"Oh mein Gott! Du bist aus Budapest? Ich liebe Budapest! Es ist so schön da und voll billig!"

Ich bin in Moskau geboren, in Budapest aufgewachsen und habe in Deutschland Freie Kunst studiert. In den Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe, habe ich diese Sätze oft gehört. Praktisch jedes Mal, wenn ich jemand neues kennenlernte, durfte ich mir anhören, warum alle Budapest "liiieben". Die Gründe waren immer eine Variation von "schön und billig".

Anna Azarova

Anna Azarova ist in Budapest aufgewachsen, hat in Freiburg studiert und lebt heute in Warschau. Die Autorin hat diesen Text auf Englisch verfasst, wir haben ihn übersetzt.

Anfangs war ich geschmeichelt, dass meine Stadt so bekannt und beliebt ist. Die meisten bringen Orte in Osteuropa mit Armut und autoritären Regimen in Verbindung. Es war erfrischend, mal andere Assoziationen zu hören. Und ein guter Eisbrecher für weitere Gespräche.

Aber bald war ich genervt vom ständigen "Es ist so billig, ich liebe es!". Erstens, war Budapest für mich nie billig. Und ich fragte mich: Warum ist euch das so wichtig? Ist das Billgsein der Hauptgrund, warum euch meine Stadt gefällt? 

Ich vermute, die Antwort ist: Nein. Ihr liebt Budapest wegen seiner reichen Geschichte und dem pulsierenden Kulturleben. Und vielleicht auch, weil es für euch als deutsche Touristinnen und Touristen einfacher ist, daran teilzuhaben als in Frankfurt oder Hamburg. Ich verstehe das: Wir alle wollen uns entspannen und Spaß in den Ferien haben, ohne jeden Euro zweimal umdrehen zu müssen.

Trotzdem: Nennt meine Heimat nicht "billig". Lasst mich erklären, warum.

Es geht nicht um Ungarn. Ihr könnt Budapest durch jede andere osteuropäische Stadt ersetzen: Prag, Warschau, Kiew, Tiflis. Billig wird immer eines der ersten Dinge sein, die junge Deutsche über Osteuropa sagen – und daran mögen.

Dabei ist das Leben hier überhaupt nicht billig: In Budapest liegt das Durchschnittseinkommen bei 650 Euro, die Miete bei 470 Euro. Nach meinem Ticket, der Versicherung und der Pille habe ich 110 Euro für Lebensmittel übrig. Das ist weniger als das, was ihr hier für ein langes Wochenende ausgebt.

Wenn ihr also "billig" sagt, meint ihr: Billig für euch. 

Ihr meint, ihr hattet eine gute Zeit: Essen, Alkohol, Taxi, Unterkunft. Ihr konntet alles kaufen und für ein paar Tage im Luxus, oder zumindest sehr komfortabel, leben. Anders als bei euch zu Hause, wo diese Dinge nicht billig sind. Es ist dieser Rausch der Macht, den ihr mit dem Drei-Tages-Trip nach Budapest gekauft habt.

In Osteuropa könnt ihr jemand sein, der ihr zu Hause nicht so einfach sein könnt. Wenn ihr also sagt: Es ist billig, ich liebe es! Dann meint ihr: Ich mag die Umwertung meines Geldes. Ich mag es, wie es mich auf einmal von anderen unterscheidet. Ich liebe es, dass mein Geld hier so viel wert ist, dass es einfach wird, zumindest zeitweise Dinge zu besitzen: ein Loft in der Innenstadt, ein schickes Restaurant, ein extravaganter Cocktail. Je "billiger" ein Land ist, desto einfacher ist es, ganz oben zu sein. "Billig" steht also für eine Transaktion. Wenn es euch hier gefällt, dass es billig ist, bedeutet das, es gefällt euch, dass ihr reicher seid als wir.

Aber: Dass Osteuropa "billig" ist, hat strukturelle Gründe.

