Bild: Max Deibert
bento-Kolumnist Max erklärt uns die Berliner Schnauze

Die Bauern haben die Bundesliga gewonnen. Wahnsinn. Ich kann mich dazu nicht äußern, wir in der Hauptstadt haben Hertha. Hertha ist wie ein Sohn, der Kevin heißt: zum Scheitern verurteilt.

Wut im Bauch, ist so eine Floskel, die ich hasse. Meine Wut sitzt nicht im Bauch, sondern im Kopf, in den Augen, in meinen Atemwegen. Wut verdaut man nicht, man schnauft sie raus.

Sie ist ein ständiger Begleiter in der Hauptstadt. Ich bin wütend auf den Busfahrer, der sich 8 Minuten verspätet und "nimm den Nächsten" sagt, wenn ich mit einem 20-Euro-Schein meine Fahrkarte kaufen will.

Die Werbekampagne der BVG, der Berliner Verkehrsbetriebe, macht mich wütend, weil sie mit meiner Wut spielt. Da singt ein gescheiterter Typ von DSDS: "Musiker im Zug, is´ mir egaaal."

Das ist mir überhaupt nicht egal!

Wenn mir noch einmal drei Sombrero Träger mit verstimmten Gitarren "Mrs Robinson" von Simon und Garfunkel ins Ohr trällern, laufe ich Amok. Der Top-Kommentar unter dem "Is' mir egal"-YouTube-Video kommt von Hertha BSC: "Sehr cooler Clip! ;)" Ach Kevin, lass es doch einfach.

In der Fotostrecke: Orte der Wut
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Techno macht wütend. Da wird sich in Clubs auf die Fresse gehauen, da wird über Stunden der DJ angestarrt, solange er nichts falsch macht: zum Beispiel einen Deep-House-Track aus den Summercharts 2014 spielt. In Clubs gilt das Recht des Stärkeren, nicht des Netteren. In Ost-Clubs weniger schlimm als im Westen, aber die Hierarchien sind schon gut zu erkennen.

"Tritt mir auf den Fuß, dann stirbst du"-Blick. In der Warteschlangen vor angesagten Locations regiert die Wut auf die, die es reinschaffen und die, die mich nicht reinlassen.

Ich bin wütend, wenn am Alexanderplatz irgendein Rastalockenschönling auf IKEA-Schüsseln rumklopft und Leute das filmen oder dazu tanzen. Diese Mädchen mit den Tanktops, die so ausgeschnitten sind, dass man den BH sieht, die neonfarbene Brillen tragen und zu dem Geschepper "tanzen". Dem Rastalockenschönling werden sie kein Geld geben. Die Ehre war ja ganz seinerseits.

Mich macht wütend, dass die Berliner Stadtreinigung BSR witzige Sprüche wie "Was du heute kannst entsorgen…" auf ihre Abfalleimer druckt, damit mehr Leute ihren Scheiß wegwerfen. In meinem Hinterhof stapelt sich der WG-Müll von vor drei Wochen. Interessiert scheinbar keinen, lieber wird Marketing Agenturen Kohle hinten reingesteckt (#Stammtisch), um "Corpus für alle Delicti" auf Mülltonnen zu kleben. Okay, ein bisschen witzig ist das schon.

​Es gibt viele Dinge, über die wir Berliner uns mehr oder weniger gerechtfertigt ärgern.

Beim Flughafen BER waren alle so wütend auf den Bürgermeister, auf Bauleiter, Firmen, defekte Entrauchungsanlagen, korrupte Politiker, dass wir von selbst angefangen haben, darüber zu lachen. Protestieren wäre viel zu anstrengend. Lieber ein paar witzige BER-Memes bei Facebook posten und das nächste Mal am Flughafen einen vom Zoll anrempeln.

Es gibt viele Dinge, über die wir Berliner uns mehr oder weniger gerechtfertigt ärgern.

Da ist es schon schlau, dass die öffentlichen Ämter neuerdings versuchen, sämtliche Kritik in Humor zu ertränken:

Ich kann nicht umhin, die Werbekampagnen der BVG und BSR sympathisch zu finden. Sie wirken einfach nicht so aufgesetzt wie beispielsweise die alten "Alkohol-Kenn dein Limit- Kampagnen" mit Sprüchen wie: "gemeinsam chillen oder betrunken stressen?".

Nach sechs Sterni werde ich mich garantiert nicht mehr an die Moralfloskeln der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erinnern. Aber dank der BVG weiß ich: "Nicht mal deine Mudda holt dich morgens um 4:30 ab" und kann zum nächsten Nachtbus schwanken.

(Bild: Max Deibert)

Da ich mich nicht mehr über die öffentlichen Ämter aufregen kann, die jetzt selbstironisch und hip geworden sind, bleibt mir nur noch die Lifestyle-Luschen vom Berghain zu verabscheuen. Ziemlich spießig, oder?

Wenn ihr das nächste Mal in einem Berliner Café sitzt, an eurer Gecko-Mate mit Eiswürfeln schlürft und ein weltoffenes Lächeln zur Schau tragt, dann schaut euch ganz kurz um.

Der Blick der Kellnerin, die fand, dass ihr zu langsam bestellt habt. Das Stirnrunzeln des Tischnachbarn, der sich auch gerne wie eure Freundin eine XXL Chai-Latte leisten würde. Die hochgezogenen Augenbrauen des Designers, der sich von eurem Outfit persönlich beleidigt fühlt.

Seht in ihre Augen, hört sie in ihre Wut atmen.

Zurecht heißt Paris "die Stadt der Liebe" und Berlin hat seine Schnauze.

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Fühlen

Dieses Bild zeigt, dass auch Instagram-Models nicht immer perfekt aussehen

Es gibt Fotos, auf denen man sich einfach hässlich findet: Speckrollen über dem Gürtel, das Doppelkinn und der Gesichtsausdruck erst...naja. Schaut man sich dann auch noch die perfekten Model-Fotos bei Instagram an, fühlt man sich erst recht nicht besonders gutaussehend. Die Fitness-Bloggerin Anna Victoria veröffentlichte vor einigen Tagen ein Foto bei Instagram, mit dem sie zeigen möchte, dass auch Models nicht auf jedem Foto perfekt aussehen: