Stau, dicke Karren und verrückte Menschen!

Wir sitzen stundenlang mit Fremden auf kleinstem Raum, können nicht einfach gehen, wenn wir Angst haben, wenn wir wütend werden, wenn uns schlecht wird. Wir tun es, weil es wenig kostet. Weil es aufregend ist. Weil wir oft auch nette neue Leute kennen lernen. Weil wir Geschichten erleben, die wir noch lang auf Partys erzählen können. 

Bei BlaBlaCar, dem größten Anbieter für Mitfahrgelegenheiten, werden an einem guten Wochenende mehr als 96.000 Fahrten angeboten. Zehntausende Unbekannte begegnen sich zum ersten Mal auf der Rückbank eines Kleinwagens, Knie scheuert an Knie, im Nacken drückt die Reisetasche, das Navi zeigt noch 276 Kilometer Fahrt an. Genug Zeit für kleine große Abenteuer, die das Leben schreibt. 

Vier Menschen haben uns von ihren heftigsten Mitfahrtgelegenheiten erzählt. 

Chris: Hamburg – Bremen. Mit drei Prügelmaschinen 

Ich rollte auf den Parkplatz und da standen sie: drei Testosteronmonster in Jogginganzug mit dicken Armen und kahlrasierten Schädeln. Ich fuhr nach Bremen, sie wollten mit.

Wir landeten im Stau und hatten Zeit. Was ihr Grund für die Reise sei, wollte ich wissen. "Sie seien sehr kontaktfreudig", antworteten sie. "Das heißt?", fragte ich. "Wir fahren nach Bremen, um uns mit anderen zu schlagen", sagte der eine. Alle drei grinsten.

(Bild: bento)

Das war also ihr Hobby. Am Wochenende auf Demonstrationen anderen möglichst heftig die Fresse zu polieren. Dafür gaben sie alles andere auf: keine Freundin, keine Party. Sie wollten nur auf eine Weise funktionieren: als durchtrainierte Prügelmaschinen.

Dafür waren sie in einem deutschlandweiten Netzwerk. Dort tauschten sie mit anderen Nachrichten über Demonstrationen aus, verabredeten sich zu Schlägereien – und buchten sich danach eine MFG über BlaBlaCar.

Heute fuhren sie mit mir. Ich war also ihr Chauffeur zu einer Straftat, dabei bin ich gegen Gewalt und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Das ging gegen meine Prinzipien und das sagte ich den Jungs auch. Wir diskutierten – aber ohne Ergebnis. Die Jungs hatten Bock auf Gewalt, ich nicht.  

Ich war jedenfalls froh, als sie in Bremen ausstiegen. Keine Ahnung, wie sie wieder zurückgekommen sind. Ich hätte sie auf jeden Fall nicht noch mal mitgenommen.

Linda: Bordeaux – Heidelberg. Mit wiederholtem Polizeibesuch

In meinem alten Feuerwehrbus entspannt von Frankreich nach Deutschland fahren, das war der Plan. Deswegen wollte ich auch nur vier Leute mitnehmen, ich hasse es selbst, wenn es so voll ist. Ein Bekannter hatte sich eingebucht, zwei Tage vor der Abfahrt meldete sich noch ein französisches Ehepaar, laut BlaBlaCar waren sie 55 Jahre alt. Wegen ihnen saß ich nach ein paar Stunden Autofahrt heulend am Straßenrand. 

Aber von vorn:

Langsam aber schön – das ist Lindas Auto

(Bild: bento)

Kurz vor der Abfahrt telefonierte ich mit ihnen und versuchte auf Deutsch, Englisch und gebrochenem Französisch zu erklären: Es sei genügend Platz für alle da, wir wären wegen des alten Feuerwehrautos aber sehr langsam unterwegs. Irgendwann hatten sie verstanden und wollten mit bis nach Mühlhausen. 

Als sie am Treffpunkt ankamen, rochen beide extrem nach Schweiß, hatten fiesen Mundgeruch und brabbelten etwas auf Französisch. Mein Bekannter konnte zwar gut Französisch, aber auch nicht weiterhelfen. Ich sagte ihnen noch mal, dass wir etwas länger brauchen. Kein Problem, sagten sie. Also ging es los.

