Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Auf der einen Seite der Mauer drückt Musik durch Boxen, Männer in Baywatch-Montur feiern ihren Sommerurlaub. Auf der anderen Seite schwitzt Peter seit vier Stunden in der Sonne. Er, 29 und aus Cottbus, muss hier arbeiten. Mitten auf dem Ballermann. 

Leute anquatschen, sie in eine der Diskos locken. Ein Promotion-Job, den er nicht macht, weil er das Geld braucht. 

Er will die sechs Wochen Schulferien, die er als Lehrer hat, ganz bewusst hier verbringen. Zwischen Konterbier, scheppernden Bässen und Kotze. Peter liebt es hier.

Warum? Das hat er uns erzählt. Und auch, warum nur eine Frau seine Liebe zum Ballermann ersetzen könnte.

Wir treffen Peter nach seiner Vormittagsschicht. Er trägt ein Tanktop, ist braun, sieht nach Solarium aus. Er trinkt Cola. Alkohol ist nur erlaubt, wenn er frei hat. Hinter ihm grölt gerade eine Fußballmannschaft. Er erzählt:

Ich führe ein Doppelleben – hier am Ballermann bin ich der, der Promotion macht, in Cottbus der Lehrer. Jetzt habe ich Ferien und ich will am Ballermann sein. Aber weil man das nicht einfach so bezahlen kann, arbeite ich hier. 

In den vergangenen zwei Jahren war ich wahrscheinlich der häufigste Besucher dieser Insel – mit meiner Fußballmannschaft war ich hier, mit meinem besten Freund und auch alleine. Das war überhaupt kein Problem. Ich bin zum Bierkönig gegangen und innerhalb von drei Sekunden stand jemand neben mir, der sogar aus meiner Nähe kam. Dann haben wir den Tag zusammen verbracht. 

Eine private Aufnahme von Peter

Ich bin Fan dieser Insel, weil die Leute hier sind, wie sie gern sein möchten und richtig aus sich rauskommen. Ich hatte hier noch nie Ärger. Letztens bin ich jemandem sowas von in die Hacken getreten, dem wäre fast die Achillessehne durchgeplatzt. Aber er guckt mich nur an und sagt: "Entschuldigung".

Der Ballermann macht die Menschen locker und offen. Sie flüchten vor ihrem Alltag, können sich entspannen, Party machen, im Bierkönig oder in einem anderen Club. Es gibt nicht nur Schlager. Du hast hier alles an einem Ort, plus Sonne, plus Meer – und du musst noch nicht mal eine andere Sprache sprechen. 

Zuhause bin ich zwar zufrieden mit meiner Arbeit, aber die Stimmung ist schlecht. Jedes Gesicht hat man schon mal gesehen, es gibt kaum Jugendliche, alle ziehen weg, es gibt kaum noch Sachen, wo man abends hingehen kann. Es ist so ein Engegefühl. Der Ballermann bedeutet unbegrenzte Möglichkeiten.

Wenn man hierher kommt, schweißt das zusammen. Man steht hier zusammen auf dem Tisch, singt dieselben Lieder. 

Es gibt kein schöneres Gefühl.

Ich könnte jetzt ohne Probleme in eine der Bars oder einen Club gehen, mich an irgendeinen Hals hängen und einfach mitsingen und derjenige freut sich. Am Ende gibt er mir noch was von seinem Trinken ab und dann ist alles gut. 

Den Job zu bekommen, war ganz einfach. Eine Mail und zwei Skype-Gespräche reichten. Man muss schon mal gearbeitet haben und aufs Aussehen achten sie auch. Außerdem muss man damit klarkommen, dass die Leute alle voll sind. Was ja auch nicht schlimm ist, ich meine, die sind ja nicht böse. Es gibt welche, die kotzen in die Ecke oder pöbeln, aber das kommt nur selten vor.

Ich habe Kollegen, die waren vorher noch nie am Ballermann. Es gab jemanden, der ist hierher geflogen und direkt wieder zurück. War ihm zu viel.

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Mein Arbeitsalltag sieht so aus: 

Am Vortag bekomme ich gesagt, welche Schichten ich habe – zum Beispiel von 14 bis 18 Uhr und dann wieder von 21 bis 1 Uhr. Sechs Tage die Woche. Wenn man die Leute anquatscht, geht es darum, klar zu machen, was in dem Laden passiert – wer auflegt oder auftritt. Niemand erkundigt sich wirklich im Internet darüber, das musst du denen schon ins Gesicht pressen.