Die Löhne bei uns sind niedrig, die Steuern sind hoch, und sogar noch höher, wenn man arm ist, die Arbeitnehmerrechte sind schwach. Knapper Wohnraum in Städten macht das Leben ziemlich teuer. Daran hat auch der Tourismus seinen Anteil. Unregulierter Airbnb-Massentourismus verschärft die Gentrifizierung. Touristen können sich in glänzenden Appartements im Stadtzentrum niederlassen, während sich die Einheimischen in die Hochhäuser an der Peripherie zurückziehen.

Dass unsere Länder arm sind und eure reich, hat auch politische Gründe. Da ist zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie. Ein erheblicher Teil der ungarischen Wirtschaft sind deutsche Autofabriken. Sie bleiben in Ungarn, weil die Regierung verspricht, niedrige Löhne, schwache Arbeitnehmerrechte und niedrige Unternehmenssteuern aufrechtzuerhalten. All das schadet ungarischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – und die wirtschaftliche und politische Elite in Deutschland und Ungarn profitiert. Daher kann man eure kostbaren Euros nicht von unseren Hryvnias und Forints trennen. Die EU wird auch reicher, weil wir arm sind.

Die Geschichte vom "billigen" Osteuropa ist nicht neu.

Es gab sie schon, als die sieben ehemals sozialistischen Ländern der EU beitraten. Viele Europäerinnen und Europäer blickten erstmals nach Osten und verstanden, dass wir dazugehören. Die Berichterstattung der westlichen Medien über den EU-Beitritt zeigte damals dieselben Bilder, die heute noch in den Köpfen sind.

Die Motive waren Andersartigkeit, Wildnis, die Entdeckung verlangte, und ein reiches Vokabular von: billig. Billig-Unternehmer, Billig-Pilze und Billig-Brüste (Zeit Online/Welt/SPIEGEL ONLINE). Fünfzehn Jahre später setzt die Mainstream-Reiseberichterstattung das fort: Zum Beispiel im Calvert Journal, dem angesagtesten englischsprachigen Magazin über Osteuropa, Russland und den Kaukasus. Immer wieder wird erwähnt, wie billig diese coolen Städte sind, die man unbedingt gesehen haben muss.

Auch in deutschen Medien hält sich das Wort. Das "Handeslblatt" betitelt einen Artikel über Reisen nach Osteuropa mit "Gefragt ist warm und billig". Die "WELT" schwärmt, Bulgarien sei sogar noch "billiger als die Türkei". Die "Süddeutsche" warnt vor "Billig-Urlaub" an der Schwarzmeerküste – schlechter Service, schmutzige Zimmer.

Ich schlage vor, dass ihr das Wort einfach aus euren Osteuropa-Storys streicht.

Denkt an euer eigenes Land: Es geht euch nicht so leicht über die Lippen, Halle und Dresden "billig" zu nennen. Denn ihr wisst genau, warum es dort so billig ist. Ihr versteht, dass das mit der DDR zu tun hat, mit der sozialen Ungleichheit nach der Wiedervereinigung. Ihr wisst, dass das Billigsein in direkter Verbindung steht mit Armut und Diktatur.

Ich verstehe das: Gerade als Studentin ist es schön, an andere, neue Orte zu fahren. Reisen zu können, obwohl man chronisch pleite ist. Aber denkt darüber nach, wie ihr darüber sprecht – und warum es euch so wichtig ist, das Geld ständig zu betonen.

Wenn ihr unbedingt über den Preis eurer Reisen sprechen wollt, wie wäre es mit: "bezahlbar"?

Der Unterschied liegt nicht in den Worten, sondern in dem, was sie beschreiben. "Billig" beschreibt uns – von außen und aus einer überlegenen Perspektive. "Bezahlbar" beschreibt euch. Statt "Es gefällt mir hier, weil ihr alle arm seid", sagt es "Es gefällt mir hier, weil ich genügend Geld habe". Es bedeutet, das ihr die politische und ökonomische Ungleichheit versteht. Es beinhaltet Selbstreflexion und gibt uns Raum für ein bisschen Würde. 


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