Bild: Britney Spears - Toxic
Mit Luxus hat das bitte nichts zu tun

Einmal im Jahr mit Mutti zum Flughafen. Gemütlich "Bunte" lesen am Gate. Sekt, noch vor dem Abflug: Das war einmal. Wer aktuell einen Pauschalurlaub im Süden plant, kommt um den Economy Sitzplatz in der überfüllten Billigairline schwer herum.

Am Tag des Abfluges sitzt man dann neben Dirk mit den breiten Schultern und klemmt die Arme zusammen, beim Anstreichen von überteuerten Designhostels im "Lonely Planet"-Reiseführer. Was für ein Spaß!

Wichtig ist, drei Stunden vor dem Abflug da zu sein. So kann man einerseits verbilligtes Parfüm auf Vorrat kaufen, andererseits auf die Ankündigung des richtigen Gates warten. Dieses wird an manchen Flughäfen ganze fünf Minuten vor Boarding bekannt gegeben, sodass man nur noch hoffen braucht, gerade nicht auf Toilette zu sitzen.

I fly like paper, get high like planes

Reisen ist für den weltoffenen Globetrotter zur Ersatzdroge geworden und hat mit dem Luxus von einst nichts mehr gemein. Raus aus dem Alltag™, Ziel egal. Erst mal schauen, wie die Flugpreise stehen. Diese ausgefuchste Strategie verfolgst nicht nur du.

Die Zahl der an deutschen Flughäfen abgefertigten Passagiere stieg von 104,7 Millionen im Jahr 2002 um mehr als 50 Prozent auf 158,7 Millionen im Jahr 2008. Rund 53 Millionen europäischer Passagiere beförderte die Fluggesellschaft Turkish Airlines im Jahr 2014. Bei RyanAir waren es 86 Millionen.

Die Kapazitäten an den Flughäfen, aber auch in Teilen des Luftraums, können nicht mit diesem Wachstum mithalten. Die Auswirkungen davon spürt man auf den Kniescheiben, die angenehm am Vordersitz scheuern. Und in variierenden Preisen. Früher konnte man den Check-In Schalter mit einem 45 Kilo schweren Koffer passieren, wenn man freundlich lächelte. Heute wird jede Socke extra verrechnet.

Web Check-In und dann funktioniert der QR-Code nicht

Weit verbreitet ist das Gerücht, es handle sich bei Flughäfen um hochtechnologisierte Stätten des postindustriellen Fortschrittes. Was diese Feststellung mit kostenpflichtigem WLAN zu tun hat, wurde bisher nicht eindeutig eruiert. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen: Die Menschheit bringt es zustande, einen internationalen Luftraum zu verwalten, scheitert aber daran, Passagieren im Jahre 2016 überall auf dem Gelände gratis Internet zur Verfügung zu stellen.

Pech, falls man seine E-Mails abrufen muss, weil die Speicherung der Boardkarte in Drive doch nicht so automatisch funktioniert hat wie erwartet. Da steht man also, vollbepackt und ausgedurstet, um unter Namen wie Herbert Bux 30 Minuten kostenloses WLAN freizuschalten. Ideal ist jener Moment, in den man dem Personal am Durchgangsschranken verzweifelt "It doesn’t work“ zuruft, weil man den fehlerhaften QR-Code bemerkt. Also wieder zurück zum Check-In, um sich das Ticket ausdrucken zu lassen. Analog.

If you catch me at the border I got visas in my name

Nicht zu unterschätzen sind die Momente der persönlichen Degradierung am Security Check. Nachdem man den fragwürdigen Nacktscanner über sich hat ergehen lassen, vergewissert sich das ebenso schlecht gelaunt wie bezahlte Sicherheitspersonal, dass man keine Waffe in der Skinnyjeans mitführt. Auch habe ich immer schon vorgehabt, etwaige Bomben in meinen Chelsea Boots zu transportieren.

Sofort bekomme ich das Gefühl, mich für mein Reisevorhaben entschuldigen zu müssen. Entschuldigung, ich muss hier anstehen. Entschuldigung, dass ich Kontaktlinsenflüssigkeit benötige, Entschuldigung für den Rucksack, den ich hier abstellen muss. Entschuldigung, ich muss hier leider rein. Irgendjemand greift mir zwischen die Oberschenkel, während ich barfuß auf das Handgepäck starre. Anschließend ziehen sie es heraus, um es gemeinsam mit mir auszuräumen.

Essen und Exzess

Wenn es Zeit wird, die lieblos zusammengesetzten Sandwiches mit viel zu wenig Wurstbelag auszuteilen, zieht sich mein Magen zusammen. Besonders attraktiv wird dann die Cola für sechs Euro. Seit alle selbstverständlichen Serviceleistungen in extra buchbare "Smart"-Pauschalpakete ausgelagert wurden, macht Vorfreude keinen Spaß mehr. Ja, ich sehne mich nach trockener Putenbrust, die gemeinsam mit verdächtig gleich aussehenden Kartoffelbällchen serviert wird. Heute hat man die Auswahl zwischen dem einen oder dem anderen Stück Toast. Ausgenommen sind hierbei Flüge nach England. Wenn die Engländer eines können, ist es geschmackloses Brot mit Bacon anzureichern.

Wichtig ist jedenfalls, dass man beim Start, während des Fluges und nach der Landung daran erinnert wird, jetzt bitte nicht zu rauchen. Als ob jemand freiwillig auf diese Idee gekommen wäre. Ich erinnere mich, als sich mein Vater 1995 in der hintersten Reihe eine Marlboro Red anzündete. Mein Gott, was war er nicht für ein Rebell.

Fliegen, so sagt man doch, sei zeitsparend, flexibel und bequem. In Wahrheit geht die Warterei an gefühlt fünfzehn Schaltern vor allem: zuckend voran. Bis man im Flugzeug sitzt, sind drei Stunden vergangen. Immer im Hinterkopf: Hält mein Akku? Wird das Gate geändert? Was habe ich wo vergessen?

Relevant, für den Abgang: Aufspringen und gleichzeitig mit allen anderen das Gepäck aus dem Stauraum holen. Sofort! Kleiner Tipp: Nur weil du ungeduldig von einem Fuß auf den anderen steigst, werden die Türen nicht früher aufgehen. Bleib sitzen, check Facebook und schick deiner Tante ein Foto vom Sonnenuntergang in Bali.

Sie wird sich freuen. Und dein Sitznachbar auch.

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