wie sollten die Anwohner damit umgehen? Eine wichtige Frage haben die beiden bereits beantwortet: Bevor ein Ort zum Ziel von Dark Tourism wird, gab es meist einen medialen Hype darum.

Einen Hype gibt es auch derzeit.

Für die Netflix-Dokureihe "Dark Tourist" besuchte der Journalist David Farrier im vergangenen Jahr makabere Reiseziele. Er machte eine Tour durch das kolumbianische Viertel, aus dem Drogenboss Pablo Escobar kommt, besuchte ein Haus, das Mordschauplatz war. Außerdem fuhr er ins radioaktiv verseuchte Fukushima.

Eine weitere Serie gab dem Thema auftrieb: Nachdem der US-Sender HBO kürzlich "Chernobyl" ausstrahlte, reisten Influencer plötzlich ins nuklear verseuchte Sperrgebiet und die nahe Geisterstadt Prypjat .

Doch mit dem Hype kommen auch die Probleme.

Und hier setzt Christian Eckerts Job an. Der 30-jährige Tourismusforscher promoviert an der Uni Eichstädt-Ingolstadt zum Thema Dark Tourism – und fährt gerne selbst an düstere Orte. "Ich bereise ein Land, um es besser zu verstehen – und die düsteren Kapitel seiner Vergangenheit prägen das Land nun mal mit."

Was treibt die dunklen Touristen an? Christian sagt: "Es gibt zwar jene, die den Kick suchen und eine morbide Neugier stillen wollen. Es gibt aber auch viele andere, die sehr reflektiert Orte besuchen." Darin liegt auch das Problem: Denn Dark Tourism hat eigentlich keine einheitliche Definition.

Ist es schon düster, eine Favela zu besuchen oder erst, in ein aktives Kriegsgebiet zu fahren? In Christians Forschung versteht unter "Dark Tourism" vor allem Orte mit schrecklicher Geschichte. "Menschen, die sich auf Reisen bewusst oder unbewusst mit Tod und menschlichem Leid auseinandersetzen." Besuche im Konzentrationslager zählen dazu.

Eigentlich sind wir alle 'dark tourists' – denn fast jeder sah sich im Urlaub schon mal mit einem Ort konfrontiert, an dem etwas Schreckliches passiert ist.

Trotz Netflix-Hype gibt es auch gar keine "Dark Tourism"-Community, sagt Christian.

Trotz Hype gebe es kaum organisierte Gruppen, sagt Christian. Das könnte auch daran liegen, dass wenige das eigene Reiseverhalten als düsteres Hobby bezeichnen wollen.

Christian hat selbst erst darüber nachgedacht, als er 2011 am Ground Zero in New York stand. "Ich war zu Weihnachten dort, also in der Feriensaison – und das war sehr gewöhnungsbedürftig." Viele Touristinnen und Touristen hätten Selfiesticks gehabt und sich vor den Tafeln mit den eingravierten Namen der Todesopfer fotografiert. "Die Hinterbliebenen finden das sicher nicht ganz so cool", sagt Christian.

Also Selfie oder kein Selfie? Das ist die Kernfrage des "Dark Tourism".

In seiner Forschung untersucht Christian, was Gedenkstätten und Tourismusbehörden tun müssen, um dem Ansturm junger düsterer Touristen zu begegnen. Auch in sozialen Medien. Selfies findet Christian "schwierig".

In Tschernobyl bitten mittlerweile die Reiseveranstalter, von Selbstinszenierung am Unglücksort abzusehen. Auf Instagram hatten sich immer mehr Influencer mit Spaßposen oder halbnackt vor dem Reaktor inszeniert. Auch die Macher der HBO-Serie forderten mehr Respekt. (BBC)

Auch der Satiriker Shahak Shapira hatte sich vor einiger Zeit  mit der Selfiekultur von "Dark Tourists" beschäftigt. Er montierte die Selfie-Posen mit historischen Fotos aus Konzentrationslagern zusammen – um zu zeigen, wie geschmacklos ein Selfie an einem Ort des Unglücks sein kann. "Yolocaust" nannte er seine Arbeit. (bento)

Einer, der schon vor Instagram ein "Dark Tourist" war, ist Sebastián Cuevas. Der 34-jährige Mexikaner bereist seit 15 Jahren die Welt, derzeit lebt er in Hamburg. Seine Reisen hält er im Blog "Between Distances" fest. Dort finden sich auch Bilder aus Tschernobly und Auschwitz, von Mumien aus Mexiko, Bunkern in Frankreich und verlassenen Sowjetcamps in Ostdeutschland.

"Ich habe schon viele Bilder von verlassenen Orten gemacht", sagt er. Seine Selfieregel:

Selfies im Konzentrationslager finde ich unangebracht. An anderen Orten, wie Bunkern, halte ich es für okay, wenn man respektvoll dabei bleibt.

Sebastián im mexikanischen Oaxaca.

(Bild: Sebastián Cuevas)

Wer respektvoll reist, kann mit "Dark Tourism" sogar konstruktiv sein.

Forscher Christian hat das in China erlebt. Er besuchte den Tiananmenplatz in Peking. Das chinesische Militär schlug dort 1989 eine studentische Protestbewegung nieder – mehr als 2000 Menschen sollen getötet worden sein.

In China wird das Ereignis totgeschwiegen. Viele junge Chinesen und Chinesinnen wüssten nicht, über welche historischen Steinplatten sie gerade laufen, sagt Christian. "Vor Ort weist nichts auf das Massaker hin, das ist sehr bedrückend."

Der Tiananmenplatz ist so nur einer von vielen Orten, die erst durch die Touristinnen mit Erinnerung aufgeladen werden. Besucht sie keiner mehr, werden sie vergessen. Vielleicht ist es auch das, was junge Menschen am "Dark Tourism" fasziniert: nicht die Suche nach Morbidem – sondern die Suche nach Geschichte. Und so werden die Orte des Schreckens nicht vergessen – sondern bleiben im kollektiven Gedächtnis.


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