Bild: Maria Kotylevskaja

Wieso in eine Bar gehen und dort teure Drinks schlürfen, wo man doch recht unkompliziert mit einem Astra für 1,20 € auf dem Gehsteig sitzen kann? Wenn Freunde mit Fremden auf den Straßen rumhängen, cornern nennt man das.

Ganz neu ist das Cornern nicht. Seit den vergangenen beiden Jahren ist es nur offenbar wieder besonders en vogue: Draußen statt drinnen. Günstiger ist es obendrein.

In der Fotostrecke: Cornern am Grünen Jäger in Hamburg
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Der Begriff "cornern" stammt aus der New Yorker Bronx. Dort, wo sich in den Achtzigern die Hip-Hop-Kultur entwickelte. Verfeindete Breakdance-Crews trafen sich an zentralen Straßenecken, um ihr Talent zu messen. Mit der heutigen Praxis hat das Ganze wohl nur noch die Straßenecke und den großen Auftritt gemein.

"Der beste Ort zum Cornern ist, wo deine besten Kumpels und so sind", sagt der deutsche Rapper MC Fitti. "Jeden Tag cornern von früh bis späti, hängen am Späti, hängen am Späti".

In Hamburg heißt der bekannteste Szene-Späti "Tabakbörse". Seit Herbst 2011 ist die Börse wieder im alten Gebäude ansässig, endlich. 2009 musste sie vorübergehend einer Gebäuderenovierung weichen. Der Laden brummt, vor allem zwischen Donnerstag und Sonntag. Manchmal muss man anstehen, um sein Heineken zu bezahlen.

Ist Cornern das bessere Clubben? Geht es nicht hier wie dort ums Sehen und Gesehen werden? Und muss man zwingend trinken, um dabei zu sein?

Wir waren cornern und haben gefragt: Warum hockt ihr hier so gerne rum?
Dennis, 21, Luisa, 21, und Anka, 21
(Bild: Maria Kotylevskaja)
Cornern ist zum Warmwerden. Entweder endet man halt besoffen auf der Straße – oder zieht weiter. Seitdem ich in Hamburg wohne, gibt es eigentlich nur eine Regel: Wenn's schön ist, dann geht man raus Bierchen trinken. Seit zwei Jahren geht es richtig heftig ab. Anwohner beschweren sich, weil die ganze Straße voll ist und sich die Leute dezent einen ansaufen. Wenn es schön ist, warum drinnen bleiben?

Anka
Kein Bock in REWE, ist zu weit weg. Lieber geh ich runter zum Späti ans Eck
Mc Fitti
Ich kenn das Wort gar nicht. Nachdem, was ich gehört habe, ist cornern so eine Art von Vortrinken. Draußen rumstehen und abhängen. Wichtig ist, den Pfand irgendwo hinzustellen, wo ihn andere finden. So verdienen sich Menschen etwas dazu.

Dennis
Melany, 33
(Bild: Maria Kotylevskaja)
Ich komme aus den USA, dort kann man nicht einfach auf die Straße gehen und etwas trinken. Heute feiere ich hier vor der Tabakbörse meinen Geburtstag. Ich war dieses Jahr besonders faul mit der Planung und habe einfach in die Einladung geschrieben: K-o-a-n-e-r--n? Ich habe den Begriff so geschrieben, wie er in Deutschland ausgesprochen wird. In den USA benutzen wir das Wort nicht. Am Cornern mag ich, dass man sich gut unterhalten kann, neue Leute kennenlernt – und keine Reservierung machen muss. Cornern ist hier, vor diesem Kiosk.

Feiern geht man, wenn die Nachbarn anfangen, sich zu beschweren.
Viktoria, 27
(Bild: Maria Kotylevskaja)
Früher hat man sich eher zuhause getroffen, und dann vorgeglüht. Jetzt ist es vor allem in den Sommermonaten so, dass man an der Schanze mit seinen Freunden vorcornert. Ist auch günstiger. Ich glaube trotzdem, dass die Menschen deshalb draußen sitzen, weil sie gesehen werden wollen. Es geht also letztlich um das Gleiche, wie im Klub: sehen und gesehen werden.
Merle, 20, mit ihrer Freundin Rosalie, 25
(Bild: Maria Kotylevskaja)
Ich cornere nur, wenn ich mit den Mädels hier unterwegs bin, ansonsten nicht. Ich kann das Phänomen nicht ganz nachvollziehen. In meiner Straße kommen die Autos gar nicht mehr durch, weil die ganzen Menschen auf der Straße sind. Dann denk ich mir: Wieso geht ihr nicht in eine Bar, eine Ecke weiter und setzt euch dort auf einen Stuhl? Die holen sich einen Drink in der Bar und setzen sich dann wieder draußen auf den Boden.

