Bild: Anna-Johanna Arbogast
"Ich will nicht nach Berlin“, sangen Kraftklub 2012. "Je tiens à Berlin“, schallt es jetzt aus Paris zurück.

Mauern voller Graffiti, ein Tor mit Türstehern - dieser Ort am Rande von Paris muss irgendwie wichtig sein, auch wenn er ganz unscheinbar daher kommt. Wer die Tür passiert und die Treppe hinabsteigt, der erlebt, wie sich Paris in Berlin verwandelt. Oder das, was sich wie Berlin anfühlen soll.

Früher einmal ratterten hier die Wagen der französischen Bahn SNCF über die Gleise, heute pumpen DJs Elektrobeats durch das alte Industriegelände, heute heißt es "Ground Control“, ein Open-Air-Club. Einige tanzen, anderen gefällt einfach die Atmosphäre, sie wollen nicht feiern, sie wollen sich mit Freunden treffen und unterhalten. Die sonst so herausgeputzten Pariser Nachtschwärmer sitzen zwischen den Schienen in Liegestühlen oder auf dem Boden.

Die französische Metropole ist bekannt für Schickeria und Eleganz, für Stuck und Prunk, und trotzdem sind inzwischen auch viele Franzosen dem Charme von Industriebaracken verfallen. Diesen besonderen Charme, den Berlin bekannt und groß gemacht hat. Weltweit haben viele Bars, Clubs und Cafés den Berliner Style schon kopiert, mal mehr, mal weniger gut.

Auch in Paris berichten seit einiger Zeit Szenemagazine und -blogs immer wieder über neue Adressen à la berlinoise. So eröffnete im Ausgehviertel um Bastille erst kürzlich “Le Berliner“, eine Bar mit dem Cocktail Bourbon der Visionaere, Club-Mate und Proviant Berlin, dazu gibts Currywurst und einen Schwarz-Weiß-Fotoautomaten.

Hühnerstall mit Kronleuchter und Fernseher(Bild: Anna-Johanna Arbogast)

“Radio FG“, der Pionier für elektronische Tanzmusik im französischen Radio, überträgt samstagnachts aus Berliner Clubs und holt Berliner DJs zu Events nach Paris. Im vergangenen Jahr eröffnete das “La Recyclerie“, ursprünglich ein alter Bahnhof, heute eine Bar ohne viel Schnickschnack. Und Ende Mai startete Denis Legat das “Ground Control“. In Berlin, sagt Legat, gebe es viel zu viele solcher Plätze. In Paris hingegen sei es eine Rarität – deswegen so richtig underground und viel echter.

Julie, 30, mit Yolande, 27: "Es gibt viel Platz, nichts ist genormt, das ist doch typisch Berlin“(Bild: Anna-Johanna Arbogast)

Im "Ground Control“ finden tagsüber Workshops statt, beliebt sind die kostenlosen Yoga-Kurse, manchmal werden hier aber auch Haare geschnitten oder Tattoos gestochen. Außerdem gibt es einen urbanen Kräuter- und Gemüsegarten, daneben einen Hühnerstall mit Kronleuchter und Fernseher.

Alexis und Léa, beide 23, mit Victorine, 24: "So viele verrückte und originelle Leute wie hier gibt es sonst nur in Berlin“(Bild: Anna-Johanna Arbogast)

Hier genießen Alexis, Léa und Victorine die letzten Sonnenstrahlen bei einem kühlen Bier. Es seien so viele verrückte Leute unterwegs wie in Berlin, da treffe sie auf Gleichgesinnte, sagt Léa. Victorine und Alexis stimmen zu: Hier seien die Menschen individuell, nicht so arrogant und krampfhaft schick. Es wimmelt nur so von Hipstern und sogenannten “Bobos“, den “bourgeois-bohémiens“: alternativ angehauchten Wohlstandsbürgern und Möchtegern-Bohémiens in gleichförmiger Individualität.

Urbaner Kräuter- und Gemüsegarten auf dem alten Bahngelände (Bild: Anna-Johanna Arbogast)

Julie und Yolande mögen das, sie kommen regelmäßig ins “Ground Control“, um aufzuatmen und abzuschalten. Auf dem mehr als drei Hektar großen Bahngelände ist viel Platz – eine Seltenheit im meist überfüllten und dicht bebauten Paris. Aber nicht nur deswegen sei dieser Ort so typisch Berlin, sagt Yolande. Hier sei es nicht so steril wie in den meisten Clubs, die doch alle gleich wären. Der Putz bröckelt, Rost frisst sich durch die Gleise, der Lack ist ab. Das ist nicht schlimm, sondern erwünscht – schön unkonventionell. Das schreie nach Freiheit und fühle sich so herrlich anders an, ergänzt Julie, da komme die Entspannung von ganz alleine.

Die Stimmung ist gut, es wird viel gelacht. Und der Großstadtlärm der französischen Hauptstadt ist plötzlich weit weg.