Ich sage immer ganz unterschiedliche Sachen. "Na, was habt ihr heute noch vor?" oder "Halt, Stopp, stehen bleiben!"

Wenn die Leute ein Trikot anhaben, beziehe ich mich immer auf den Verein. Und frage zum Beispiel: "Wo feiert Stuttgart heute den Klassenerhalt?"

Es gibt Regeln: Ohne Schuhe kommst du nicht rein, wir sprechen niemanden an, der gerade eine Bratwurst isst und Getränke in der Hand hält – und auch Pärchen locken wir nicht zu uns.

Fünfergruppen von Jungs sind eben bessere Konsumenten. Paare, die Arm in Arm am Strand entlang spazieren, sehen wir nicht in einer halben Stunde auf dem Tisch tanzen. Unser Laden will Umsatz machen. 

Übrigens: Wenn 3000 Singles in den Laden reingehen, dann kommen 100 Pärchen wieder raus. Flirten gehört dazu. Eine Bekannte arbeitet an der Bar, die kommt mit dem Zählen der Nummern, die sie zugesteckt bekommt, gar nicht mehr hinterher. 

Wie viel ich genau verdiene, weiß ich noch gar nicht. Kommt drauf an, wie viele Schichten ich am Ende übernehme. Es wird wohl ein durchschnittliches deutsches Netto-Gehalt. Alles, was ich hier verdiene, werde ich hier wieder ausgeben.

Ein bisschen was wird für unsere Unterkunft abgezogen, ein großes Haus etwa 25 Minuten Fußweg entfernt. Dort wohnen alle Angestellten zusammen. Es gibt Dreierzimmer, ein riesiges Grundstück und einen Gemeinschaftsraum. Die Crew versteht sich super, wir gehen auch ans Meer, was essen oder feiern. Affären? Soll es auch geben, hab ich gehört. 

Während der Arbeit trinke ich nur Wasser und rauche auch nicht. Aber man hat ja immer mal frei.

Am Ballermann ist die Arbeit anstrengend. Du musst erstmal jemanden von etwas überzeugen. Da brauchst du viel mehr Enthusiasmus.

(Bild: Julian Stratenschulte/dpa)

Der Juli ist am Ballermann der Monat der Sportvereine – keine Spiele, kein Training, jetzt kommen sie alle. Man kann die Gäste hier eingrenzen: Gefühlt 80 Prozent der Leute kommen aus Nordrhein-Westfalen. Vielleicht, weil im Westen der Karneval und die Schlagermusik mehr gelebt wird.

Ich habe eine Spotify-Liste mit 224 Liedern von dem Zeug. Jürgen Drews ist mein Favorit. Jedes Lied ist geil. Drews ist eine Ikone, der könnte singen, was er wollte und man würde dastehen und sagen: "Jawoll". 

Man soll aufhören, Vorurteile über Mallorca zu haben – und hierherkommen. Ich kenne Leute, die zum ersten Mal hier waren und eigentlich nicht wollten. Aber die kommen alle wieder.

Es ist nicht schwer, jemanden kennenzulernen. 

Wenn man in Deutschland eine Frau anspricht, dann wird oft getratscht – hier ist es anonymer, entspannter. Aber es ist nicht mein primäres Ziel, mit jemandem was zu haben. Mein Ziel ist es, von zu Hause und vor dem Alltag zu flüchten. 

Hätte ich eine Freundin, wäre ich aber schon ein wenig eifersüchtig, wenn sie hierher fahren würde. Und ich würde es ihr auch nicht zumuten wollen, dass ich hier bin. Ich habe hier schon einige vergebene Frauen kennengelernt, die sich nach Männern umgeguckt haben. Es ist nicht so, dass sie es drauf angelegt hätten – aber hier sind eben alle glücklich – und dann sind die Gefühle völlig anders.

Es gab auch mal eine, die hat am nächsten Tag gleich ihren Freund angerufen und alles gebeichtet. Das war bemerkenswert. 

Ich werde sicher auch irgendwann mit jemandem zusammenkommen. Und dann werde ich sagen: Mallorca, es war schön mit dir.

Peter möchte für diese Geschichte lieber anonym bleiben, deshalb haben wir seinen Namen und sein Alter geändert. 


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