Dann rief er die Polizei.
Linda

Bei der ersten großen Pause an einem einsamen Rastplatz drehte der Mann zum ersten Mal durch: Wenn wir nicht sofort etwas zu Essen fänden, würde seine Frau sterben. Sie habe Zucker. Danach rief er direkt die Polizei. Wir würden sie betrügen, sagte er. Warum sonst würden wir so langsam fahren? Hatte er mir überhaupt zugehört? Die Polizei beendete das Telefonat sehr schnell, wir fuhren weiter. 

Ich musste mit Enttäuschung feststellen, dass Ihr Unternehmen nicht den Zustand der Transportmittel Ihrer Fahrer überprüft. (...) Sie sagte, sie fährt ein Golf Cabrio und kam stattdessen mit einem Feuerwehrfahrzeug (...)

(Bild: bento)

Wir hielten noch mehrmals an Tankstellen. Sie warfen uns vor, wir würden sie entführen. Irgendwann erreichten wir Mühlhausen, dort wollten sie am Bahnhof rausgelassen werden oder an einer Haltestelle. Aber mein Navi konnte nur das Stadtzentrum finden. 

Irgendwo auf dem Weg dorthin konnte ich nicht mehr. Ich wollte diese Personen nicht mehr sehen. Also riss ich die Tür auf und sagte ihnen erst freundlich, dann bestimmt, dass hier jetzt Endstation sei.

Da schrieen beide rum: Sie würde hier nicht aussteigen, der Bahnhof sei das vereinbarte Ziel gewesen. Als er wieder die Polizei rief und sie anfing zu schreien: "Hilfe Hilfe, er schlägt mich!" – musste ich aus dem Auto raus. So kam es, dass ich heulend in einer Sackgasse in Mühlhausen saß. 

Linda

Schließlich kam die Polizei vorgefahren und vier Polizisten betraten die Straße. Sie hätten nichts von dem Feuerwehrauto gewusst, erzählte das Ehepaar. Sie sollten den Sprit selbst zahlen, empörten sie sich. Und es hätte im Auto nichts zu Essen oder zu Trinken gegeben! Zum Glück schüttelten die vier den Kopf und ließen meinen Bekannten und mich weiterfahren. 

Das Ehepaar blieb zurück. Ich weiß bis heute nicht, was mit den beiden passiert ist. Eine schlechte Bewertung habe ich natürlich trotzdem bekommen.

Jonathan: Neuss – Dax (Frankreich). Mit sehr viel Beinfreiheit

Viel zu spät hatte ich mich mal wieder um meine Reise gekümmert, dabei wollte ich mit einem Rucksack und zwei Surfbrettern an die französische Atlantikküste. Aber ich hatte Glück: Ich fand eine MFG für 100 Euro. Ob so viel Gepäck okay seien, fragt ich den Fahrer. "Klar, es ist genug Platz für fünf Leute und Gepäck", sagte er lapidar. Das hatte ich noch nie erlebt. Da wusste ich noch nicht, mit welchem Auto wir fahren würden.

Jonathan

(Bild: bento )

In Neuss am Treffpunkt bekam ich die Nachricht, dass der Fahrer nicht bis zum Bahnhof kommen könne. Das Auto würde das nicht schaffen. Genervt machte ich mich auf zum neuen Treffpunkt. Dort erwarteten mich zwei braungebrannte, riesige Männer. Ein paar Meter weiter stand eine weiße Stretchlimousine. Ob ich der Joni sei und mit nach Frankreich wollte, fragte mich der eine. "Schmeiß deine Bretter einfach hinten rein", sagte er – und deutete auf die Limousine.

Ich traute meinen Augen kaum: Damit sollte ich nach Frankreich fahren? Für nur 100 Euro? Hier war doch irgendwas falsch.

Schon mit dieser Limousine gefahren? Jonathan schon! 

(Bild: bento)

Es stellte sich heraus: Die beiden Jungs vermieteten Limousinen auf Lanzarote. Für sie war es günstiger, das Modell in Deutschland zu kaufen und auf die Insel zu fahren, als dort vor Ort eins zu bestellen. Mein Glück. Mit viel Platz und Beinfreiheit ging es nach Paris, wo wir noch zwei Spanierinnen einsammelten.

Dort musste ich ans Steuer. Ich konnte es nicht fassen: Ich fuhr eine Strechtlimousine über die Autobahn Frankreichs. Ich probierte alle Knöpfe aus, orderte über ein internes Telefon bei den Jungs hinten neue eisgekühlte Getränke und hatte die beste Autofahrt meines Lebens.

Nadin: Berlin – Köln. Mit einem Erpresser

Einmal quer durch Deutschland für 20 Euro? Da sagten mein damaliger Freund und ich nicht Nein, mehr konnten wir uns als Studenten nicht leisten. Also buchten wir die Fahrt über mitfahrgelegenheit.de. Im Nachhinein denke ich: Natürlich musste es einen Haken geben.

Nadin

Am Telefon schien der Fahrer, Michael hieß er, nett zu sein. Ja, es gebe noch zwei Plätze, ich sollte kurz vor der Abfahrt noch mal anrufen. Das tat ich, als ich am Berliner Hauptbahnhof angekommen war. Diesmal ging ein ganz anderer Mann ans Telefon. Ich verstand wenig, nur, dass wir zu einem weißen Minivan kommen sollten.

Wir waren skeptisch, stiegen aber ein.
Nadin

Dort warteten schon mehrere Leute, alle hatten mit Michael telefoniert. Aus dem Minivan stieg dann aber ein angeblicher Freund von Michael aus, er sollte uns nach Köln fahren. Wir waren skeptisch, stiegen aber ein. Es war heiß, die Klimaanlage war kaputt und das Fenster die ganze Zeit offen – das würde keine angenehme Fahrt werden.

Nach einer Stunde fuhr der Mann eine Raststätte bei Magdeburg an und sagte: "Fünf Euro Reserve für Platz jetzt. Nicht zahlen, aussteigen." Wollte er uns tatsächlich erpressen? "Ich habe aber gar kein Bargeld dabei!", sagte meine Sitznachbarin. Dann könne sie eben nicht weiterfahren.

Ich wollte mich nicht erpressen lassen, ich habe Verwandte in Magdeburg, bei denen hätte ich problemlos übernachten können. Aber mein Freund wollte nach Hause und überredete mich, den Aufpreis zu zahlen.

In Köln warteten schon die nächsten "Gäste" auf ihre Fahrt nach Berlin. Der Typ wollte wirklich sofort wieder  zurück, ich konnte es nicht fassen. Natürlich habe ich mich über diese Fahrt beschwert, eine Antwort steht bis heute aus. 

Danach fuhr ich erst mal wieder Bahn

Wir suchen deine MFG-Geschichte

Hast du dich während einer Autofahrt schon mal verliebt? Musstest du auf dem Parkplatz übernachten? Bist irgendwann angekommen – nur nicht am Ziel? Hast du neue Freunde gefunden?

Wir suchen Geschichten über besonders gute MFG-Momente. Schreib sie uns – an per E-Mail an fuehlen@bento.de. 

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Today

SPD-Abgeordneter rettet AfD-Mitarbeiter im Düsseldorfer Landtag das Leben

Der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel hat einem Mitarbeiter der AfD offenbar das Leben gerettet. Der Mann war bei einer Sitzung des Gesundheitsausschusses zusammengebrochen – der SPD-Abgeordnete Yüksel stellte bei dem Mann den Herzstillstand fest und führte anschließend erfolgreich eine Herzdruck-Massage durch. (WAZ)

Der wissenschaftliche Mitarbeiter der AfD sei während der Sitzung zunächst aufgestanden, ein paar Meter von seinem Platz weggegangen und dann zusammengebrochen, sagte Yüksel der "WAZ". 

Der SPD-Abgeordnete war bis zu seiner Wahl in den NRW-Landtag 15 Jahre lang Intensivpfleger – er erkannte sofort den ernsten Zustand des AfD-Referenten und begann mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. Die FDP-Abgeordnete Susanne Schneider, ebenfalls gelernte Krankenschwester, übernahm parallel die Mund-zu-Mund-Beatmung.

Nach einigen Minuten sei der Mann wieder ansprechbar gewesen. Er kam anschließend ins Krankenhaus. "Die Situation war für unseren Mitarbeiter sehr ernst", sagte ein AfD-Sprecher der Zeitung.