Merle
Matthias, 30 und seine Crew
(Bild: Maria Kotylevskaja)
Wichtig ist zu wissen, was cornern nicht ist. Unsere Crew bleibt nach der Skate-Session einfach dort, wo wir geskatet haben, und betrinkt sich. Das ist relativ normal. Da gibt es keinen Corner, das hier ist ein Skate-Park. Das ist kein Ort, wo man sich zum Cornern trifft. Nicht-Cornern ist es auch, sich irgendwo zu treffen und zu wissen, dass man dort als exklusive Gruppe auftritt. Auch heute sind andere Leute hier im Park, die feiern aber einen Geburtstag. Das ist nicht cornern. Cornern ist am Grünen Jäger. Da ist man, dort sitzt man und weiß: Auch andere Leute finden Platz am Bordstein. Das ist cornern.
Noki, 24, Alex, 23, Luise, 24, Kotoba, 25, und Nadine, 25
Ich habe noch nie fremde Menschen so richtig kennengelernt beim Cornern. Man lernt sie natürlich temporär kennen und vielleicht wird auch eine klasse Freundschaft draus, aber das ist mir jetzt noch nicht passiert. Ich corner nicht allzu oft, muss sich sagen.

Noki
Sortiment ist top, Auswahl ist krank. Jedes Bier der Welt im 10-Meter-Kühlschrank
Mc Fitti
Also ich habe die beiden Jungs hier heute beim Cornern kennengelernt. Auch gestern habe ich jemanden kennengelernt, wir saßen am Fenster in der Bar. Mit dem Cornern angefangen habe ich mit 15.

Luise

Oft sind die Bars so voll, dass man sich drinnen gar nicht mehr aufhalten will und deswegen geht man dann raus, weil man nicht eingeengt sein möchte.

Nadine
Susan, 31 und Pamela, 33
Ich hab's schon oft mitgemacht, kannte den Begriff aber gar nicht. Ich weiß nicht, ob cornern eine bewusste Rebellion ist. Ich glaube eher, dass sich das natürlich entwickelt hat, weil die Leute keinen Bock oder keine Kapazitäten mehr hatten, jeden Abend einen Fuffi im Club auszugeben. Cornern ist eine witzige Alternative, gerade in den Sommermonaten ist das total entspannt. Die Clubs sind hier nämlich übertrieben stickig. Sobald das Wetter wärmer wird, tropft es von der Decke.

Susan
Chipsletten, Gummikram, Cola oder Sekt. Hier ist Hood-Paradies, Späti ist der Shit
Mc Fitti
Ich komme aus Bremen, dort wurden die Autos eine Zeit lang von der Straße verdrängt, weil die Leute angefangen haben, sich an der zentralen Kreuzung auf die Straße zu setzen und den Bereich zu sperren. Die Fußgänger haben sich so als Partyvolk den Raum zurückerobert. Cornern ist dabei nicht zwingend mit Alkohol verbunden, aber wohl mit anderen Leuten. Die Mädels, die gerade schwanger sind, cornern ja auch mit, und trinken dann alkoholfreies Bier. Nur alleine cornern ist ziemlich schwierig.

Pamela
Was haben wir heute vom Leben gelernt?

Ein Ersatz für den Club ist cornern nicht. Einen schönen Abend hat man im besten Fall trotzdem.


Haha

Väter bauen Türme aus Cheerios auf ihren Babys
Süß und sinnvoll!

Wer schafft es, die meisten Cheerios auf den Kopf seines schlafenden Babys zu türmen?

Väter auf der ganzen Welt vertreiben sich ihre Zeit gerade damit, genau das herauszufinden. Während ihre Kinder ein Nickerchen abhalten, rennen sie in die Küche, holen die Packung mit den Cerealien aus dem Schrank und dann geht es los: höher, schneller, weiter.